Online Merker Logo

Die internationale Kulturplattform

LINZ/ Landestheater: DIE LUSTIGE WITWE. Premiere

08.11.2015 | Allgemein, Operette/Musical

LINZ/ Landestheater: DIE LUSTIGE WITWE – Premiere

Operette in drei Akten; Libretto von Viktor Léon und Leo Stein, Musik von Franz Lehár
In deutscher Sprache mit Mitlauftext wahlweise in Deutsch, Englisch, Tschechisch und Pontevedrinisch (!)

LW01 JKuhn und Herren
Judith Kuhn und „die Herren“. Foto: Reinhard Winkler für Linzer Landesteater

Das Programmheft bietet drei Inhaltsangaben an: eine „kurze“, eine „weniger kurze“ und eine „für Liebhaber von Details“. Die kurze lautet: „Fast alle begehen Ehebruch und eine alte Liebe blüht wieder auf“. Und genau dieser succus wurde von der Regie sehr schön herausgearbeitet; sie schaffte es dazu, eine recht lange Version (Einschübe, die sonst meist nicht oder noch nie verwendet wurden) ohne Längen auf die Bühne zu stellen.

Bei den Extras handelt es sich um eine von Lehár 1940 zu seinem 70. Geburtstag sich selbst geschenkte Ouverture – in klassischer Manier als Zitatensammlung der Motive aus dem Bühnenwerk gestrickt, weiters ist ein Solo de Rosillons aus der Uraufführung später nicht mehr verwendet und jetzt an anderer, dramaturgisch passender Stelle wieder eingefügt worden; schließlich schrieb Lehár zur Londoner Premiere 1907 für Njegus ein Couplet namens „Quite Parisian“, damals vor der Grisettenszene eingesetzt und heute zwischen Akt eines und zwei als Umbauüberbrückung placiert.

LW04 Kuhn, Ensemble
Judith Kuhn und Ensemble. Foto: Reinhard Winkler für Linzer Landesteater

Inszenierung und Bühne (Michiel Dijkema) sowie die prächtigen Kostüme (Alexandra Pitz) bleiben, leicht abstrahiert, in der von den Autoren vorgesehen Zeit, also dem Paris der frühen 1900er. Danilos Diplomatenfrack dürfte eine besondere Geschichte haben: im Fundus das Hauses, den man gelegentlich besichtigen kann, befindet sich als eines der Lieblingsstücke der Chefin, Frau Mag. Schuler, ein entsprechendes Teil aus ca. 1870, das man sich hier offensichtlich zum Vorbild genommen hat. Im ersten Akt dominieren zwei herrschaftliche Treppen und ein ebenso wuchtiges zentrales Tor als pontevedrinische Botschaft das vorherrschend dunkelgraue Bild, die beiden anderen spielen in einer eher kahlen, aber deshalb nicht abweisenden Parklandschaft mit allerhand Schlupflöchern – hier dominieren dunkle Silber- und Blautöne. Als die Grisetten auftreten, entwickelt sich deren Bühne ansehnlicher Größe aus einer Geschenkschachtel in strahlendem Gelb. Die Technik hat wohl geschwitzt, aber es hat alles (fast) perfekt funktioniert.

Ja, und dann ist noch eine Sache, die diese Inszenierung auszeichnet: das „Studium der Weiber“ erhält am Ende des Festes im Glavari’schen Garten eine dominierende Position, indem (vor einem von Njegus auf einem riesigen Gestell mittels Kurbel weiterbewegtem Rollhintergrund) immer wieder „andere“ Männer, rund um die Welt, auch bis hin zum Planet der Affen, dessen Schwierigkeit besingen. Angst vor politischer Unkorrektheit oder dunkelschwarz-makabren Späßen kennt man dabei erfreulicherweise auch nicht. 11 rasend schnelle Umzüge auf offener Bühne werden bewältigt, es wird getanzt, der (Herren)Chor singt vom Parkett aus – ein szenisch und musikalisch begeisterndes „kleines Finale“.

Immer wieder auch ein großer Spaß, die Übersetzung ins Pontevedrinische mitzulesen (leider ist im Programmheft dazu kein Detail angeführt); Anklänge an slawische Sprachen, Englisch, etwas Deutsch und wohl auch Zubrowkisch („Grand Budapest Hotel“!) lassen sich erahnen…
Martin Achrainer als Graf Danilo überstrahlt alle anderen mit prachtvollem Bariton, jugendlichem Charme und großartiger Spiellaune; Judith Kuhn als Hanna Glawari steht ihm stimmlich nur wenig nach und stellt zudem eine Dame auf die Bühne, die das Geschehen alleine durch ihre Anwesenheit (nicht nur mittels ihrer auffallenden Kostüme) zu dominieren versteht und zudem glaubwürdig macht, daß ihr die Männerwelt zu Füßen läge, verfügte sie auch nicht über ein gewaltiges Vermögen.

