Online Merker Logo

Die internationale Kulturplattform

LOS ANGELES: “GIANNI SCHICCHI” & “PAGLIACCI” – LA Opera

22.09.2015 | Oper

Los Angeles: “GIANNI SCHICCHI” & “PAGLIACCI” – LA Opera, 12.u. 17. 9. 2015

dim
Placido Domingo als „Gianni Schicchi. Foto: Craig di Mathew/L.A. Opera

30 Jahre LA Opera! Was uns hier vielleicht nur ein müdes Lächeln abringt, ist in der Film-Metropole Los Angeles ein zu Recht gefeiertes Jubliäum. Jahrzehnte versuchte man, eine Opernkompanie aufzubauen, mit mehr oder weniger Erfolg, nie gelang es, Oper dauerhaft zu etablieren. Die Olympischen Spiele 1984 waren der Auslöser, dass eine Handvoll Personen, allen voran Bernie Greenberg, Michael Newton und Plácido Domingo die Idee einer Opernkompanie in die Tat umsetzen wollten. Mit Peter Hemmings fand man den geeigneten Mann, dem es gelang, in intensiver Zusammenarbeit mit Plácido Domingo, im Jahr 1986 mit einer fulminanten Premiere von Verdis „Otello“ den Grundstein für das jetzige Jubiläum zu legen, im Laufe der Jahre eine eigene Kompanie aufzubauen, bald auch ein Programm für junge Sänger zu etablieren. Domingo war zunächst nur als künstlerischer Berater tätig, aber sein unermüdlicher Einsatz, vor allem als Sänger und Dirigent, ließen die Oper kontinuierlich wachsen. Plácido Domingo übernahm im Jahr 2000 die Oper und führt sie seit 2003 als General Director, umgeben von einem starken Team mit dem unermüdlichen Music Director James Conlon und Christopher Koelsch als CEO. Peter Hemmings‘ Sohn Rupert Hemmings ist inzwischen als Senior Director in der Produktion involviert.

Für diese Jubiläums-Saison konzentrierte man sich auf „Zuckerl“ aus den vergangenen Jahren. Den Auftakt machten „Gianni Schicchi“ und „Pagliacci“. Plácido Domingo trat im ersten Teil des Abends als Sänger, im zweiten Teil als Dirigent auf, eine Leistung, die bisher absolut einzigartig ist.

Woody Allen hatte 2008 eine überaus erfolgreiche Inszenierung von „Gianni Schicchi“ geschaffen, Santo Loquasto steuerte Bühnenbild und Kostüme bei. (Merker 10/2008) Kathleen Smith Belcher frischte sie in hervorragender Weise auf, alles wirkte so lebendig und witzig wie bei der Premiere. Wie damals zerkugelten sich die Leute schon beim „Film-Vorspann“ zur Musik von „Funiculì, funiculà“ mit den erfundenen, dem kulinarischen Repertoire entnommenen Namen. Diesmal dirigierte Grant Gershon mit Schwung und Präzision die geniale Partitur Puccinis, was in der bewegungsreichen Inszenierung eine besondere Herausforderung war. Die Personenregie ist unglaublich detailreich, jede/r ist ein Individuum mit besonderen Macken, köstlich und skurril. Alle agierten mit enormem Spaß und schaukelten einander in ihren Aktionen hoch. Gesanglich waren alle Rollen ausgezeichnet besetzt. Greg Fedderly als Gherardo (als Einziger schon 2008 dabei) und Stacey Tappan als Nella verkörperten das erzkonservative, bürgerliche Ehepaar, dessen Sohn Gherardino, dargestellt vom 10-jährigen Isaiah Morgan, allerdings ziemlich missraten schien. Er fuchtelte mit dem Messer herum, trank heimlich Whisky und versuchte sogar, wenn auch erfolglos, Gianni Schicchi beim Wetten zu besiegen. Meredith Arwardy dominierte als Zita – stimmlich großartig sonor und komödiantisch brillant – die Donati-Familie mit dem Kochlöffel, den sie wie eine Waffe schwang. Craig Colclough schien als Simone seine Autorität als ältester der Donati-Familie nur mit Mühe zu wahren. Peabody Southwell als La Ciesca stöckelte enorm sexy über die Bühne und beeindruckte durch ihren schönen Mezzosopran. Mit Marco knutschte sie bei jeder Gelegenheit, Liam Bonner verkörperte die Rolle mit Mafia-Eleganz. Philip Cocorinos gab mit seinem voluminösen Bass einen väterlichen Betto di Signa. Das Liebespaar Lauretta und Rinuccio fand in Andriana Chuchman und Arturo Chacón-Cruz junge, glaubhafte Darsteller. „Il mio babbino caro“ verfehlte weder bei Gianni Schicchi noch beim Publikum seine Wirkung. Auch Rinuccio konnte mit seiner Huldigung an Florenz die Herzen gewinnen. Köstlich die Nebenrollen. Kihun Yoon als Ser Amantio di Nicolao fiel durch seinen wunderbaren Bass auf und bereitete durch sein beträchtliches komödiantisches Talent großes Vergnügen.

