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LINZ/ Musiktheater: LES NOCES – Von der hohen Zeit. Tanztheater von Mei Hong Lin und Hea-Kyung Lee. Premiere

31.05.2015 | Ballett/Tanz

LINZ: Tanztheater-Premiere: Les Noces – Von der Hohen Zeit

Tanztheater von Mei Hong Lin und Hea-Kyung Lee

Musik von Igor Strawinsky und Myung-Whun Choi

 
Copyright: Barbara Aumüller/ Landestheater Linz

Diese, seit eineinhalb Jahren vorbereitete Zusammenarbeit zwischen der Balletttruppe des Landestheaters Linz und der ISUM Company aus Seoul befaßt sich mit der Hochzeit in zwei kulturell sehr unterschiedlichen Sichtweisen und Traditionen. In der fünften Auftragskomposition für die Ballets Russes (auch „Die Bauernhochzeit“ genannt), uraufgeführt 1923 unter Ernest Ansermet mit der Choreographie von Bronislawa Nijinskaja, verarbeitet Igor Strawinsky Bruchstücke aus russischen Volksliedern in einem frei von ihm erfundenen, szenischen Ritual.

Dazu gesellt sich an diesem Abend die tanztheatralische Umsetzung einer koreanischen Legende (als Uraufführung), die ebenfalls um das ewige Thema Liebe und Treue – hier auch bis über den Tod hinaus – kreist. Die Instrumentierung für dieses Auftragswerk des Landestheaters Linz war seitens der Strawinskyschen Komposition vorgegeben – der koreanische Komponist mußte für das erste Stück des Abends die Instrumentierung (im wesentlichen 4 Klaviere und jede Menge Schlagwerk) von Les Noces übernehmen, was sich mit Bedürfnissen und Traditionen der koreanischen Musik sehr gut treffen soll. Zusätzlich kamen für dieses Werk noch verschiedene Trommeln und die bak, eine Art Klapper, zum Einsatz. Und außerdem wurden einige Tänzerinnen und Tänzer mit einer Ableitung von Kastagnetten (von 2x Handflächengröße), könnte man es nennen, ausgestattet, mit denen sie zusätzliche perkussive Elemente in die Aufführung einbrachten

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Foto: Barbara Aumüller für Landestheater Linz

 Mae (der Vermittler – sei es zwischen einem Geist und einer Person oder zwischen Mann und Frau)

Die Handlung (nach der Stückinformation des Theaters): Als König Heon-Jong der Jeoson Dynastie 1849 stirbt, tritt ein in ärmlichen Verhältnissen lebender, entfernter Verwandter namens Cheoljeong seine Nachfolge in Seoul an. Dafür muss Cheoljeong seine Geliebte Bong Hee, der er versprochen war, verlassen um einer standesgemäßen Heirat zuzustimmen. Nicht über den Verlust hinwegkommend stirbt  Cheoljeong 1863 an gebrochenem Herzen. – Lange Zeit vergeht. Die Seelen Cheoljeongs und Bong Hees treiben verbittert durch die Sphäre der Toten. Schamanen schaffen jedoch einen Raum, der durch die Verbindung der irdischen mit der spirituellen Welt den Geistern eine letzte Begegnung gewährt. Das Aufeinandertreffen von Cheoljeong und Bong Hee erzählt von der Trauer des Abschieds und den Schmerz des Verlustes, von einem Leben in Reue und den Zwängen der Gemeinschaft. Ihre Wiedervereinigung jedoch ist Liebe, ist ein Vergeben und die Möglichkeit einer Hochzeit über den Tod hinaus.

Geister: Cheoljong Sakher Almonem, Bong Hee Andressa Miyazato, Angestellter Wout Geers, Knabe Pavel Povrazník, Mädchen Stefanie Pechtl, Gehängte Nuria Gimenez Villarroya, Lehrerin Rie Akiyama, Gangster Ho-Geun Kim*, Oma Eun-Jeong Shin*

Schamanen: Schamanenkönig Damián Cortes Alberti; Schamanen Alexander Novikov, Geoffroy Poplawski, Anna Štĕrbová, Mireia González Fernández, Lara Bonnel Almonem, Jonatan Salgado Romero, Go-Woon Lee*, Bo-Yeon Kim*

Diener: Ines Fischbach, Rutsuki Kanazawa

*Gäste aus Seoul

Die Geister ergingen sich in ausdauernder und körperlich extrem konsequent durchgezogener Zombie-Motorik – George A. Romero („Night of the Living Dead“) hätte wahre Freude dran gehabt. Erst nachdem die Schamanen bewegungs- und lautstark sowie rhythmusbetont (die erwähnten „Kastagnettenhände“ spielen dabei eine sehr vernehmliche Rolle) die Geister der Liebenden zusammengebracht haben, beruhigen sich ihre Bewegungen etwas. Das Stück endet mit einer nicht nur textilseits durchaus rauschhaften Hochzeitszeremonie im Geisterreich.

