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LINZ/Landestheater: DER ROSENKAVALIER – Premiere

20.05.2012 | KRITIKEN, Oper

LINZ: DER ROSENKAVALIER

Komödie für Musik in drei Aufzügen von Hugo von Hofmannsthal und Richard Strauss

Premiere am Landestheater Linz am 19. 5. 2012 (in Kooperation mit dem Theater Lübeck)


Valentina Kutzarova (Octavian) und Mari Moriya (Sophie). Foto: R. Winkler/Landestheater

Das neue Musiktheater am Volksgarten nähert sich der Fertigstellung und soll natürlich adäquat bespielt werden. Einen Ausblick darauf haben wir heute gesehen, denn diese Inszenierung wird ins neue Haus übernommen werden – vielleicht deshalb wurde auch an Ausstattung und Personal nicht gespart, denn in Hinkunft soll damit ja eine größere Bühne gefüllt werden.

Zu Beginn die Geschichte einer Panne: wir hatten die Karten schon zu Beginn der Saisonverkaufes bestellt und erhalten, natürlich mit Ausdruck des Aufführungsdatums samt Uhrzeit: 19:30 Uhr. Als wir kurz nach sieben ins Foyer kamen, war es auffallend ruhig und (fast) menschenleer.
Eine Billetteuse fragte uns, zu welcher Aufführung wir hier seien (die „Kammerspiele“ gleich nebenan wurden am Samstagabend natürlich auch bespielt).
„Aber der Rosenkavalier hat doch schon um halb sieben angefangen!“ Hektische Suche nach den Karten – da steht definitiv 19:30. Unsere Plätze Parterre Mitte, keine Chance für heimliche Infiltration. Diskussion unter den Platzanweisern, anscheinend sind wir nicht die einzigen mit solchen Karten. Schließlich fanden sich noch zwei freie Plätze seitlich im hinteren Parterre, gerade vor dem Auftritt des italienischen Sängers. Und nach der 1. Pause konnten wir auch die uns zustehenden Sitze einnehmen.

Erster Eindruck: bemerkenswert prächtiger Dekor, barock, warme Kupfertöne herrschen vor. Großes Himmelbett, hohe Bekrönung mit silbernen Rosenmotiven. Buntes Volk (samt 2 hübschen Hunden) beim levée; großteils einfärbige, definitiv barock geschnittene Kostüme, alles geschickt und elegant stilisiert. Gerade kommen wir zurecht zum italienischen Sänger, der nicht als solcher erscheint, sondern als mahnende Allegorie der Zeit, mit Sense und Stundenglas (mitgebracht von einem Amoretten, der mitunter auch den Part des kleinen Mohren ersetzt; talentiert spielfreudig Magdalena Baehr). Pedro Velázquez Díaz schafft die kurzen Tenor-Auftritte mit zwar sauberer Intonation, jedoch merkt man ihm die Mühe deutlich an.

Schließlich auch Gelegenheit, die Marschallin (Astrid Weber) und Oktavian (Valentina Kutzarova) im Duett zu erleben: trotz der notorisch anspruchsvollen Partien keine merkliche Anstrengung, ausgesprochen schöne Stimmen, überzeugendes Spiel, die Regie klar an Text und der Situation entsprechenden Emotionen orientiert. Die „Zeit“-Arie gelingt Frau Weber nachdenklich und bewegend. Doch halt: da ist ein kleiner … Irrtum? Graf Rofrano hat rote Rosen gebracht, und die Fürstin legt eine davon, statt der silbernen, in die für letztere vorgesehene Schatulle.

