Online Merker Logo

Die internationale Kulturplattform

LINZ/ Landestheater: IL DISSOLUTO PUNITO OSSIA IL DON GIOVANNI“ – Premiere

22.01.2017 | Oper

Linz: „IL DISSOLUTO PUNITO OSSIA IL DON GIOVANNI“ – Premiere am Musiktheater des Landestheaters, Großer Saal, 21. 01.2017
Dramma giocoso in zwei Akten von Lorenzo da Ponte, Musik von Wolfgang Amadeus Mozart

DG07 Achrainer
Martin Achrainer (Don Giovanni). Copyright: Linzer Landestheater/ Thomas M. Jauk

Knapp vor der dritten USA-Tournee des Bruckner Orchesters (unter Leitung von Dennis Russel Davis) steht, 10 Tage vor dem Auftritt in der Carnegie Hall mit der Uraufführung der 11. Symphonie von Philip Glass, noch eine ganz klassische Opernpremiere an. „Die Oper aller Opern“ nannte sie einst der Jurist, Schriftsteller, Musiker und Musikkritiker E. T. A(madeus) Hoffmann.

Der gebürtige Trevisaner und studierte Venezianer Enrico Calesso, in Österreich zumindest durch seine Arbeit für Klosterneuburg bekannt, läßt das klein besetzte Orchester mit angehobenem Grabenboden spielen, was die Transparenz fördert. Man hält sich an die Prager Uraufführungsfassung – also hat Don Ottavio nur eine Arie („Il mio tesoro intanto“); auch Elviras „Mi tradì quell’alma ingrata“, wie Ottavios „Dalla sua pace“ für die Wiener Erstaufführung eingefügt, fehlen gegenüber der heute meist gespielten Mischkulanz aus Prager und Wiener Version. Calesso, GMD des Mainfranken-Theaters Würzburg, wählt überzeugende Tempi, läßt das Orchester brillant und elegant musizieren; er hält genauso die Spannung aufrecht, die man für einen lebendigen Mozart braucht. Die Koordination mit der Bühne funktioniert (fast) immer perfekt.

DG01 Nekel Hirschmann
Dominik Nekel (Leporello) und Martha Hirschmann (Donna Elvira). Copyright: Linzer Landestheater/ Thomas M. Jauk

Die Inszenierung lieferte François De Carpentries: expressive und glaubwürdige Personencharakterisierung und -führung, die auf das körperlich sehr bewegliche, junge Ensemble setzt. Einige drastische Ideen sind auch dabei, stehen aber nicht im Widerspruch zum Text – etwa, wenn sich die etwas (naiv-)vulgär dargestellte Zerlina Don Giovanni mittels Unterwäsche umwirbt oder ihren verprügelten Masetto besonders liebevoll tröstet. An der Titelfigur arbeitet er sehr schön deren Janusköpfigkeit heraus – etwas plakativ schon während der Ouverture, als zu den anfänglichen düsteren d-Moll-Klängen ein Sarg auf die Bühne getragen wird, aus dem beim Umschlag in Dur der Verführer steigt und mit Sonnen- und Mondlicht(mädchen) spielt: wäre nicht unbedingt notwendig gewesen, denn im Verlauf der Oper hat der Regisseur die vielfältigen Facetten der Figur ohnedies sehr gut herausgearbeitet. Leider funktioniert sein „Dioskuren-Konzept“ zwischen Don Giovanni und Leporello nicht ganz – aber das liegt weder an der Regie noch an den Darstellern, sondern ganz banal an einem Virus… Seine Idee zur oft umstrittenen und mitunter gestrichenen Schlußszene ist jedenfalls treffsicher: zwischen den über ihre Zukunft sinnenden Protagonisten schleicht plötzlich der soeben vom Teufel Geholte vorerst unbemerkt herum und geht beim Schlußakkord mit einem teuflischen Lacher ab, worauf die anderen Figuren plötzlich draufkommen, WER da gerade im Raum war und natürlich dementsprechend erschrecken.

DG04 Achrainer Grabner
Martin Achrainer (Don Giovanni) mit Theresa Grabner (Zerlina). Copyright: Linzer Landestheater/ Thomas M. Jauk

Bühne und Kostüme: Karine Van Hercke, die die Stoffe für ihre Ausstattung gerne in Brüssel oder Venedig beschafft, an Rokoko-Schnitten Maß für eine modernere, unbestimmte Zeit (vielleicht um 1900 herum?) genommen hat und auf Farbsymbolik Wert legt. Sie ist auch für eine abstrakte, aber glaubwürdige Räume schaffende Bühne verantwortlich – im ersten Akt von einem großen liegenden Kreuz, im zweiten von Mauern dominiert. Auch hier wird wieder, praktikabel und im Einklang mit einer spannungsreichen Dramaturgie, auf die Beweglichkeit der Sängerinnen und Sänger gesetzt. Projektionen schaffen teils gewaltige Räume, wie z. B. ein gewaltiges Rosettenfenster einer gotischen Kathedrale, den Mond oder einen Sternenhimmel – wir sehen im wesentlichen ein Nachtstück. Der Komtur erscheint zum Diner beim Don mit einer Entourage, die trotz Anklängen ans biblische Abendmahl nichts Heiliges verheißt und deren Masken wohl an Francis Bacons (1909 – 1992) Portraits orientiert sind.

