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LINZ / Musiktheater am Volkspark: Musical DIE SPINNEN, DIE RÖMER

Bunt treiben sie es, die Römer in Linz!

06.02.2020 | KRITIKEN, Operette/Musical

Senex (Klaus Brantzen), Miles Gloriosus (Christian Fröhlich) und Erronius (William Mason) streiten sich um die vermeintliche Kurtisane Philia (Gernot Romic). Alle Fotos: Musiktheater Linz / Reinhard Winkler

LINZ / Musiktheater des Landestheaters: DIE SPINNEN, DIE RÖMER von Stephen Sondheim
5. Feber 2020 (Premiere 1. Feber 2020)

Von Manfred A. Schmid

Stephen Sondheim gilt als einer der führenden kreativen Köpfe der Musicalszene in der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts. Sein Weltruhm beginnt, als er als Mittzwanziger die Texte (Lyrics) zu Bernsteins West Side Story und zu Gypsy von Jule Styne verfasst. 1962 wird A Funny Thing Happened on the Way to the Forum – im deutschen Sprachraum in Anlehnung an die Asterix-Comics unter dem Titel Die spinnen, die Römer bekannt – am Broadway uraufgeführt. Sowohl Text wie auch Musik zu diesem Werk stammen aus seiner Feder. Mit knapp 1000 Vorstellungen zwischen 1962 und 1964 wird es zu seinem meistgespielten Stück, mit mehreren Tony-Awards, u.a. als bestes Musical, ausgezeichnet und auch verfilmt. Das Buch zu dieser burlesken Tür-auf-Tür-zu-Komödie, die wohl auch als Theaterstück à la Georges Feydeau ohne Musik gut funktionieren würde, kommt von den Schöpfern der TV-Serie M*A*S*H, Burt Shevelove und Larry Gelbhart. Sie orientieren sich bei ihrer Arbeit an Figuren des römischen Komödiendichters Plautus und haben es offensichtlich darauf angelegt, die in den 50er und 60er Jahren beliebten Sandalen- und Monumentalfilme durch den Kakao zu ziehen.

Sondheims Kompositionsstil gilt allgemein als anspruchsvoll und vielseitig, scheint er doch in jedem seiner Musicals etwas Neues, Ungewohntes auszuprobieren. Das unterscheidet ihn vom kommerziell erfolgreicheren Kollegen Andrew Lloyd Webber, der in seiner Mainstream-Musicalwerkstatt – nach einmal entwickeltem Rezept – Bestseller am laufenden Band produziert. Webber findet in der Regel mit einem Ohrwurm pro Musical das Auslangen: So steht „Don’t Cry for Me, Argentina“ für Evita und „Memory“ für Cats. Sondheim kommt es mehr auf das Ganze an, wie etwa in Sweeney Todd und A Little Night Music. Dass er aber auch er Hits schreiben kann, hat Sondheim, der am 22. März 90 Jahre alt wird, mit seinem zum Evergreen gewordenen Welterfolg „Send in The Clowns“ eindrucksvoll bewiesen.

Die spinnen, die Römer ist da musikalisch wie auch inhaltlich freilich eine Ausnahme, nicht ganz so kunstvoll gestrickt und anspruchsvoll wie z.B. Into the Woods oder Assassins, sondern einfacher, dafür aber auch um einiges zugänglicher. Hier geht es eindeutig um reine Unterhaltung, allerdings auf einem anarchischen, an Monty Python erinnernden Niveau. Vor allem ist das auf der Bühne Gebotene bar jeder political correctness. Gleich im Eingangslied „Comedy Tonight“ – in Linz wird auf Deutsch gesungen und parliert – wird das Publikum aufgeklärt, worum es in diesem Stück geht: Unterhaltung um – fast – jeden Preis. Es hagelt Slapstick, turbulente Verwechslungen. Eine schreiend komische Situation folgt der anderen. Dank der exzellenten, auf perfektes Timing abgestellten Regie von Matthias Davids und in einem für Übersichtlichkeit in einem schier endlosen Gewusel sorgenden Bühnenbild von Hans Kudlich, das dem altrömischen Forum nachempfunden ist – gelingt dies auch weitgehend. Vor der Pause gibt es zwar einige Längen, aber danach werden die Abläufe immer turbulenter. Groteske Wendungen, Irrungen und Wirrungen, und geradezu unlösbar erscheinende Zuspitzungen lassen schließlich kein Auge trocken.