Das komplikationsträchtige Dreieck Baron Zeta, pontevedrinischer Gesandter in Paris (Michael Wagner), Valencienne, seine Frau (Elisabeth Breuer) und deren Verehrer Camille de Rosillon (Sven Hjörleifsson) spielen ebenfalls zum größten Vergnügen des Publikums, sind teils stimmlich aber etwas weniger durchschlagskräftig, namentlich wenn sie vom hinteren Teil der Bühne aus agieren müssen; an der sorgfältig abgestimmten Lautstärke des Orchesters liegt es wohl weniger, wohl vielleicht aber an der akustischen Eigenschaft des Bühnenraumes. Wie auch immer, in den lyrischen Passagen sind Frau Breuer und Herr Hjörleifsson sehr gut.
In weiteren lustvoll ausgespielten und –gesungenen Rollen: Pedro Velázquez Díaz als Vicomte Cascada, Jonathan Whiteley (Saint-Brioche), Ulf Bunde (Bogdanowitsch), Petra Göndöcs (Sylviane), Bonifacio Galván (Kromow), Ulrike Weixelbaumer (Olga), Nikolai Galkin (Pritschitsch), Cheryl Lichter (Praškowia).

Und dann ist da natürlich noch Njegus, Hausmeister der Gesandtschaft: Reinhold G. Moritz wieselt in dieser Rolle fast die gesamte Dauer der Aufführung hindurch über die Bühne, dreht an diesem Schalter, zieht an jenem Seil, wischt irgend einen imaginierten Dreckfleck weg und treibt letztendlich alle anderen vor sich her – genauso eine wesentliche Figur wie Danilo und Hanna. Nicht nur in den köstlichen Texten hat er die Lacher auf seiner Seite, auch körperlich ist sein Einsatz gewaltig.

LW07 Achrainer, Kuhn
Martin Achrainer, Judith Kuhn. Foto: Reinhard Winkler für Linzer Landesteater

Man würde ihm jederzeit auch die akrobatische Einlage am Seil zu Beginn abnehmen, würde man nicht bei der Premierenfeier über die Stuntfrau, die das in völlig perfekt identer Maske macht, aufgeklärt werden… diese, Monika Brandstetter, brilliert auch atemberaubend als Grisette, die „nicht nur“ tanzen und singen kann, in einer Art pole dance an Stoffbändern 5 m über der Bühne. Gänsehaut und weiße Knöchel! Daneben steckt sie auch in dem weißen Gockel mit Axt, der als lebendig gewordenes pontevedrinisches Wappentier auf Frau Glawaris Fest seine Runden zieht.
Der Chor des Landestheaters Linz, einstudiert von Georg Leopold, ist erneut eine perfekte Stütze der Aufführung, in Gesang wie Bewegung. Immerhin stehen mitunter über 40 Personen auf der Bühne! Komplettiert wird dieses prachtvolle Bild durch die jungen Tänzerinnen der Anton Bruckner Privatuniversität.

Das Bruckner Orchester unter Johannes Wildner spielt delikat und elegant, und der Dirigent schafft es, an Stellen, die kitschig werden könnten, lyrisch zu bleiben und über alles eine funkelnde, federnde Eleganz zu legen, die Genre und Stück einzig gerecht werden, aber leider nicht oft zu erleben sind.

Es wird so wieder einmal demonstriert, daß ein à priori rundum gelungenes Werk bei sorgfältiger Durchdringung durch das Produktionsteam und ausgefeilter Personenführung (Choreografie Matthew Tusa, Dramaturgie Magdalena Hoisbauer) sehr gut ohne aufgesetzte „Aktualisierung“ auskommt, um ein heutiges Publikum mit
reißen zu können, wozu natürlich auch die überzeugende musikalische Umsetzung wesentlich beiträgt – der Applaus ist jedenfalls lange, begeistert, und wird auch nicht durch sonst doch so oft vorkommende Buhrufe fürs Produktionsteam beeinträchtigt.

H & P Huber

 

 

H & P Huber 

 

Diese Seite drucken