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Lotte Ingrisch: DIE GANZE WELT IST SPASS

12.05.2012 | buch

Lotte Ingrisch:
Die ganze Welt ist Spaß
Erinnerungen in Anekdoten
272 Seiten, Amalthea Verlag 2012

Sie ist ein Wiener Markenzeichen, fast schon ein Kennzeichen der Stadt: Lotte Ingrisch, scheinbar so verhuscht, hintergründig humorvoll, esoterisch tätig (Selbstdefinition: Stenographin des Totenreichs) und dabei doch ausreichend von dieser Welt, um das Publikum auch anekdotisch zu unterhalten, was sie in dem Buch „Die ganze Welt ist Spaß“ hinreichend tut. Ihr hoch entwickelter Sinn für Spinner, ihr Blick für Skurrilitäten ist es, die das Besondere ihrer Betrachtungen ausmachen. Abgesehen von ihrer Selbstironie – sie ist es nämlich, die sie bei diesen Anekdoten am meisten auf die Schaufel nimmt…

Lotte Ingrisch hat, wie bekannt, den österreichischen Komponisten Gottfried von Einem geheiratet (mit dem sie sich auch jetzt, da er schon lange –  seit 1996 –  tot ist, in regem spirituellen Austausch befindet). Das macht ihr Buch, da sie gerne und viel von ihm erzählt, auch für Musik- und Opernfreunde so interessant. Ihre Zusammenarbeit erwuchs aus Einems Forderung: „Ein Text muss mich gewissermaßen erotisieren, ich kann ihn sonst nicht komponieren.“ So kam Lotte an die Reihe – das Ergebnis hieß „Jesu Hochzeit“, die Folge war eine andere Hochzeit.

Apropos die erwähnten Skurrilitäten: Nicht nur, dass Einem dem Standesbeamten ein Trinkgeld gab, damit er keine Rede hielt, angeblich versuchte Dirigent Carl Melles bei der Hochzeit auch, die Einem-Köchin Maria ins Stundenhotel abzuschleppen…

Wie naiv die gute Lotte sich darstellt, erlebt man bei der Schilderung ihres ersten Konzerts an Einems Seite. Das sei aber gar nicht schön, flüsterte sie, als die ersten Töne erklangen. „Sei still“, zischte Einem, „die stimmen die Instrumente!

Es wurde dem Wiener Mädel auch nicht in die Wiege gesungen, dass sie mit dem adeligen Einem als „Frau Baronin“ in die High Society Wiens gelangen sollte – sie, die nie etwas von Mode verstand und die Escada-Ladies mit ihren Dritte-Welt-Fähnchen verstörte. „Die Lotte schaut immer so seltsam aus“, meinte Pussy Mautner-Markhof… Sie kommentiert das so: „Ich leiste mir den Luxus des einfachen Lebens.“

Glücklicherweise war Einem genau so alternativ wie die seltsame Schriftstellerin, die er sich da geangelt hatte. Er schrieb, vollbärtig, auch Autogramme als „Karl Marx“. Promis aller Arten, von Friedrich Dürrenmatt bis Friedrich Torberg, von Carl Zuckmayer bis Franz Theodor Csokor, von Rolf Liebermann bis Erich Kästner, von Kardinal König bis zum Dalai Lama geistern durch die Geschichten, und meist wird dabei sehr viel getrunken.

Einems Lieblingsfeind war Herbert von Karajan. Für den umstrittenen Kurt Waldheim setzten Einem und Lotte sich ein, was ihnen so mancher übel nahm. Landeshauptmann Pröll wird auch nicht gerne lesen, was Lotte Ingrisch verrät: Als Lieblingsdichter gab er Lotte Ingrisch an, um später zu erklären, er habe außer Karl May noch nie ein Buch gelesen…

Ja, bei der unschuldsvollen Lotte ist keiner seiner Reputation sicher. Viele Leute werden das Buch am Ende nur lesen, um sich auf die Spuren vieler Fettnäpfchen zu setzen, die für den Leser natürlich sehr amüsant, für den Betroffenen wohl eher peinlich sind.

Aber meist kommen, wie gesagt, die Einems selbst dran. Die Kassierin beim Meinl am Graben sah dem bärtigen Herren einmal nach und sagte laut hörbar: „Fesch is’ er! Nur schad, dass er so a grausliche Musik schreibt.“ In Wien erkennen sogar die Verkäuferinnen einen Komponisten und meinen sogar zu wissen, wie seine Musik klingt…!

Renate Wagner

 

 

 

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