Bleibt noch die Titelrolle: Plácido Domingo feierte ein weiteres Rollendebüt, wobei hier wohl weniger die Herausforderung als der „Spaß an der Freud“ der Grund für die Rollenwahl war. Schon beim Erscheinen gab es rauschenden Auftrittsapplaus! Man erkannte ihn kaum wieder: Langer Mantel, schwarzer Nadelstreifanzug, dunkle Haare, dunkler Bart. Rein stimmlich gibt es bei Schicchi nicht viel zu holen, doch kostete er die kurzen melodiösen Stellen natürlich aus. Was hier jedoch zählt, ist Timing und eine vielfältig veränderte Stimme als Buoso Donati. Sein Umkleiden geriet fast zu einem Männerstrip, mit solchem Genuss entledigte er sich der Hosenträger, die Hose und das Hemd folgten. Es ging durchaus ein Raunen durchs Auditorium, als sich „der Herr Direktor“ seiner Kleidung entledigte. In Zipfelmütze und langem Nachthemd etwas weniger elegant, verkündete er sodann seine Warnung an die Donatis, was ihnen drohen würde, sollten sie entdeckt werden. Köstlich! Was für ein Komödiant!

Das Ende ist in Woody Allens Regie unerwartet: In einem verständlichen Wutanfall rammt Zita dem Schlitzohr Schicchi ein Messer in den Bauch. Er rezitiert noch sein Sprüchlein, dass er mit der Hölle bestraft wurde, dann bricht er tot zusammen. Die Komödie endete nun zwar als Tragödie, doch dem kurzen Schock folgte allgemeines Gelächter. Und für das Liebespaar hatte Schicchi ja erreicht, was er wollte.

Nach der Pause erneut Riesenapplaus, als Plácido Domingo – wieder in gewohnter weißer Haarpracht und weißem Bart – das Dirigentenpult für Franco Zeffirellis Produktion von „Pagliacci“ betrat. Sie stammt aus 1996, damals mit Plácido Domingo in der Titelrolle. Nun, 20 Jahre später, betreute Assistant Director Trevore Ross die Wiederaufnahme. Sie wirkte so frisch und von Leben sprühend wie damals. Die Bühne ist in typischer Zeffirelli Manier im ersten und letzten Bild unglaublich angefüllt mit Schaustellern, Artisten, Akrobaten, „Publikum“, man weiß gar nicht, wo man hinsehen soll. Doch meistens gelingt es dann doch, den Blick des Publikums zu fokussieren und die wichtigen Darsteller nicht im Trubel untergehen zu lassen. Man muss Zeffirelli zugute halten, dass er es immer verstanden hat, jeder einzelnen Person auf der Bühne ein Gesicht und mit unglaublicher Detailgenauigkeit ein „Schicksal“ zu geben.

George Gagnidze machte als Tonio mit dem Prolog gleich Stimmung, er ist ideal für diese Partie, sowohl stimmlich als auch als überzeugender Darsteller. Als Canio stand Marco Berti auf der Bühne. Ich muss gestehen, dass ich hier etwas „vorbelastet“ bin, denn in meinem Ohr ist in dieser Rolle immer noch Domingo präsent und es fiel mir nicht leicht, diesen Eindruck abzuschütteln. Marco Berti ist kein großer Psychologe, auch kein besonders charismatischer Sänger, aber er gestaltete die Partie mit Kraft und sicheren Höhen und schaffte es so, das Publikum zu begeistern. Als Sänger ist er etwas unberechenbar, wie lange er Töne aushält und welches Tempo er anschlägt, das muss man spüren. Was Domingo am Pult auch tat, er trug ihn auf Händen. Ana María Martínez war eine außergewöhnliche Nedda. Stimmlich weit entfernt von den oft „zwitschernden“ Sopranen, überraschte sie mit ihrer dunkler gefärbten Stimme, die ausladend sein kann, dann wieder wunderbarer Piani fähig ist. Dazu ist sie eine berührende Darstellerin. Noch nie habe ich die Szene mit ihr und Tonio bzw. ihr Duett mit Silvio als so bedeutsam im Stück empfunden. Silvio wurde von Liam Bonner gesungen. Stimmlich ungewohnt tief timbriert, und leicht unruhig in der Stimmführung, passte er aber hervorragend zum dunkleren Sopran von Martínez. Ihr Duett bildete für mich einen Höhepunkt des Abends. Ein erfreuliches Wiedersehen gab es mit einem gutaussehenden, jungen Sänger, der 2014 in der Traviata einen sehr präsenten Gastone gegeben hatte und heuer als Beppe wiederkehrte: Brenton Ryan. Eine (im Vergleich zu Marco Berti) noch kleine Stimme, aber gut geführt und sehr differenziert eingesetzt. Auch als Beppe/Arlecchino fiel er sehr positiv auf, zeigte sich enorm beweglich und immer in Aktion.

Ein großes Pauschallob gebührt dem Chor, den Akrobaten und Artisten, sowie all den Statisten, die in einer beeindruckenden Mischung von Präzision und Spontaneität agierten, egal ob es Freude oder Entsetzen war, es kam immer völlig authentisch über die Rampe.

Plácido Domingo legte seine ganzen Gefühle, die er als Canio über Jahrzehnte durchlebt hatte, in das Dirigat, unterstützte die Sänger aufs Beste und bot eine aufwühlende Darbietung dieser emotionsgeladenen Partitur.

Margit Rihl

 

 

Diese Seite drucken