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LONDON /DRESDEN: GISELLE – live aus dem Royal Opera House LONDON – Ballett im Kino

28.01.2014 | Ballett/Tanz, KRITIKEN

Dresden / Ufa-Kristallpalast: „GISELLE“ – LIVE AUS DEM ROYAL OPERA HOUSE LONDON – 27.1.2014 

Giselle.Photograph, Artists of the Royal Ballet (-®ROH Tristram Kenton, 2011)
Formation der Wilis: Corps de Ballet – Royal Ballet      Fotograf: Tristram Kenton 

 Um eine Aufführung im Royal Opera House London mitzuerleben, kann man sich getrost eine Reise nach London sparen, besonders bei den winterlichen Temperaturen mit Schnee, Nebel und Glätte. Dank der weltweiten Übertragung ausgewählter Aufführungen in ausgezeichneter Bild- und sehr guter Tonqualität kann man es bequemer haben, z. B. im Ufa-Kristallpalast in Dresden.

 Betritt man den dafür vorgesehenen, technisch perfekt ausgestatteten, Kinosaal mit seiner angenehmen Atmosphäre, fühlt man sich plötzlich im Parkett des Royal Opera Houses mit bester Sicht, was bei der „Giselle„-Inszenierung, bei der auch Mimik und Gestaltung eine große Rolle spielen, von besonderem Vorteil war. Viele Besucher im Opernhaus können es nicht so nah und direkt sehen wie hier. Die Vorstellung in London war ausverkauft (wegen der Starbesetzung an Solisten), im großen Kinosaal gab es noch freie Plätze. In einem 15minütigen Vorspann und in der Pause werden die Zuschauer mit Interviews und einem Blick hinter die Kulissen auf die Vorstellung eingestimmt und auch die Routinierten unter ihnen erfahren noch viel Wissenswertes.

 Als sich der „Vorhang“ für die „Giselle“-Vorstellung hob, fiel der Blick auf ein romantisches, sehr stimmigen Bühnenbild, das mit wenigen „Bauten“, geschickt gemaltem Hintergrund und gekonnter Bühnenbeleuchtung (David Fin) entsprechend dem Original (Jennifer Tipton) die Handlung aus heutiger Sicht begleitet, ohne das Original zu beschädigen. Die Produktion von Peter Wright, der durch seine zusätzliche Choreografie das Szenario (Théophile Gautier) nach Heinrich Heine noch bereicherte, fängt eine romantische Atmosphäre ohne jede Spur von Erstarrung ein, die weder antiquiert noch „verstaubt“ wirkt, sondern auch dem anspruchsvollen Besucher das bietet, was die Bedeutung und Beliebtheit dieses Ballettes ausmacht.

 Wright hat in seiner Produktion nicht nur die berühmte Choreografie von Marius Petipa von 1884 (nach Jean Coralli und Jules Perrot für die Uraufführung 1841 in Paris) in die Gegenwart geholt, sondern auch die schönsten Seiten der Romantik, indem er die Choreografie durch Elemente der Schauspielkunst verbindet, unterstrichen durch Bühnenbild und Kostüme mit den besten Elementen der Tradition.

 Die Kostüme im 1. Akt mit hohem Schauwert sind eine Augenweide. Der optische Eindruck gehört schließlich auch zu einem Bühnenerlebnis. Historischen Vorbildern getreu, bringen sie den Prunk der Renaissance-Zeit auf die Bühne. Dieses Zur-Schau-stellen von Macht und Reichtum in vergangenen Jahrhunderten ist nun einmal eine historische Tatsache, die nicht geleugnet werden muss. Jedes einzelne Kostüm ist hier in sich und innerhalb der Gesamtheit des Bühnenbildes farblich vollendet abgestimmt, auch das ist große Kunst. Kostümbild war schließlich eine eigene Kunstgattung und sollte es auch jetzt noch sein! Warum sollten gute Traditionen nicht fortgeführt werden?

 In allem ist diese Produktion eine sehr lebendige Romantik. Sie wurde durch behutsame Veränderungen und Fortführungen aus heutiger Sicht in unserer Zeit geholt und ist nicht nur historisch interessant, sondern auch bewegend und faszinierend. Die Handlung wurde durch dramatische Ausdeutung dynamischer gemacht. Durch entsprechend wechselnde Beleuchtung unterstreicht das Bühnenbild im Bühnenhintergrund die jeweilige Handlungssituation in ihrer sich steigernden Dramatik. So versperren z. B. im 2. Akt schräg stehende Bäume mit sperrig herabhängenden Ästen den Blick in die romantische Waldlandschaft.

