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LINZ/Musiktheater des Landestheaters: DEATH IN VENICE. Premiere

20.05.2018 | Oper

 

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Fotos © Sakher Almonem, Linzer Musiktheater

Linz: „DEATH IN VENICE“ – Premiere am Musiktheater des Landestheaters, Großer Saal, 19. 05.2018

Oper in zwei Akten nach der Novelle von Thomas Mann, Libretto von Myfanwy Piper, Musik von Benjamin Britten
In englischer Sprache mit Übertiteln
Koproduktion mit der Opéra Nice Côte d’Azur (Premiere 2016) und dem Theater Bonn (kommt dort 2020 heraus)

Die 1912 erschienene Novelle ist wohl das bekannteste Werk des Nobelpreisträgers aus Lübeck, nicht zuletzt dank der Verfilmung durch Lucchino Visconti von 1971. Die physische Beschreibung des Gustav von Aschenbach wurde von Mann am Aussehen Gustav Mahlers geformt, dessen Tod, während eines Venedig-Aufenthaltes der Familie Mann, den Schriftsteller schwer erschüttert hatte. Viscontis Kür des Adagietto aus Mahlers „Fünfter“ zur Filmmusik war also nicht nur auf ästhetischer Ebene ganz und gar nicht weit hergeholt, wenn auch etwas kitschgefährlich…

Nachdem sich Benjamin Britten 1970 an die Komposition gemacht hatte, die auch zahlreiche Anspielungen auf sein eigenes Leben enthält, vermied er es, Viscontis Film anzusehen. Er hatte allerdings von Freunden die Einschätzung erfahren, daß das Verhältnis zwischen von Aschenbach und dem Knaben Tadzio für deren Geschmack „zu sentimental und schlüpfrig“ dargestellt sei, was Britten dazu bewogen haben mag, diese Figur aus dem Gesang herauszunehmen und ihn – samt Familie und Spielgefährten – als Tänzer auftreten zu lassen, zu einer Musik, die von indonesischem Gamelang inspiriert ist.

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Fotos © Sakher Almonem, Linzer Musiktheater

Wie komponierte Britten? Zwölftöner war er keiner. 1950 berichtete der Hamburger „Spiegel“ über den neuen Stern am Musikerhimmel: „Im Gegensatz zu anderen Künstlern scheut er sich nicht, Mittel und Stile aus den verschiedensten Himmelsrichtungen zu verwenden. Mozart und Richard Strauß, Alban Berg und so mancher andere geistern durch sein Werk. Aber er verarbeitet sie zum echten Britten.“ In Österreich war er – mit einem hintersinnigen Variationswerk – immerhin schon 1937 erstmals bei den Salzburger Festspielen aufgeführt worden. Op. 88, die letzte Oper des 1975 nobilitierten „Baron Britten of Aldeburgh“, wurde bei den von ihm 1947 gegründeten Festspielen am Ufer der Alde in Snape, im ostenglischen Suffolk, am 16. Juni 1973 uraufgeführt.

Die Musik ist feingliedrig, oft rein kammermusikalisch, manche Stellen entsprechen Rezitativen, teils nur mit Klavierbegleitung, auch parlando wird eingesetzt. Nur wenig größere Dynamiksprünge gibt es – die aber fallen wuchtig aus. Die Wucht ist freilich schon beim Blick in den Orchestergraben absehbar: 9 Trommeln, bis hin zur ganz großen Baßtrommel sind vorhanden, 5 Pauken, 5 Instrumente der Gruppe Metallophon-Marimba-Vibraphon-Crotales, zahlreiche Gongs usw. Nur mit äußerster Präzision kann die Partitur zu wirklichem Leben erweckt werden, und das Bruckner Orchester schafft dies ohne jegliche Einschränkung, ebenso wunderbar „singende“ lyrische Stellen; der Schluß, ins pppp entschwindendes Glockenspiel, ist alleine schon sensationell, und hält das Auditorium für Sekunden nach dem Verklingen in Atem.

Wie schon in Nizza dirigiert Roland Böer; er hält über die gesamten netto 2½ Stunden brillant die Spannung aufrecht und das nicht nur innerhalb des Orchesters, sondern auch mit der Bühne in perfekter Koordination. Inszenierung: Intendant Hermann Schneider; er vergißt nicht auf Bewegung und wo es paßt, wird auch einmal parodistisch überzeichnet, was er mit den erstklassigen schauspielerischen Fähigkeiten der Protagonisten auch wunderbar umsetzen kann. Im übrigen inszeniert er das Werk, nicht sich selbst: die Bühnenhandlung steht mit Text (und Musik!) im jederzeit verständlichen Einklang. Ivan Alboresis Choreografie für Tadzio, seine Freunde und Schwestern setzt lebendige Akzente gegen die förmliche und prätenziöse Erwachsenenwelt. Dramaturgische Betreuung: Christoph Blitt.