Myung-Whun Chois Musik wirkt weit konservativer als die von Strawinsky, mit ausgedehnten, oft sehr sanften und melodiösen Vokalisen (Chor des Landestheaters, einstudiert von Georg Leopold, dazu Sopransolo: Margaret Jung Kim), jedoch höchst anspruchsvoller Rhythmik, die ein Orchester von vier Klavieren (besetzt mit Maki Namekawa, Borys Sitarski, Daniel Linton-France und Daniel Spaw) und vielen Parkussionisten umsetzt, unter präziser Leitung von Dennis Russell Davies. Orchester und Chor sitzen auf einem erhöhten hinteren Bühenteil, sicher eine nicht ganz einfache Situation für Dirigent und Tänzer. In diesem Fall kommt noch dazu, daß die Tänzer ja zur perkussiven Rhythmik wesentlich beitragen – aber das geschieht alles sehr präzise. SEHR genau geprobt, muß man im mindesten sagen.

 Unbenannt
Copyright: Barbara Aumüller für Landestheater Linz

Les Noces

Wieder zitiert aus der Information des Landestheaters: In vier Episoden wird von den Vorbereitungen im Hause des Bräutigams und der Braut sowie von dem Hochzeitsfest erzählt. So nehmen die Frauen in dem ersten Bild Abschied voneinander. Ihre Wünsche und Hoffnungen für das neue Leben gehen einher mit den Ängsten vor dem Unbekannten. Von der Darstellung des Paares gegenüber der Außenwelt berichtet das zweite Bild (Streitigkeiten eingeschlossen – Andressa Miyazato und Alexander Novikov stellen das mit Humor und praller Lebensenergie dar). Es folgen komplexere Interaktionen zwischen verschiedenen Paaren, schließlich ein großes Fest.

Dies wurde vom großteils schon im ersten Stück aktiven Ballettensemble Rie Akiyama, Lara Bonnel Almonem, Ines Fischbach, Nuria Gimenez Villarroya, Mireia González Fernández, Rutsuki Kanazawa, Andressa Miyazato, Stefanie Pechtl, Anna Štĕrbová, Sakher Almonem, Damián Cortes Alberti, Wout Geers, Sven Gettkant, Alexander Novikov, Geoffroy Poplawski, Pavel Povrazník und Jonatan Salgado Romero in klassischer Tanztheatermanier, mit, wie auch im ersten Stück, größter Körperbeherrschung dargestellt. Man hatte aber einen stilistisch deutlich anderen Eindruck – mitunter konnte man hier doch etwas vom frühen modernen Stil der Diaghilew’schen Ballets Russes ahnen, kombiniert mit großer Leichtigkeit der Bewegung, mitunter muteten die Abläufe fast fliegend an.

Orchester und Chor wurden hier von einem kompletten Quartett an Gesangssolisten ergänzt – Sopran Myung Joo Lee, Mezzosopran Bernadett Fodor, Tenor Pedro Velázquez Díaz, Bassbariton Dominik Nekel – akustisch von ihrer Position auf der Hinterbühne nicht gerade begünstigt, lieferten sie aber nichtsdestotrotz alle eine vorzügliche Leistung ab.

Für Ausstattung und Kostüme zeichneten Dirk Hofacker und Chung-Hong Min verantwortlich – im Strawinsky-Werk Reminiszenzen an russische Tracht, und das koreanische Stück mit starken stilistischen Einflüssen der Traditionen dieses Landes.

Großer, lange andauernder Applaus für die Tanztruppe, Musiker und die Produktionsteams, und natürlich auch für den anwesenden Komponisten von „Mea“.

Intendant Dr. Mennicken konnte bei dieser Premiere einer über 8.000 km umspannenden Zusammenarbeit auch hohen diplomatischen Besuch aus Korea begrüßen. Und außerdem konnte er mit Freude verkünden, daß nächste Woche die 350.000. Karte in dieser Saison (alle Spielstätten zusammengerechnet) des Landestheaters verkauft werden wird; eine Zahl, die hier noch nie erreicht worden ist.

 Helmut & Petra Huber, feierten an diesem Tag ihren 21. Hochzeitstag. Übrigens: Petra war mehr vom ersten Stück angetan, Helmut mehr vom zweiten; Konflikt? Nein, wir ergänzen uns!

 

Fotos © Barbara Aumüller für das Landestheater Linz

 

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