Barock auch das Palais des Herrn von Faninal (der Düsseldorfer Kammersänger Stefan Heidemann, mit kräftiger Stimme und gekonntem Spiel), nur halt alles ein bisserl polierter und protziger als im Hause Werdenberg, ein Hauch Schrillheit, die Gestik des Personals eine Winzigkeit übertrieben, sogar die Allongeperücken sind höher toupiert als die des „alten Adels“ – mit feinem Spott beobachtete Neureiche, Neo-Nobilitierte (in der Mehrzahl, weil das Personal quasi gesellschaftlich, eher puncto Arroganz, mit aufgestiegen ist – kennt man ja auch aus Gesellschaften, in denen es keinen formellen Adel gibt…). Die Überreichung der silbernen – nein, roten! – Rose holpert natürlich in Hinblick auf DAS „silbrige“ Thema und den Text („der Duft! – persisches Rosenwasser“ …) andererseits ist der Regieeinfall in seiner Vielschichtigkeit und immanenten Tragik durchaus interessant – die Marschallin möchte mit dem Austausch der Rosen ihren Quinquin zurückholen, fördert aber dessen Liebe-auf-den-ersten-Blick zu Sophie, welche von Mari Moriya mit schöner Stimme und intensivem Spiel, aber nicht immer perfekter Artikulation dargeboten wird.

Die Turbulenzen bei Faninal, von der mehr zufälligen Verletzung des Ochs bis zum Hereinbrechen der besoffenen Lerchenau‘schen Meute sind ebenso sehenswert und unterhaltsam gestaltet wie der gewaltige, mit großem Personal inszenierte Wirbel im “derben Beisl“ des dritten Aktes. Wieso das Wirtshauspersonal allerdings Ledermasken trägt, die an sich besonders mysteriös und brutal gebende Freistilringer erinnern, wurde uns nicht klar.
Jedenfalls kann Frau Kutzarova hier auch noch als Komödiantin punkten, wie sie das „Mariandl“ zwischen schüchtern und doch ein bissl neugierig, schlau und doch leicht landpomeranzig anlegt.

Zum Schluß hin ist die räumliche Auflösung und Personenregie der Terzett/Duettsituation sehr gut gelungen. In der ausklingenden Musik schließt sich die Marschallin ohne weitere Einwände und Proteste dem unerbittlichen Lauf der Zeit an, der vom Tod (Gergely Dudas) angeführt wird, bevor die letzten Dur-Akkorde dem kleinen Amor gehören, der sich ein Opfer für seinen Pfeil im Publikum sucht.

Dominik Nekel spielt den Baron Ochs in seiner ganzen Komplexität überzeugend, vermeidet gänzlich Schmierigkeit und billiges Chargieren; stimmlich beherrscht er die Rolle großteils souverän, doch in den ganz tiefen Registern fehlt der Druck.

Matthäus Schmidlechner ist Valzacchi, Christa Ratzenböck Annina; beide als bewegliche Komödianten,  Pantomimen und erstklassige Sänger
wesentliche Elemente der Inszenierung. Cheryl Lichter gibt eine drollig-betuliche Leitmetzerin.

Leopold Köppl als Notar, Hans-Günther Müller (u. a.) als Wirt, Nikolai Galkin (Polizeikommissär) sowie Csaba Grünfelder und Eugen Fillo als die beiden Haushofmeister rundeten das spielfreudige Ensemble ab.

Chor, Extrachor und Kinderdarsteller waren darstellerisch und gesanglich bestens disponiert (Leitung Georg Leopold).

Es spielte das Bruckner-Orchester unter Dennis Russell Davis – zum größten Teil mit der gewohnten Präzision und Abstimmung mit dem Bühnengeschehen, jedoch war die Begleitung in der ersten Hälfte des 2. Aktes zu laut und die feinen Töne in der schwebenden Musik des finalen Duettes etc. waren nicht immer perfekt angesetzt, auch klang das Violoncello-Solo hier zu grob. Das wird sich aber in den folgenden Aufführungen (und dann im neuen Gebäude bei der Wiederaufnahme 2013) korrigieren lassen.

Jedenfalls: Anthony Pilavachi (Regie), Tatjana Ivschina (Bühne und Kostüme), Guido Markowitz (Choreographie) und ihre Helferinnen und Helfer haben sehr gute Arbeit geleistet und zusammen mit der musikalischen Produktionsleitung eine sehr unterhaltsame, psychologisch wohlüberlegte, sehens- und hörenswerte Produktion geschaffen, ohne zwangsoriginelle Mätzchen, aber mit einigen diskussionwerten bis guten Interpretationsideen.

Dementsprechend langer, einhelliger und begeisterter Applaus.

H & P Huber

 

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