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LONDON/ ROH IM KINO / Dresden UFA Kristallpalast: DER FLIEGENDE HOLLÄNDER mit Terfel, Pieczonka

25.02.2015 | Oper

Live aus dem Royal Opera House London: „DER FLIEGENDE HOLLÄNDER“ MIT BRYN TERFEL UND ADRIANA PIECZONKA – 24.2.2015

 Unbenannt
Bryn Terfel, Adriana Pieczonka. Foto: ROH / Clive Barda

Dieses Mal waren die Opernfreunde in den Dresdner UFA Kristallpalast gepilgert, um in HD-Qualität, glasklarem 5.1 Surround-Sound und einwandfreier akustischer Übertragung Richard Wagners „Fliegenden Holländer“ live aus dem Royal Opera House London mit mehreren weltbekannten Opernstars zu erleben – in der wievielten Inszenierung dieser beliebten Oper weltweit? Für wirkliche Opern- und Wagner-Fans wird das nie zu viel.

 Die „Stars im Sturm“ müssen sich in der – für den Laurence Olivier Award nominierten – Produktion von Tim Albery in sehr rauer Seeluft bewähren. Er siedelt die Handlung in rauer Umgebung mit sehr rauen Gesellen an, aus englischer Sicht möglicherweise Schottland (wie in Wagners Urfassung) oder Norwegen (wie in dessen späterer Fassung). Der Schwerpunkt der Geschichte um Meeresgewalt, Turbulenzen und Seelenheil wurde bei Albery auf die naturalistische Darstellung des rauen Seemannslebens in neuerer Zeit verlegt. „Gewitter und Sturm“ sollen das Bild prägen. Eine entsprechende Einstimmung auf die „raue See“ sollten die, auf den Vorhang projizierten, („echten“) Meereswellen, die relativ friedlich, ohne bedrohliche Wucht, dahinrollten, und auch die hier und da über den Vorhang zuckenden Blitze bieten –  zweifellos alles Gefahren für die Seefahrt, die aber nur bedingt in die dramatische Situation einstimmten. Obwohl die „atmosphärischen“ Bühnenbilder von Michael Levine die dunkle Thematik noch verstärken, blieb der romantische Schauer aus. Er tritt nur andeutungsweise in Erscheinung, wobei nicht sicher ist, was dem Bühnenbild entspricht und was der Kamera-Regie. Zumindest die Kinobesucher blieben „cool“, da sich auch die Personenregie sehr in Grenzen hielt.

 Die „schlichte“, derbe Alltagskleidung der (voluminösen) „Stars im Sturm“ (Constance Hoffmann) tat ein Übriges. Selbst das „Outfit“ des Holländers wirkte sehr gegenwärtig, obwohl dieser doch schon ewig lange auf dem Meer segelt (Vielleicht haben ihn die aller 7 Jahre an Land angetroffenen Frauen neu „eingekleidet“.)

 Von „Romantischer Oper in drei Aufzügen“ (so die Originalbezeichnung) war da wenig zu spüren. Hauptgegenstand schienen düstere Tristesse und raue, rohe Sitten des Seemannslebens, in die auch das rohe Verhalten der Seeleute, die ihren betrunkenen, schläfrigen Steuermann, realistisch dargestellt von Ed Lyon, nach alter Seemannsweise drangsalierten, hineinspielte. Gesanglich wirkte Ed Lyon weniger aufregend (was evtl. auch auf die Übertragungsadaption zurückzuführen gewesen sein könnte.

 Die Spinnstube scheint endgültig passé zu sein. Wolfgang Wagner ließ die Frauen und Mädchen in seiner Dresdner Inszenierung lieber stricken als spinnen, weshalb man dann an den gestrickten Schals ablesen konnte, wie lange und oft die Oper in dieser Inszenierung schon gespielt wurde. Als die Schals zu lang wurden, wurde die Oper abgesetzt. Bei Albery mutierte die Spinnstube gar zur stressigen Nähproduktion mit modernen Nähmaschinen und Werkstattbeleuchtung, wodurch der Zauber der Spinnstubenatmosphäre ganz verschwand. Die Frauen müssen im Produktionssaal einer Bekleidungsfirma arbeiten, in einer, in der eigentlich überhaupt keine Zeit für Lieder und Geschichten ist, aber Senta hatte eine Sonderstellung (vielleicht als Tochter des Chefs) und konnte ihre Arie singen, mehr oder weniger „toleriert“ von Catherine Wyn-Rogers, einer – einschließlich Gesang – typischen, rundlichen Mary, weder besonders streng, noch nachsichtig.

