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LINZ/Musiktheater: INTO THE WOODS von Stephen Sondheim. Premiere

10.04.2016 | Allgemein, Operette/Musical

Premiere des Landestheaters Linz im Musiktheater am 9. April 2016

 Into the Woods – Ab in den Wald

Musical von Stephen Sondheim (Musik und Gesangstexte) und James Lapine (Buch), Deutsch von Michael Kunze
In deutscher Sprache mit Übertiteln

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Anaïs Lueken , Alen Hodzovic und Ensemble. Copyright: Barbara Palffy/Landestheater

Friedeon Rosén schrieb im Oktober 2015 aus Bochum für den „Merker“: „‚An allem ist Hütchen schuld‘ ist Siegfried Wagners op. 11 und handelt es sich bei diesem Opus um eine Kompilation aus über 40 Märchen der Brüder Grimm und anderer Autoren…“

Stephen Sondheim
hatte zwar keine musikalisch so prominente Vorfahren, aber er zeigte früh Talent, als er für eine Schulaufführung mit etwa 12 Jahren seine erste Show verfaßte – Musik und Text. Der Vater eines Mitschülers, ein gewisser Oscar Hammerstein (freilich DER Oscar Hammerstein von Show Boat bis Sound of Music, von Oklahoma bis The King and I), nahm ihn eine Zeitlang unter seine Fittiche. Und aus dieser Chance machte der junge Textdichter und Komponist sehr, sehr viel: schon bald nach seinem Studienabschluß schrieb er den Text für Bernsteins „West Side Story“, und 1962 kam sein erstes komplett – Text und Musik! – selbst verfaßtes Musical am Broadway heraus: „A Funny Thing Happened on the Way to the Forum“ (zuletzt vor fünf Jahren ein großer Erfolg an der Volksoper). Sondheim sorgte auch weiter für regelmäßigen Nachschub an meist erfolgreichen, obwohl weder von den Themen noch von der Musik her simplen, Werken wie Follies, A Little Night Music, Sweeney Todd; zuletzt kam 2008 „Road Show“ heraus.
Sondheim und Lapine ließen sich allerdings nicht von der Idee Siegfried Wagners leiten, sondern kamen auf dem Umweg einer Kreuzung von TV-Serien, die sich schließlich nicht realisieren ließ, zu diesem Musical. Eine Parallelität sticht für deren 1986 in San Diego uraufgeführten und am 5. November 1987 am Broadway angekommenen Exkurs in den Wald – denn wo könnte man all die verschiedenen Märchenfiguren am glaubwürdigsten zusammenführen? – trotzdem ins Auge.
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Alen Hodzovic, Ariana Schirasi-Fard. Copyright: Barbara Palffy für Landestheater

Außerhalb der Brüder Grimm, Perraults und anderer Märchensammler maßgeblich: „The Uses of Enchantment: The Meaning and Importance of Fairy Tales“, von Bruno Bettelheim 1976 veröffentlicht, von den Autoren als Inspiration genannt. Dank dieser psychologischen Anleitung und Aufbereitung kommen Sondheim und Lapine aber mit „nur“ rund 6 Märchen aus, die in eine Rahmenhandlung mit dem verzweifelten Kinderwunsch eines Bäckers und seiner Frau verflochten werden. Und natürlich gibt es viele paradoxe und (schwarz)humorige Wendungen der altbekannten Geschichten, die zu einem neuen Ganzen verwoben sind. Vielleicht ist das sogar die Wiederfindung einiger Facetten dieser Geschichten, die zur Zeit ihrer ersten Veröffentlichung der „Schicklichkeit“ des Biedermeier und den Erfordernissen der Kindertauglichkeit (die diesen Geschichten ursprünglich nicht unbedingt zu eigen war!) zu Opfer gefallen waren – etwa die plausiblen sexuellen Anklänge der Situation Rotkäppchen mit Wolf, die ja auch Tex Averys köstliche Zeichentrickfilme der 40er-Jahre anregten. Auch daß die zwei Prinzen des Stückes (Brüder, der eine für Aschenputtel, der andere für Rapunzel) wenig vorbildlichen Charaktere sind, wäre um 1812, als die Grimm‘schen Kinder- und Hausmärchen erschienen, nicht so recht goutiert worden.

