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LINZ/ Musiktheater: EIN AMERIKANER IN PARIS. Musical vom George Gerswin, Premiere

26.11.2018 | Operette/Musical


Christian Fröhlich, Gernot Romic, Christoph Messer. Copyright: Barbara Palffy/ Landestheater

Linz:„EIN AMERIKANER IN PARIS“– Premiere am Musiktheaterdes Landestheaters, Großer Saal, 25. 11. 2018

Musical in zwei Akten nach dem gleichnamigen Film von 1951, Buch von Craig Lucas, Songtexte vonIraGershwin, Musik von George Gershwin

Deutsch von Roman Hinze und Kevin Schroeder; in deutscher Sprache mit Songs in englischer Sprache

Der 38-jährig an einem Gehirntumor verstorbene George Gershwin war ein brillanter Grenzgänger, der die (ohnedies konstruierten, trotzdem/deswegen aber oft verbissen verteidigten) Grenzen zwischen U- und E-Musik ignorierte und planierte. Neben dutzenden Kompositionen für diverse Orchesterbesetzungen und für Klavier schrieb er alleine 31 Revuen und Musicals, natürlich die Oper „Porgy und Bess“ und die Musik für etliche Filme, namentlich mit Fred Astaire. Parallelen zu den früh verstorbenen so fruchtbaren „Klassikern“ Mozart und Schubert bieten sich an – nicht zuletzt, als vieles aus deren Oeuvre ja auch „Gebrauchsmusik“, also Unterhaltungs- wie Hintergrundmusik war.

Sein Tod hinterließ eine gewaltige Lücke, die auch Meister wie Kurt Weill oder Cole Porter nicht füllen konnten oder wollten. So beschloßMetro Goldwyn Mayer 1950, um das anläßlich einer Parisreise Gershwins 1926 entstandene, von Maurice Ravel und Nadja Boulanger inspirierte „rhapsodische Ballett“ obigen Namens eine prachtvolle Revuezu produzieren. Die sonstige Musik wurde quer durch Gershwins Werk gepflückt – dramaturgisch Passendes war ja reichlich vorhanden, und das nicht nur in Musicals, auch aus dem Konzertsaal. Wobei bei weitem nicht sowas wie die heute öfter produzierten „Jukebox Musicals“ herauskam, sondern ein Werk mit Handlung und einer sehr aufwendigen Choreographie. Regie führte Vincente Minelli, der Star (als Tänzer wie als Choreograph) war Gene Kellyund seine französische Freundin die junge,bis dahin kaum bekannte Leslie Caron. Einen wesentlichen Teil der Pracht und optischen Faszination des für die damalige Zeit doch schon in relativ bescheidener Technik (Format 4 : 3, Ton in Mono) hergestellten Technicolor-Films machte die Idee aus, DIE große Tanzszene vor Kulissen spielen zu lassen, die an Werke der großen Zeit der Pariser Malerei angelehnt waren: so kamen Dufy, Renoir, Utrillo, Rousseau und Toulouse-Lautrec (postum) zur Ehre, einen Hollywood-Film auszustatten.

Christopher Wheeldon arbeitete gut 60 Jahre später mit einem Buch von Craig Lucas den Film zu einem Musical um, das 2014 am Théâtre du Châtelet in Paris seine Uraufführung erlebte; am Broadwayliefes 1½ Jahre lang. Der aktuelle Abend ist die erste Aufführung in deutscher Sprache und natürlich auch österreichische Erstaufführung.


Gernot Romic und Ensemble. Copyright: Barbara Palffy/ Landestheater

Die Handlung (Dramaturgie: Arne Beeker) dreht sich um einen „GI“, der nach dem Ende des 2. Weltkrieges als bildender Künstler in Paris Fuß fassen möchte. Er lernt eine aufstrebende Tänzerin kennen und verliebt sich in sie. Nur ist er nicht der einzige, den diese Lise Dassin interessiert – auch einem ebenso US-amerikanischer Komponist und ein französischer Chansonnier gefällt sie. Dazu kommt eine reiche Amerikanerin, die einen „toyboy“ sucht, aber auch gerne Geld für Kultursponsoring ausgibt. Der Hauptunterschied zum Film ist eine Einflechtung, daß Lise jüdischer Herkunft ist und in Paris von der vermögenden Familie des Chansonniers vor den Besatzern versteckt gehalten wurde; ihre Eltern konnten derFestsetzung durch Gestapo oder französische Kollaborateure nicht entgehen und sind seither verschwunden.Lise fühlt sich den Baurels daher zutiefst verpflichtet.

Stringente Dramaturgie und aufwendige Choreographie kennzeichnen auch die Musicalversion. Da die meisten verwendeten Songs „Standards“ sind, dazu vielen durch Frank Sinatra oder neuerdings Jamie Cullum geläufig, war die Entscheidung, die Liedtexte unübersetzt zu lassen, weise und gut. Diese sind zudem so ausgesucht und eingesetzt, daß sie die Handlung nicht aufhalten, sondern fortführen und erklären.