Anteil am Erfolg haben auch die schrägen, römisch verfremdeten Kostüme von Susanne Hubrich und die schwungvolle Choreographie von Simon Eichenberger, die etwa beim Präsentationsauftritt der Kurtisanen – Timo Radünz (Tintinabula), Hannah Moana Paul (Panacea), Beate Chui und Yuri Yoskimura (Die Gemini), Brittany Young (Vibrata) sowie der ungemein gelenkigen Maria Gschwandtner als Gymnasia – für atemberaubende, geradezu artistische Abwechslung sorgt.

Die beiden die Handlung vorantreibenden Figuren sind die im Haus des Patriziers Senex und dessen Frau Domina beschäftigten Sklaven Pseudolus und Hysterium. Als Pseudolos erfährt, dass Hero, der Sohn des Hauses, sich unsterblich in ein seit kurzem im linken Nachbarhaus gesichtetes junges Mädchen namens Philia verliebt hat und dieses unbedingt heiraten will, verspricht er, ihm zu seinem Glück zu verhelfen. Winkt ihm, als Lohn für die Mühe, immerhin nichts weniger als die Freiheit. Wie sich Pseudolus einfallsreich und wendig daran macht, dieses Vorhaben in die Tat umzusetzen, welche Strategien er sich dabei ausdenkt und wie er dabei seinen widerborstigen, verklemmten Kollegen Hysterium als Erfüllungsgehilfen einsetzt, darum geht es in dieser temporeichen Geschichte. Hürde Nr. 1 bei der Erreichung des Zieles ist der Umstand, dass der Chef des Nachbarhauses mit schönen Frauen handelt und daher die noch unschuldige Philia längst an einen eitlen Hauptmann verschachert ist.

Gernot Romic (Hysterium) und David Arnsperger (Pseudolus).

Das hohe Niveau des Linzer Musicalensembles, allen voran David Arnsperger als umtriebiger, stets präsenter und sympathischer Pseudolus sowie der vielseitige Gernot Romic als stets an der Kippe zum Hyperventilieren wandelnder Sklave Hysterium, garantiert eine perfekte Umsetzung. Wie Romic schließlich, als Philia verkleidet, dem Bräutigam/Besitzer Miles Gloriosus (Christian Fröhlich) vorgeführt wird, ist an Komik nicht zu überbieten-

Großartig der aus Daniela Dett, Celina dos Santos und Lynsey Thurgar bestehende Chor (!). Als Piraten, Sklaven, Bürger, tollpatschige Soldaten oder Eunuchen mit grotesken Speckbäuchen haben sie zwar kaum zu singen, dafür aber kommen sie in einem fort zum Einsatz. Was da geboten wird, ist Slapstick höchster Güte. Allein die dabei geforderten, rasant schnellen Umkleideaktionen, zwischen ihren immer rascher aufeinander folgenden Auftritten, verdienen höchste Bewunderung. Beachtlich auch die Leistungen von Sanne Mieloo als eine ihren Mann Senex (köstlich altlüstern Klaus Brantzen) nicht zu Unrecht kontrollierende Domina und Karsten Kenzel als geschäftstüchtiger Kurtisanenhändler Marcus Lycus.

Als Hero, Sohn von Senex und Domina, spielt Lukas Sandmann einen recht naiven, aber liebenswerten jungen Mann. William Mason ist ein unermüdlich das Kapitol umrundender Greis Erronius, dessen unermüdliche Suche nach seinen verschollenen, einst von Piraten entführten Kindern schließlich unversehens belohnt wird.

Das (hier auf 37 Musiker reduzierte) Buckner Orchester unter der Leitung von Juheon Han ist in dieser Inszenierung nicht wie üblich in den Orchestergraben verbannt, sondern befindet sich im Hintergrund der Bühne, über dem Geschehen positioniert. Das passt ganz ausgezeichnet, ist hier ausnahmsweise die Musik ja tatsächlich nicht die treibende, die Handlung vorantreibende Kraft, sondern bleibt – eher unaufdringlich – im Hintergrund. Im zweiten Teil gibt es über eine Strecke von etwa 20 Minuten sogar überhaupt keine Musik, was man kaum zur Kenntnis nimmt. Auch wenn sie da ist, nimmt man sie nicht bewusst eigens wahr. Sie gehört einfach dazu. Dementsprechend ist auch das Dirigat: Diese Musik ist wichtig, rhythmisch akzentuierend, vieles im Marschtempo. Aber sie drängt sich nicht auf und drängt sich nicht vor. Auch diese Variante beherrscht der Maestro Sondheim. Weißer ja immer, was, warum und wie er es macht. Das Publikum im ausverkauften Großen Saal dankt es ihm, ist begeistert und kann das tun, wofür es gekommen ist: um ausgiebig und sorgenfrei, einmal völlig unbelastet zu lachen, sich ungehemmt zu amüsieren.

 

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