Die Inhaltsangabe in Wikipedia ist eine ziemliche Herausforderung, hier also verkürzt: die Kinderwunschpraxis, die das Bäckerspaar konsultiert, wird von einer Hexe betrieben, was weder den beiden noch einer ganzen Reihe anderer Figuren recht gut tut… das führt zu vielen Verwicklungen zwischen den Bäckersleuten, Rotkäppchen, Aschenputtel, Hans (mit der Bohnenranke) und Rapunzel, die einen recht kurzweiligen ersten Akt ergeben. Zur Pause wären die Geschichten soweit abgeschlossen, dass man eigentlich das berühmte „… und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute“ sagen hätte können; einige Fragen und Rechnung allerdings bleiben, wenn mans genau überlegt, offen… Und Sondheim und Lepine wollen eben wissen (und uns wissen lassen): wie ging es wirklich weiter? Es wird realistischer und eher ernüchternd, dabei psychologisch komplexer, wenn auch noch einige Spuren von Dornröschen und Schneewittchen vorbeiwehen – aber auch die nur als Störfaktor. Und es manifestiert sich auch der Tod, der mit der erwähnten Standardformel eigentlich gebannt schien, dann doch, unerbittlich. Aschenputtel seufzt einmal: „Mein Vaterhaus war ein Albtraum, das Schloß war ein Traum – aber ich hätte gerne etwas dazwischen!“. Aber dass doch niemand gänzlich alleine ist, wenn auch die Umgebung so scheinen mag, wird uns gezeigt.

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Ariana Schirasi-Fard , Rob Pelzer, Anaïs Lueken, Konstantin Zander. Copyright: Barbara Palffy für Landestheater

Die Inszenierung von Musical-Spartenchef Matthias Davids mischt sich nicht ins Buch ein, sondern arbeitet die Charaktere und Handlungselemente sehr schön heraus, sodass die im Grunde wahnsinnig komplizierten Abläufe besonders des ersten Aktes sehr plausibel über die Rampe kommen. Der zweite Akt ist weniger turbulent, aber die Regie lässt auch hier keine Längen zu. Unterstützt wird er in der perfekten Personenführung vom Choreografen Simon Eichenberger, dramaturgisch von Arne Beeker.
Die Bühne von Davids‘ Lieblingsgestalter, Mathias Fischer-Dieskau, nimmt auf im Erzgebirge hergestellte winzige Märchendioramen in Zündholzschachteln, Bezug. Der Märchenwald besteht daher aus Zündhölzern, die bei Suchen und Verirrungen stets gegeneinander verschoben werden, sodass immer wieder neue Varianten des sylvestrischen Labyrinths entstehen. Im zweiten Akt, als die offen gebliebenen Konflikte aus dem ersten auf ihre Lösung drängen, ist das Märchen-Zündholzland (teils) abgebrannt… auch das eine vorzüglich passende Kulisse zu den Wendungen, die die Geschichte nimmt. Nicht zu vergessen der Abendvorhang mit elaborater Kreuzstich-Stickerei, der uns gleich einmal in ein langsameres Zeitalter versetzt… Die von Michael Grundner geleitete Lichtführung unterstützt das Regiekonzept vorzüglich.

Die Kostüme (samt Haartrachten) von Judith Peter sind einfallsreich, verspielt, satirisch zugespitzt (besonders köstlich: die beiden Wölfe!) und fügen sich perfekt ins Gesamtkonzept, das „Märchenzeit“ mit humorvoll wohldosierten heutigen Elementen verknüpft.

Durch einen Erzähler (der mitunter auch als „geheimnisvoller Mann“ in die Handlung eingreift), werden Handlungsknoten geklärt und komplexe Abläufe übersichtlich gemacht; Günter Rainer führt uns mit Autorität, feiner Diktion und der eine oder anderen Sottise durch den Abend.

