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LINZ/Musiktheater: THE WIZ – DER ZAUBERER VON OZ

29.09.2013 | Allgemein, KRITIKEN, Oper

LINZ/ Musiktheater: The Wiz – Der Zauberer von Oz

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Musical von William F. Brown nach Frank L. Baums Märchen „The Wonderful Wizard of Oz“; Musik und Songtexte von Charlie Smalls, zusätzliches Material von Tina Tippit, Deutsch von Roman Hinze

Deutschsprachige Erstaufführung am 28.9.2013

Aus dem Jahr 1900 stammt das Märchen von Frank L. Baum (Titelblatt gefunden in wikipedia), dessen erste, gleich sehr erfolgreiche, musikalische Version („Musical Extravaganza“) 1903 am Broadway produziert wurde; damals trugen viele Komponisten dazu bei, der größte Anteil stammte von einem gewissen Paul Tietjens. Den ersten Film, freilich stumm, gab es 1910. Am bekanntesten sind die Verfilmung (teilweise in Farbe) von Victor Fleming mit Judy Garland als Dorothy aus 1939 (mit der Musik von Herbert Stothart samt Jahrhundertschlagern von Harold Arlen) und ein „schwarzes“ Musical (nunmehr kurz, bündig und funky „The Wiz“ genannt) von 1975, das vier Jahre später von Sidney Lumet mit Diana Ross als Dorothy und Michael Jackson als Scarecrow verfilmt wurde.

Auf letzterem basiert die Neufassung, die uns heute erstmals vorgesetzt wurde; musikalisch eingerichtet von Martin Gellner und Werner Stranka, Vokalarrangements von Kai Tietje (nicht verwandt mit dem fast gleichnamigen „Erstkomponisten“…), Dramaturgie: Arne Beeker.

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Foto: Barbara Palffy für Musiktheater

Am Pausenvorhang sieht man eingangs als Projektion von TV- und Wochenschauaufnahmen, worum sich das Stück dreht – nämlich um eine Geschichte aus der Tornado Alley, also dem südlichen Mittelwesten der USA, u.a. im Bundesstaat Kansas, wo es oft zu den gefürchteten zerstörerischen, wenn auch meist nur kleinräumigen „Windhosen“ kommt. Dorothy (intensiv spielfreudig und gut bei Stimme: Ariana Schirasi-Fard) lebt bei Verwandten (Onkel Henry: Reinwald Kranner, Tante Em: Kristin Hölck) und deren farmhands Hank (Rob Pelzer), Pete (Oliver Liebl) und Willy (Richard McCowen), und träumt von einer Karriere als Schlagersängerin, wobei sie ihren Hund Toto (Nico, ein Jack Russel-Terrier, trainiert von Pia Papula) mit Tanzeinlage auf der „Bühne“ (ein Strohballen) präsentiert, und in die Brauserosette einer Gießkanne als Mikrophon singt. Ein Gewitter zieht auf, durch das Radio kommt eine Sturmwarnung; man vernagelt die Fenster, Tante Em räumt die Wäsche weg; als alle in den Schutzkeller hinuntersteigen, läuft Toto davon. Deswegen hält es Dorothy trotz des inzwischen herrschenden Unwetters nicht im sicheren Untergrund, sondern sie flieht nach draußen, um ihr Hunderl zu suchen. Dabei wird sie vom Wind erfasst (wild bewegtes Tanzensemble) und in ein fremdes Land getragen, das eigenartigerweise genau die Umrisse von Oberösterreich aufweist; die Landesviertel firmieren hier als Munchkinland, Smaragdstadt usw.; dazwischen verlaufen gelb gepflasterte Straßen.