Inszenierung und Choreografie: Nick Winston. Bühne Charles Quiggin, Kostüme AlešValášek, Videodesign: Duncan McLean, Licht: Michael Grundner: die Handlungsorte werden durch Versatzstücke, Bauteile und auch die eine oder andere Projektion schlagworthaft verdeutlicht; eindrucksvoll, trotz der notwendigen Verkleinerung, ein Teil des Fußgerüstes des Eiffelturms als Bühnenrahmen, ebenso die feingliedrigen Gaslaternen. Die Kostüme sind punktgenau auf die Fünfziger abgestimmt, nicht zuletzt an den vermögenden Damen Davenport und Baurel feinste klassische haute couture – nebst einigen gelungenen Phantasieentwürfen in den Tanzszenen, welche selbst im Stil der Zeit entsprechen, etwa Jerome Robbins‘ Choreographie für den Film „West Side Story“. Aber, entsprechend der Entstehungszeit der Musikstücke, wird auch korrekterweise tiefer in der Historie gegraben, und so kommt eine äußerst eindrucksvolle große Steptanz-Revue vor. Verwandelt wird fast immer offen mittels Drehbühne, mitunter Kulissenvorhängen, zur Musik genau synchron, perfekt umgesetzt!Die Ausstattung ist technisch wie materialseits sehr aufwendig – aber stilsicher, nicht protzig.

Die Personenführung ist nicht nur hinsichtlich der Verdeutlichung der Handlung sorgfältig, sondern schafft es auch stets, den Übergang von Schauspiel in Tanz organisch, sozusagen handlungsgemäß zwingend, darzustellen.

Tom Bitterlich liefert die Basis mit dem Bruckner Orchester in kleinerer, im wesentlichen einer Big Band mit Streichern entsprechenden Besetzung(wie bei Tommy Dorsey, Harry James um 1942 herum), angereichert durch allerhand Schlaginstrumente: man swingt, daß es eine wahre Freude ist!Solo-Piano: Christopher Mundy. Mitunter (z. B. Einleitung 2. Akt) fährt das Orchester fast auf Bühnenebene hoch und kassiert die verdiente Bewunderung des Publikums.

Der malende Ex-Soldat Jerry Mulligan wird von Gernot Romic verkörpert: kompetenter Schauspieler, guter Sänger, an sich schon sehr guter Musicaltänzer – aber als Partner einer Balletteuse muß er auch einiges aus dem Fach des klassischen Balletts bringen, was er auch schafft. Dazu gelingt ihm auch Fred Astaire’sche Eleganz! Die Tänzerin Lise Dassin ist Myrthes Monteiro (als Gast –gefeierte Hauptdarstellerin in„König der Löwen“ und andren Erfolgen in Hamburg, aber auch schon im Ronacher und in Graz aufgetreten): emotionell glaubwürdiges und bewegendes Spiel, große Eleganz als klassische Ballettänzerin!


Daniela Dett. Copyright: Barbara Palffy/ Landestheater

Henri Baurel, der Sproß einer vermögenden Familie, den es ins Showgeschäft zieht: Christian Fröhlich– vorzüglicher Sänger und Schauspieler, und trotz seiner die meisten anderen auf der Bühne beträchtlich überragenden Länge ein flotter und lockerer Steptänzer! Seine Mutter, die die Rettungsaktion für Lise nicht an die große Glocke hängen will (zu viele alte Antisemiten und Vichyfreunde laufen noch herum) und im übrigen recht standesbewußt und bestimmend ist: sorgfältig zwiespältig und letztendlich menschlich verständlich gezeichnet von Lynsey Thurgar. Milo Davenport, Mäzenin mit Hintergedanken, ist eine weitere mit Bravour ausgefüllte Paraderolle für Daniela Dett, in Linz mit zahlreichen Spitzenleistungen als Sängertänzerschauspielerin seit Eröffnung des neuen Musiktheaters etabliert. Als Komponist Adam Hochberg (Adam Cook im Film) bietet Christof Messner eine feine Darstellung des um seine Kompositionen (und ohne viel Hoffnung auch um Lise) Kämpfenden. Sein Spiel am stummen Bühnenpianino ist perfekt zum hörbaren Pianisten im Graben synchronisiert.


Ariana Schirasi-Ford, Raphaela Pekovsek, Hanna Kastner. Copyright: Barbara Palffy/ Landestheater

Die Balletttruppe, die Lise als Solistin aufnimmt, wird von Zlutoslavsky (Leon de Graaf) mit altrussisch-autokratischer Bestimmtheit geleitet; da wurde wohl ein bißchen an Sergej Diaghilev gedacht? Seine düster-herrische Tanzmeisterin Olga: Ariana Schirasi-Fard in einer kleinen, feinen Charakterstudie; sie tritt auch als einer von drei köstlichen Andrews-Sisters-Klonen (mit Raphaela Pekovsek und Hanna Kastner) auf.

Tolles, unglaublich bewegungsfreudiges Ensemble (u. a. präzisester Steptanzchorus!) aus Musical- und Tanzdarstellern: Yves Adang, Anastasia Bertinshaw, Siân Brown, Kai ChunChuang, Damián Cortes Alberti, Stephen Dole, Julia Hübner, Wei-Ken Liao, Charlotte Lovell, Alastair Postlethwaite, Vicky Riddoch, Lara Bonnel Almonem, Kayla May Corbin, Julie Endo, Urko Fernandez Marzana, Tura Gómez Coll, Mireia González Fernández, Hodei Iriarte Kaperotxipi, Valerio Iurato, Filip Löbl, Lorenzo Ruta, Andrea Schuler, Kasija Vrbanac und Vertreter der Statisterie.

Auch wenn die große Emotion nicht in vorderster Front steht (na gut, es geht auch weniger um das nicht rasend originelle plot als um die geniale Musik Gershwins!): Jubel für eine prachtvolle Produktion, was Schauwerte, tänzerisches Können und die ganze musikalische Seite anlangt!

Petra und Helmut Huber

 

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