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Cheryl Lichter, Rob Pelzer, Anaïs Lueken , Daniela Dett. Copyright: Barbara Palffy für Landestheater

Die
Hauptrollen des Bäckers und seiner Frau sind mit Rob Pelzer und Daniela Dett hervorragend besetzt – eine Vielfalt an Emotionen und komplexe Personenentwicklung über das ganze Stück stellten beider glaubwürdigst dar, kombiniert mit exquisiter Körperbeherrschung und stilgerechtem wie perfekt artikuliertem Gesang. Antreiberin der Handlung (mitunter freilich glaubt sie das nur) ist die Hexe; Kristin Hölck gibt ihr (als erste Rolle nach ihrer Babypause) funkelnde, bewegliche Präsenz, und gleich ihr erster Auftritt gerät mit einem ausdrucksstarken Rap zu einem Gustostück, und manchmal darf sie sogar einen Hexenschuß abgeben.

Den etwas tumben Hans, der einen entzückenden (sic!) Kuh mit sehr traurigen Augen (gebaut von Hagen Tilp) zum einzigen Freund hat, aber andererseits ein Paar von Riesen begaunern kann, verkörpert Konstantin Zander mit glaubwürdig naiver Natürlichkeit und Sympathie. Seine Mutter spielt die Grande Dame des Landestheaters, Cheryl Lichter, die gesanglich wie als Komödiantin überzeugen kann.
Ariana Schirasi-Fard ist ein köstlich trampelig-schrilles (was freilich nicht für ihre kultivierte Singstimme gilt!) Rotkäppchen, das aber in den prekären Entwicklungen des zweiten Aktes auch mit ganz anderen Facetten überzeugen kann.
Als höchst bewegliche, witzig bedrohlich-verführerisches Wolfsduo und einige menschliche Makel kultivierende Prinzenbrüder (eine Kombination, die vielleicht nicht nur von Besetzungsökonomie bestimmt ist) brillierten Alen Hodzovic und Riccardo Greco mit vorzüglichem, perfekt artikuliertem Gesang und beeindruckender Körperbeherrschung.

Aschenbrödel – NEIN Aschenputtel!! Anaïs Lueken überzeugte gesanglich und darstellerisch ebenso wie ihre wenig sympathische Stiefverwandtschaft (Mutter Kristina Da Costa und Schwestern Florinda und Lucinda, Cindy Walther und Tina Schöltzke) – letztere kleinere Rollen, die deren Darstellerinnen freilich auch für komödiantisch großartige Momente nutzen konnten, und mit welchen sich Vater Hans-Günther Müller resignierend arrangieren hatte müssen.
Auch das Rapunzel von Katrin Paasch war gut bei Stimme und Spiellaune.
Ingrid Höller fügte sich als Aschenputtels leibliche Mutter, Rotkäppchens Großmutter und Stimme der den zweiten Akt in Mauerschau und mit diversen Effekten dominierenden Riesin perfekt ins vorzügliche Ensemble, und Philip Ranson lieferte als Kammerdiener ein Kabinettstückerl des nach oben buckelnden und nach unten tretenden Hofschranzen.

Das Bruckner Orchester Linz unter Daniel Spaw setzte die musikalisch wie technisch höchst anspruchsvolle Musik Sondheims wunderbar um, egal, ob fein gewebte Stimmungen oder burleske Elemente gefragt waren. Dazu sei auch gesagt, dass die Musik keine „Ohrwürmer“ aufweist, sondern von ihrer harmonischen Komplexität und Originalität lebt, immer unter Spannung gehalten werden muss, was der Dirigent auch perfekt beherrscht. Auch die Abstimmung mit der Bühne klappte optimal; dabei spielte auch die Kunst der Toningenieure, die diese mikrophonverstärkte Produktion live abmischen mussten, eine wesentliche Rolle.
Begeisterter Applaus, der auch dem Produktionsteam uneingeschränkt zuteil wurde.

H & P Huber

 

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