Wichtig auch der Beitrag der Choreografie (Christina Comtesse) – z. B. tauchen die Bot(inn)en der Hölle, die sich schließlich den Verführer holen werden, schon an früheren Stellen des Stückes andeutungsweise, aber unmißverständlich auf.

Der Chor (Leitung Georg Leopold) ist neben seiner musikalischen Rolle, die er mit höchster Qualität ausfüllt, auch in vielfältiger Form als Schauspiel- und Bewegungsensemble tätig, sei es als Masettos Dorfgemeinschaft, als Festgäste und als Begleiter des Komturs.

Die dramaturgische Betreuung lag bei Magdalena Hoisbauer – und am Premierenabend wirkte sie sogar sehr vordergründig: aufgrund gesundheitlicher Probleme eines Hauptdarstellers verzögerte sich der Beginn der Aufführung, welche Zeit von der Dramaturgin mit einem kurzen – „aus dem Ärmel geschüttelten“! – Einführungsvortrag im vollbesetzten Saal überbrückt wurde.

Der Komtur wurde von Nikolai Galkin textdeutlich und mit schönem Timbre, aber ohne viel Druck in den tieferen Registern gegeben. Seine Tochter, Donna Anna, war Myung Joo Lee – höchst beachtlich mit zarter, blühender Lyrik wie intensiver Dramatik; ihre große Arie „Or sai chi l’onore“ gelingt ihr mitreißend! Iurie Ciobanu spielt den zwischenmenschlich so unbeholfenen und distanzierten Don Ottavio sehr gut und singt ihn vor allem vorzüglich – er verfügt über eine ideale Mozart-Stimme (und beherrscht die dazu nötige Phrasierungskunst)!

DG06 Grabner vOrlovsky
Theresa Grabner (Zerlina) tröstet Till von Orlowsky (Masetto). Copyright: Linzer Landestheater/ Thomas M. Jauk

Wir haben noch keine so junge Donna Elvira wie Martha Hirschmann auf der Bühne erlebt – die Rolle muss ja absolut nicht „überwuzelt“ gesehen werden! Stimmlich wie darstellerisch (wir haben es hier wahrscheinlich mit einer neurotisch gefärbten Persönlichkeit zu tun!) leistet auch sie Großartiges!
Für den Masetto wurde Till von Orlowsky vom Studio der Mailänder Scala „ausgeborgt“ – ein sehr guter Griff: vorzügliche Stimme, große technische und darstellerische Fähigkeiten. „Seiner“ (aber nicht gänzlich…) Zerlina hat Theresa Grabner ihre hervorragende Stimme und ausgefeilte Rollengestaltung geliehen; das hintersinnige „Batti, batti“ sei als überzeugendstes Beispiel genannt.

Die Titelfigur muß natürlich eine dominante Erscheinung sein, und Martin Achrainer ist mit jeder Faser der „junge und außerordentlich zügellose Edelmann“, den das Buch verlangt. Mit leuchtendem, beweglichen und druckvollem Bariton, der trotz seiner guten Fundierung immer auch die Leichtigkeit und Eleganz aufweist, die für Mozart und speziell den Giovanni unerläßlich sind, gewinnt er im Handumdrehen das Publikum und macht auch deutlich, dass die ihm mehr oder weniger bereitwillig verfallenen Frauen sozusagen gar keine Chance hatten, ihm zu entkommen. Da könnte einem durchaus der Begriff „Idealbesetzung“ in den Sinn kommen!

DG02 Lee, Hintergrund Ciobanu
 Myung Joo Lee (Donna Anna) , im Hintergrund Iurie Ciobanu (Don Ottavio). Copyright: Linzer Landestheater/ Thomas M. Jauk

Anhand früherer Auftritte wäre dieses Prädikat auch für Dominik Nekel als Leporello in Reichweite – in Spiel und Phrasierung war er ohnedies seinem „Herrn“ durchaus ebenbürtig. Jedoch trat er nicht ganz gesund an, musste sogar noch am Abend akut ärztlich betreut werden, und konnte – bei im Prinzip „funktionierender“ Stimme – leider nicht ganz seine Fähigkeiten ausspielen, die ihn zu einem Partner auf Augenhöhe für Herrn Achrainer gemacht hätten. Von ganzem Herzen baldige Besserung!

Hochzufriedener Applaus, der sich bei den meisten Sängern, und besonders bei Herrn Achrainer, zur Begeisterungsstärke erhob. Auch Dirigent und Orchester erhielten eine Extraportion davon.

Petra und Helmut Huber

 

Diese Seite drucken