Dorothy hat es ins Munchkinland verweht, wo sie unglücklicher- oder doch glücklicherweise mit dem Wohnhaus, nebst dem sie angeflogen kam, eine böse Fee erschlagen hat. Die Munchkins, in witzige Trachtenvariationen gekleidete Wolpertinger-artige Waldbewohner, machen sie mit einer freundlicheren Fee, Addaperle bekannt – mehr mode- als hexereikundig, dabei wohl auch etwas durch den Wind (der Tod ihrer bösen Schwester hat sie vielleicht doch mehr mitgenommen als sie zugeben will?), delikat verkörpert durch Daniela Dett. Diese schickt Dorothy, die jedenfalls so schnell wie möglich nach Kansas zurück will, auf den Weg zum titelgebenden Zauberer, der ihr diesen Wunsch erfüllen könnte. Dazu gibt sie ihr die magischen Schuhe ihrer dahingeschiedenen Schwester mit. Diese sind, im Gegensatz zu den paillettenroten Pumps, die Judy Garland trug, silbern glitzernde Stiefeletten.

War die Musik bislang eher unverbindlich-swingend, geht’s ab jetzt dann doch mehr und mehr in Richtung Motown-sound und Soul. Der erste Höhepunkt in dieser Richtung ist zu hören, als Dorothy auf eine den Krähen und anderen gefiederten Biestern reichlich hilflos gegenüberstehenden Vogelscheuche trifft – wiederum Rob Pelzer, nunmehr in anderer Maske, mit atemberaubender Körperbeherrschung und großem komischen Talent. Wenig später trifft man auf einem Altmetall-Sammelplatz mitten unter kaputten Autotüren und einem ausgedienten Drachenkopf aus der Grottenbahn am Pöstlingberg auf den im Rost erstarrten Blechmann (Oliver Liebl, der Herrn Pelzer in nichts nachsteht), der nach etwas Ölzufuhr bald wieder gelenkig ist und hinfort das Geschehen mit heimatlichem Dialekt begleitet. Schließlich stolpert man noch über einen mental derangierten Wüstenkönig (Richard McCowen, stimmgewaltig, dabei darstellerisch ebenso vergnüglich wie seine beiden Partner). Alle diese drei Begleiter Dorothys haben auch ihre Wünsche an den „Wiz“: ein Gehirn, ein Herz und Mut.

So macht man sich auf die Reise nach Smaragdstadt, wo der gesuchte Magier lebt. Die „Yellow Brick Road“ (siehe auch Elton John!) führt über die am Vorderrand des Orchestergrabens installierte Passerelle (über deren planerische Berücksichtigung in der Bühnenmaschinerie sich Intendant Rainer Mennicken heute besonders zufrieden zeigte) unmittelbar am Publikum vorbei, mit allerhand witzigen Interaktionsmöglichkeiten. Die erste Hürde am Weg allerdings lauert schon bald in Gestalt der eisigen Kalidahs, die wegen ihrer wehenden weißen Pelze etwas Schiachperchtenartiges an sich haben, und mit ihren auf Einkaufswägelchen montierten Sturmgewehren ausgesprochen gefährlich wirken. Aber unsere vier Protagonisten können sich, mit vollem Körpereinsatz, ihrer entledigen.

Thomas Karl Poms ist der in jeder Beziehung (außer seinen darstellerischen Fähigkeiten!) zweifelhafte Torwächter am Eingang in die Smaragdstadt; auch dieser dummschlaue Gegner wird von unserem Quartett rasch überringelt. Der gesuchte Zauberer stellt sich allerdings dann als reichlich trübe Tasse heraus: dieser, in Wahrheit ein gewöhnlicher Erdling, wurde auf einer Ballonreise, bei der er unter religiösen Vorwänden Spenden sammeln wollte, nach Oz verblasen, wo er sich durch einen eher läppischen Trick als Guru etablierte. Aber immerhin, einen grün (Smaragdstadt!) und auch sonst schillernden Chor anführen kann er. Reinwald Kranner stellt ihn stimmlich, darstellerisch und tänzerisch bühnendominierend dar. Er ist aber im Hinblick auf die Wünsche der Besucher, wie er sagt, leiiiiider machtlos, solange nicht die böse Hexe des Westens umgebracht ist, und derartige Bluttaten liegen ihm selbst halt so gar nicht. Dorothy hätte mit solchen Dingen doch schon Erfahrung?