 Beim Fest schienen dann diese „Damen“ alle aus einem Bordell (Nebenbeschäftigung?) zu kommen. Da war selbst unter den älteren Frauen auch nicht eine einzige arme, vergrämte Seemannsfrau zu entdecken.

 Musikalisch war die Aufführung jedoch beachtenswert, was bei einer Opernaufführung schließlich das Entscheidende ist. Bryn Terfel konnte als ewig enttäuschter, lebensüberdrüssiger Holländer voll überzeugen. Besonders bei seinem endgültigen Abschied von Senta, wenn er sich trotz Sentas Opferwillen betrogen fühlt und enttäuscht, mit der Vehemenz eines alten „Seebären“, seinem unerbittlichen Schicksal erneut zustrebt, konnte er sich folgerichtig darstellerisch und vor allem gesanglich zur Höchstleistung steigern, insbesondere, was Ausstrahlung, Volumen, Tiefe und Tiefgründigkeit betraf – wohl die beeindruckendste Szene der gesamten Aufführung.

 Adrianne Pieczonka war als Senta eine ebenbürtige Gegenspielerin, die mit ihrem biederen (gut sitzenden) geblümten Sommerkleid der 1930er Jahre inmitten der rauen Landschaft und „Seemannsklamotten“ wie eine Außenseiterin wirkte. Sie verkörperte mit sehr guter Stimme und Gesangsleistung, Mimik und Gebaren eine unschuldige Frau, deren treue Liebe den Holländer erlösen wollte, aber am Schluss mit ihrer 5-Mast-Brig en miniature (als Symbol der Erlösung?) allein zurückbleibt. Man fragte sich nur, warum ausgerechnet dieses niedliche „Spielzeug“ dafür herhalten musste.

 Michael König konnte zwar gesanglich mithalten, erinnerte aber rein äußerlich keineswegs an einen jungen schnittigen Jäger, wobei eine gute Kostümausstattung viel hätte ändern können! Sänger haben nun einmal keine Idealfiguren, denen man jedes Kostüm zumuten kann. Wozu braucht man eigentlich eine Kostümausstattung, wenn die überall verfügbare Durchschnittskleidung nur auf die Rolle, nicht aber auf den Sänger „zugeschnitten“ wird?

 Peter Rose wurde zwar als indisponiert angekündigt und war am Schluss der Aufführung offenbar mit sich selbst nicht ganz zufrieden, konnte aber als Daland zumindest aus der Sicht der Kinobesucher voll überzeugen. Vielleicht konnte da auch einiges (Stimmkraft?) durch die Übertragung ausgeglichen werden.

 „Mit voller Kraft“ setzten der Royal Opera Chorus (Chorleiter: Renato Balsadonna), der nicht immer und ganz besonders im „Geisterchor“ nicht original Wagner sang, und das Orchestra oft the Royal Opera House unter der Leitung von Andris Nelsons „die Segel“.

 Am Ende brach im Royal Opera House der Sturm der Begeisterung los, andere Länder, andere Opern-Erwartungen. Möglicherweise lag die etwas kühlere Atmosphäre bei der Live-Übertragung auch an der Leinwandadaption (Ross Macgibbon), die vorwiegend die handelnden und singenden Personen in den Vordergrund rückte – oft in Großaufnahme -, ohne sie zweckmäßig in das Bühnenbild (Michael Levine) einzubinden.

 Bereuen musste man aber den Besuch der Live-Übertragung keineswegs. Es war eine bestimmte Sicht auf die Oper, eine moderne, die die Handlung in eine nicht genau definierte Gegenwart verlegt, ihren Sinn aber nicht entstellt. Aus Wagners aufwühlend romantischer Oper wurde eine realistische Milieuschilderung des Seemannslebens im Norden Europas (ob es dort jetzt noch so ist?). Es war nicht unbedingt eine „unmissable“ (unvergessliche) Aufführung wie der „Telegraph“ schrieb, aber eine, nicht uninteressante, aus – verständlicherweise – englischer Sicht.

 Ingrid Gerk

 

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