Die Bühne von Bernd Franke zeigt naturalistisch und der Handlungszeit entsprechend zuerst das Münchner Arbeitszimmer des Protagonisten; sie muß später ohne große Änderung als Schiff oder als eine größere Zahl von Schauplätzen in Venedig bzw. am Lido herhalten, was Verständnisprobleme hervorruft. Projektionen venezianischer Ansichten und Szenen sowie die Beleuchtung (Paolo Correia, Johann Hofbauer) erweitern den ursprünglich recht kleinen Bühnenraum. So ergeben sich doch recht interessante Effekte, Verwandtschaft mit dem Venedig aus Nicholas Roegs düsterem Film „Don’t look now“. Irina Bartels’ Kostüme sind in der Zeit der Handlung angesiedelt, spiegeln die Eleganz des fin de siècle.


  Fotos © Sakher Almonem, Linzer Musiktheater

Hans Schöpflin (a. G.), auch er schon in Nizza dabei, ist Gustav von Aschenbach, nicht nur während der gesamten Zeit ununterbrochen physisch und schauspielerisch auf der Bühne, sondern genauso stimmlich präsent – sei es mit wunderbar lyrischen Tönen, sei es secco oder parlando, und immer exzellent textdeutlich. Auch in Ausbrüchen ist seine Stimme nicht überfordert. Körperlich zeigt er, bis hin zu äquilibristischer Sicherheit, höchsten Einsatz. Kann diese Rolle besser interpretiert werden? Kaum vorstellbar.


Martin Achrainer. Fotos © Sakher Almonem, Linzer Musiktheater

Nicht immer, aber sehr oft sein sängerisch und darstellerisch kongenialer Partner: „der Reisende, der auch singt“, Martin Achrainer. Aber mit diesem durchaus rätselhaften und düsteren Cicerone in den Untergang ist seine Aufgabe nicht getan: er tritt auch als schriller ältlicher Geck, als unerbittlicher Gondoliere, sachlich-höflicher und doch undurchdringlicher Hotelmanager, umtriebiger Fremdenführer, geschwätziger wie geschäftstüchtiger Coiffeur, leicht ordinärer Straßensänger und als Stimme des Dionysos auf; jede einzelne dieser Rollen ist eine minutiöse Charakterstudie, völlig unterschiedlich (aber immer auch technisch und sprachlich perfekt) gesungen und gespielt, dazu oft noch mit rasend schnellen Umzügen belastet. Er trägt den Abend mit seiner herausragenden Leistung genauso wie Herr Schöpflin.

Die Stimme des Apollo ist ein weiterer Gast, der Countertenor James Laing, auch er auf dem Niveau der Vorgenannten. Als Zeitungsverkäuferin, Straßensängerin und letztendlich todbringende Erdbeerverkäuferin liefert Theresa Grabner hochklassige Sopraneinsätze, und Ensemblekollege Mathias Frey gibt einen stimmlich überzeugenden Hoteldiener, der schließlich ebenfalls schon von der Cholera bedrückend gezeichnet ist.

Zahlreiche weitere Rollen werden von Chorsolisten erstklassig ausgefüllt; zu nennen sind z. B. Vaida Raginskytė als deutsche Mutter und verzweifelte Bettlerin, Domen Fajfar als Glasbläser und Straßensänger und besonders Ulf Bunde als Reisebüro-Angesteller, der gegenüber von Aschenbach schließlich mit der ganzen Wahrheit über die Seuche herausrückt.

Der Chor des Landestheaters erfüllte aber auch als Ganzes hervorragend seine Aufgaben, zusammen mit den Kräften der Statisterie; Einstudierung diesmal durch dessen langjähriges Mitglied Csaba Grünfelder.

Die beeindruckenden Tanzsolisten sind Jonatan Salgado Romero als auch schauspielerisch hochkompetent portraitierter Tadzio (ein kleines Bißchen gelingt es, sein Aussehen an Björn Andrésen zu orientieren), Paula Kernreiter, Paula Rosenauer, Edward Nunes, Filip Löbl, Urko Fernandez Marzana, Lorenzo Ruta.

Intendant Hermann Schneider, dessen Dank und Begeisterung bei der Premierenfeier neben Protagonisten und Dirigent besonders dem Bruckner Orchester galt, konnte an diesem Abend mit Éric Chevalier, Chef der Oper von Nizza und Bernhard Helmich, dessen Amtskollegen in Bonn, auch die „Mitproduzenten“ dieser Aufführung begrüßen.

Begeisterter Applaus für Bühnendarsteller, Orchester und Dirigent sowie das Produktionsteam.

Petra und Helmut Huber

Premierenfeier © H & P Huber; v. l. Frey, Laing, Achrainer, Grabner, Schöpflin, Franke, Bartels, Alboresi, Salgado Romero, Schneider

 

 

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