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LINZ/Landestheater: DON PASQUALE

23.12.2012 | KRITIKEN, Oper

Landestheater Linz DON PASQUALE (Premiere 8.12., besuchte Vorstellung 22.12.2012)

 
Foto: Armin Bardel

Spätestens seit der Renaissance ist die Story des ungleichen Paares ein Topos nicht nur in der Literatur, sondern in allen Bereichen der Kunst. Bereits die Susanne im Bade, die von zwei lüsternen alten Richtern dabei heimlich beobachtet wird, eine alttestamentarische Apokryphe zum Buch Daniel (Dan 13,1 ff), kann als früher Vorläufer angesehen werden. Über Aristophanes führt dann die weitere Entwicklung zu den römischen Komödiendichtern Plautus und Terenz, die ihre Stücke teilweise wörtlich aus griechischen Vorlagen übertragen hatten. In all diesen Stücken spielte der gerissene wie intrigante Sklave, der meist auf der Seite des jungen Liebespaares stand, das auf Grund widriger äußerer Umstände nicht zusammenkommen kann, die Hauptrolle. In der Oper Don Pasquale begegnen wir ihm wieder als Dr. Malatesta.

In einer nächsten Entwicklungsphase werden dann bestimmte Typen der commedia dell’arte individualisiert und erscheinen dann mit ihren liebenswerten Schrullen bei Donizetti. Aus dem Pantalone wurde der Don Pasquale, aus Arlecchino unser Dr. Malatesta und aus den Innamorati Leandro und Corine schließlich Ernesto und Norina.

Uraufgeführt wurde der Don Pasquale schließlich am 3. Januar 1843 im Théâtre Italien in Paris. Dem Libretto lag das Drama giocoso „Ser Marcantonio“ (1810) des heute völlig vergessenen italienischen Komponisten Stefano Pavesi (1779-1850) zu Grunde. Stilistisch gehört der Don Pasquale zu den Nummernopern (19 an der Zahl) mit Accompagnato-Rezitativen. Die Handlung spielte um 1840 in Rom, also in der damaligen Gegenwart, was Donizetti nicht allein durch die Erwähnung modischer Accessoires unmissverständlich zum Ausdruck brachte. Einem Zeitalter zunehmender Industrialisierung mit ihrem ohrenbetäubenden Maschinenlärm, wachsender Städte und revolutionärer Umgestaltungen in Europa, trug Donizetti auch durch eine eigene Musiksprache im Don Pasquale Rechnung, die durch polternde Hektik unter Einsatz von viel Schlagzeug gekennzeichnet ist. Folgerichtig haben daher auch Regisseur Andreas Baesler und sein Dramaturg Wolfgang Haendler den zeitlosen Plot in unsere Zeit verlegt.


Foto: Armin Bardel

Der Multimilliardär und Kakteenfreund Don Pasquale herrscht hier über ein riesiges Finanzimperium in einem von Krisen geschüttelten EU-Mitgliedsstaat Südeuropas und hortet dort im Inneren Goldbarren. Ein Vergleich mit Disneys Scrooge McDuck (Onkel Dagobert) hinkt etwas, denn dieser nimmt ja bekanntlich ein auffrischendes Bad in seinem Talertresor, wohingegen sich Don Pasquale lieber beim Minigolfspiel mit Dr. Malatesta im eigenen Büro (Bühne: Hermann Feuchter) entspannt. Es geht um Verteilungsgerechtigkeit in einer globalisierten Welt. Norina steht als Demonstrantin auf der anderen Seite der Erfolgsleiter und demonstriert mit AktivistInnen vor dem Firmenimperium. Am Schluss finden sowohl Donizettis Moral, dass eine Beziehung zwischen Alt und Jung (zumeist) nicht glücklich enden kann und eine Aussöhnung mit den Globalisierungsgegnern, indem Don Pasquale nun aus seinem Hobby eine Profession macht und einen Green Peace Laden für Kakteen eröffnet, der wahrscheinlich in wenigen Jahren zu einem riesigen Bellaflora Laden gedeihen wird, zu einem happy end.

 Der gebürtige Australier Nicholas Milton, der die Silvester- sowie Neujahrsfledermaus an der Wiener Volksoper dirigieren wird, bewies am Pult des Bruckner Orchesters, wie spannend „modern“ Donizetti auch für unsere heutigen Hörgewohnheiten erklingen kann. Das Orchester deckte dabei niemals die Solisten und den Chor zu und wuchs zu einer harmonischen Einheit.

 Dafür standen mit Ausnahme des als indisponiert entschuldigten Tenors aber auch die besten Hauskräfte an diesem Nachmittag zur Verfügung. In der Titelrolle zeichnete der amerikanische Bassbariton Damon Nestor Ploumis, dem Konzept dieser Inszenierung gemäß, keinen vertrottelten Greis, sondern einen in der Midlifecrisis steckenden, aber noch immer vitalen und dazu noch mit einem wahrlich einnehmenden Gesang gesegneten Industriekapitän.

 Ihm zur Seite stand als Drahtzieher der Intrige der Tiroler Bassbariton Martin Achrainer als Dr. Malatesta („Dr. Böskopf“). Mit sauberer Linienführung, profunder Modulation gepaart mit einem beeindruckenden Volumen begeisterte er auch durch sein äußerst witzigen Spiel, wodurch er das Publikum gleich bei seinem ersten Auftritt auf einem Fahrrad für sich gewann.

 Die Ausnahme-Norina der aus Seoul stammenden koreanischen Sopranistin Myung Joo Lee war ein weiterer Lichtblick dieser Produktion und bewies, was ein bekannter Theateragent mir in Wien erst vor kurzem verraten hatte, dass große Talente aus dem fernen Osten zunehmend die Bühnen Europas erobern werden. Sie verfügen über eine ausgezeichnete Ausbildung, großes Talent und sind – last but not least – etwas billiger…

 Über den isländischen Tenor Sven Hjörleifsson als Ernesto bekleidet mit einem Pussy Riot T-Shirt kann stimmlich kein Urteil gefällt werden, weil er hörbar stark verkühlt war, weshalb er die hohen Töne dementsprechend nur kurz ansingen konnte. Dafür überzeugte er durch intensive Rollengestaltung, was ihm doch am Ende der Vorstellung auch verdienten Applaus einbrachte.

Rollengerecht der Notar von Johann Gruber. Der von Georg Leopold gesanglich bestens vorbereitete Chor tritt in dieser Inszenierung als Outcasts (Kostüme: Caroline Dohmen) einer übersättigten dekadenten Gesellschaft auf, die danach gieren, endlich einmal die Fronten der Macht wechseln zu dürfen. In Linz dürfen sie es: Aktivistin Norina verschenkt ihre Roben und lässt das Lager der Goldbarren von den Aktivisten erstürmen und plündern.

So rasch verflog die Zeit bei dieser musikalisch hervorragenden Aufführung und einer stimmigen intelligenten Inszenierung, dass ein Besuch einer Folgevorstellung nur empfohlen werden kann!

Harald Lacina

 

 

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