Nach der Pause hat man sich ins (industrielle) Reich von Evillene durchgekämpft. Jacqueline Braun spielt diese Bösewichtin in Gestalt einer finster-elaboraten Woodoo-Puppe mit Verve, Maliziosität und soulgeschulter Stimme. Ihre Unterläufel verblassen dagegen etwas, insbesondere sind die Flugaffen nicht so aufsehenerregend wie im Film von 1939, auch wenn sich deren Darsteller tänzerisch besonders ins Zeug legen. Unter Ausnutzung einer peinlichen Schwäche Evillenes kann Dorothy auch diese böse Zauberin aus dem Weg räumen, und zuversichtlich kehrt man zum Wiz zurück.

Der jedoch muß nun endlich zugeben, daß es mit seinen magischen Fähigkeiten nicht so weit her ist; immerhin, er schafft es psychologisch geschickt, der Vogelscheuche ein Hirn zuzusprechen, dem Blechmann das gesuchte Herz und dem Löwen den vermißten Mut. Doch bevor Dorothy hinsichtlich ihrer Heimreise konkret werden kann, entschwebt er mit seinem alten Ballon – alleine.

Es tritt auf die gute Hexe des Südens, Glinda; Lisa Antoni verleiht ihr die „schwärzeste“ weibliche Stimme des Abends. Sie führt alles zum happy end, weist allerdings dabei auch ihrer Schwester Addaperle eine, für den Großteil der Handlung wesentliche, Gemeinheit nach. Das gute Ende ist also auch nicht gänzlich zuckersüß und eindimensional…

Das Orchester unter der Leitung von Kai Tietje (keyboards; ferner 1 reeds, 1 tp, 1 tb, e-Bass, Gitarre, Schlagzeug und percussion) klingt weit größer als es tatsächlich ist (sound design Andreas Frei) und agiert, zu beiden Seiten einer „Showtreppe“, auf der hinteren Bühne. Es findet, nach einer Anwärmphase, zu einem sehr authentischen Tonfall im Stil von Motown und Funk.

Die über reiche Erfahrung in der Musicalwelt, inklusive Broadway-Produktionen, verfügende Kim Duddy ist für Inszenierung und Choreographie verantwortlich; sie hat eine optisch attraktive und dramatisch geschickt ausbalancierte Produktion geschaffen, die in allen Rollen von kompetenten Allroundkünstlerinnen und -künstlern besetzt ist – und das zum allergrößten Teil aus dem Linzer Ensemble: Lisa Antoni, John Baldoz, Jacqueline Braun, Mirja Brunberg, Daniela Dett, Ivo Giacomuzzi, Kristin Hölck, Peter Knauder, Melanie Maier, Thomas Karl Poms, Philip Ranson, Steven Seale, Alexandra Farkic, Lindsey Thurgar, Cindy Walther und Conchita Zandbergen waren, neben kleinen und größeren Soloparts, in zahlreichen wechselnden Kostümen in Ensembleszenen zu sehen – insgesamt 21 Darsteller, aber gefühlte 200 Rollen; nicht zu vergessen einige akrobatische Einlagen mit kalkulierten Sprüngen der Darstellerinnen und Darsteller in den (gut gepolsterten!!) Orchestergraben.

Die außerordentlich einfallsreichen und witzigen Kostüme schuf Monika Buttinger; großer Aufwand für das Kostümdepartement war natürlich nicht nur in der Vorbereitung, sondern auch am Aufführungsabend gegeben, für die zahlreichen blitzschnellen Umzüge…

Bühne (Hans Kudlich) und Lichtdesign (Michael Grundner) schufen dafür einen großteils mit kleineren Versatzstücken, dann und wann auch mit klassischen Kulissen dargestellten, perfekten Raum; Begeisterter Applaus von ca. 15 Minuten Dauer (mit kräftigem „Nachschlag“ bei der Premierenfeier im Foyer) für Darsteller, Musik und Produktionsteam. Lt. Intendant sind von den 20 geplanten Vorstellungen schon 18 fast ausverkauft. Nach dieser überzeugenden Premiere sollten die restlichen Karten sehr rasch Käufer finden!

 H & P Huber

 Fotos bei: http://www.landestheater-linz.at/8578_DE-Stuecke-Stueckinfo.htm?seasonIndex=1&stueckid=2679&sparte=7

 

 

 

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