 Für eine Ballerina ist die wichtigste Rolle ihrer Karriere die Giselle. Natalia Osipova tanzte dieses verliebte und schwer enttäuschte Bauernmädchen sehr ausdrucksstark und, nachdem sie in ihrem Geliebten einen Prinzen mit schon verlobter Braut erkennen musste, mit sehr trauriger Miene, aber mit letzter Perfektion. Sie tanzte diese äußerst anspruchsvolle Rolle – eine echte Spitzenleistung auf Spitze – mit ungeheurer Leichtigkeit und meisterte die größten Schwierigkeiten wie entmaterialisiert.

 Sie lebte und durchlebte die Musik von Adolphe Adam und setzte sie in Tanz und Körpersprache um. Sie ließ sich faktisch von der Musik tragen und steigerte sich im Laufe des Abends immer mehr in ihre Rolle hinein, und sie vollbrachte fast Undenkbares mit ungeheurer Leichtigkeit, in scheinbarerer Schwerelosigkeit – eine tänzerische Leistung par excellence, bei der das ganze Bein bis in die „Spitze“ des Ballettschuhs eine Linie bildete und ihr ganzer Körper nur noch Tanz und Ausdruck war. Bei ihr schienen die Gesetze der Schwerkraft plötzlich aufgehoben und „die Luft ihr eigentlicher Lebensraum“ zu sein. Sie ist ein Wunder an Kondition, Leichtigkeit, Präzision und sehr ästhetischer Körperhaltung und wirkte selbst aus der größten Nähe wie das junge, unschuldige Mädchen Giselle. Hier sollte die Kritik eigentlich nur noch schweigen und genießen.

 Ihr Pendant war Carlos Acosta. Er tanzte als Prinz Albrecht und ihr Partner im Pas de deux sehr ausdrucksstark und engagiert und mit sehr guter Körperhaltung. Er unterstützte sie in jeder Phase und bildete den kraftvollen Gegenpol.

 Großartige tänzerische und gestalterische Leistungen vollbrachte auch Thomas Whitehead als Jäger Hilarion. Jeder Tanzschritt, jede Bewegung war geprägt von sehr ästhetischer Körperhaltung und wie selbstverständlichem Ausdruck. Allein seine Flucht vor den Wilis hinterließ einen nachhaltigen Eindruck. Er lief nicht einfach davon, als er an Giselles ungeweihtem Grab Totenwache hielt und die ersten Wilis vorbeihuschten. Jeder seiner Schritte wurde zu einer ausdrucksstarken Phase.

 Als Berthe bot Deirdre Chapman eine gute Charakterdarstellung. Sie war eine gütige und verständnisvolle Mutter.

 Beim gut abgestimmten Pas de six (1. Akt) fiel vor allem Yuhui Choe durch ihre profilierte Beinarbeit auf.

Das sogenannte „Weiße Bild“ (2. Akt) ist eine der berühmtesten Ballettszenen überhaupt. Solch ein „Weißes Bild“ durfte in keinem großen romantischen Ballett fehlen und ist bis heute für viele der Inbegriff von Ballett geblieben. Hier wurde es durch Hikaru Kobayashi als Myrta mit einer längeren Tanzpassage eingeleitet, die auch einige Schwierigkeiten enthielt. Sie hatte es nach so vielen Spitzenleistungen im wahrsten Sinne des Wortes nicht leicht. Ihre Stärke lag vor allem in Mimik und Gestik, um die Herrscherin des Reiches der Wilis zu verkörpern. Diese wurden vom Royal Ballet im konformen Gruppentanz und dennoch als Individuen dargestellt, denn jede hatte ihr eigenes Problem mit Trauer, Liebe, Zorn oder Hass zum Ausdruck zu bringen.

Musikalisch wurde die Aufführung vom Orchestra of the Royal Opera House getragen. Unter der Leitung von Boris Gruzin wurde das Orchester allen Ansprüchen in schöner Weise gerecht, einschließlich der beiden innigen Instrumentalsoli.

In dieser 2,5stündigen Vorstellung wurde das Ballett „Giselle“, eines der schönsten romantischen Ballette, in der Faszination des Tanzes neu belebt. Die Zeit der Romantik wurde hier durch die Unmittelbarkeit des Erlebens und sehr geschickte Bühnengestaltung in die Gegenwart geholt, ohne ihre schönsten Seiten zu zerstören oder zu verfälschen. Was sich in der Vergangenheit als gut bewährt hat, kann und sollte auch beibehalten und gepflegt werden und kann – wie hier – durch einfühlsame Anpassung an das Empfinden der heutigen Besucher ergänzt werden.

 

Ingrid Gerk

 

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