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LINZ: L’AMOUR DE LOIN – ein atemberaubendes Gesamtkunstwerk

06.06.2015 | Allgemein, Oper

Linz:  L’amour de loin 6.6. 2015 (Premiere 28.3.2015) Ein atemberaubendes Gesamtkunstwerk

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Fotocredits: Ursula Kaufmann

Die Oper der finnischen Komponistin Kaija Saariaho (1952*) erlebte ihre Uraufführung bei den Salzburger Festspielen am 15. August 2000. Die Komponistin, die seit 1982 in Paris lebte, stieß dort auf die Lebensgeschichte des im 12. Jhd. lebenden Troubadours Jaufré Rudel, von dem lediglich acht Gedichte, davon vier mit Noten, in altokzitanischer Sprache erhalten geblieben sind. Huegues de Saint-Cyr verfasste um 1225 sog. vidas, also Lebensbeschreibungen, mehrerer provenzalischer Dichter. In ihnen wird von Jaufrés unstillbarer Sehnsucht nach der Gräfin von Tripoli, seiner „amor de lonh“ (Fernliebe) erzählt, die ihn bewog, sich einem Kreuzzug anzuschließen. Während der Schiffsreise erkrankte er aber und starb in den Armen der Gräfin, die, von dieser Fernliebe derart beeindruckt, in ein Kloster eintrat.

Noch bevor die Komponisten die Arbeit an der Oper in Angriff nahm, vertonte sie Jaufré Rudels Gedichte 1996 unter dem Titel „Lonh“ für Sopran und Elektronische Instrumente.

Der gleichfalls in Paris lebende Journalist libanesischer Herkunft Amin Maalouf (1949*) schrieb das fünfaktige Libretto zu dieser Oper. Die impressionistische Musik von Saariaho ist sicherlich etwas von Debussy und Messiaen beeinflusst und der Monotonie meditativer Litanei verpflichtet.

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Fotocredits: Ursula Kaufmann

Der Regisseurin Daniela Kurz, die auch die Choreographie, das Bühnenbild und die Kostüme in Personalunion kreierte, gelang ein atemberaubendes Gesamtkunstwerk. Die Farben Weiß, Schwarz und Rot dominieren in den Kostümen. Zu Beginn ist Jaufré noch weiß gekleidet, und erlebt in dieser heilen Welt eine Schaffenskrise, von der ihn erst der Bericht des Pilgers von jener schönen Gräfin im Libanon befreit. Clémentine, die angebetete Gräfin von Tripoli, ist aber zunächst schwarz gekleidet. Sie kam als fünfjährige ins Heilige Land und sehnt sich nach ihrer alten Heimat zurück. Am Ende ist sie ebenfalls rot gekleidet, Zeichen ihrer Liebe zu Jaufré und später zu Gott. Der Pilger, eine Hosenrolle, trägt aber die ganze Zeit rot als Symbol der (Gottes)liebe und des Blutes. Am Ende der Oper, dem Höhepunkt, wo Jaufré und Clémentine für den kurzen Augenblick vereint sind, sind dann alle handelnden Personen rot gekleidet.

Von den drei Sängern wurde das Liebespaar von der Regisseurin geschickt gedoppelt. Bonnie Paskas und Samuel Delvaux setzen damit die verhaltenen Gefühlsregungen des Paares in ausdrucksstarke Bewegungen um. Während der Ouvertüre erscheint ein vertikaler roter Streifen in der Bühnenmitte auf dem ein Mensch, offenbar der Pilger, seine Reise antritt. Die Sicht auf ihn ist gleichsam von oben, sodass er demgemäß an Seilen befestigt, waagrecht zur Bühne langsam hinunterschreitet. Die meist dunkle Bühne wird von schiefen Ebenen eingenommen. Besonders imposant gestaltete sie das musikalische Intermezzo nach der Pause, das die stürmische See mit ihren heftigen Wogen in Gestalt von zwei schwarzen, sich auf- und ab bewegenden Flächen darstellt.

Das Bruckner Orchester Linz breitete unter der versierten Leitung von Kaspar de Roo die meditativen Klangflächen der Partitur in schillernden Farben aus. Eine Vielzahl an Schlagwerk mit fünf Pauken, großer Trommel, Xylophon, japanischem Taiko, Vibraphon, Marimba und Glockenspiel gelangte da zum Einsatz und einmal hatte ich den Eindruck, dass Saariahoo beim Glockengeläute kurz die entsprechende Musik aus Boris Godunow zitierte.

Martin Achrainer als Troubadour Jaufré ließ darstellerische wie gesanglich mit seinem warm dahinströmenden Bariton und seiner hingebungsvollen Darstellung, die dem sympathischen Sänger einiges an sportlichem Einsatz abverlangte, keinerlei Wünsche offen. Aber auch Gotho Griesmeier als Gräfin Clémence bewies, dass ihr die enormen gesanglichen Herausforderungen ihrer Partie keinerlei Schwierigkeiten bereiteten. Ergreifend war dann auch die Schlussszene, wo sie den sterbenden Jaufré in den Armen hält, um endlich, nach seinem Tod, mit Gott zu hadern. Darin wird sie aber schlussendlich vom Chor mahnend eingebremst. Ihr bleibt nunmehr als neue Liebe aus der Ferne jene zu Gott. Martha Hirschmann in der Rolle des Pilgers trat darstellerisch naturgemäß etwas in den Hintergrund, gesanglich aber bestach auch sie mit der einschmeichelnden Stimmführung ihres Mezzos als „Postillon d’amour“.

Der von Georg Leopold geleitete Chor des Landestheaters trug aus dem Orchestergraben „unsichtbar“ singend zum großen Erfolg dieses Abend bei. Zu erwähnen auch das stimmige 13-köpfige Bewegungsensemble, welches die Kreuzfahrer und die Pilger auf ihrer Fahrt ins Heilige Land symbolisierte, wodurch die eher knappe Handlung der Oper intensiv gesteigert wurde.

Die Vorstellung war – wohl auf Grund des Schönwetters – nicht restlos ausverkauft. Dem erschienenen Publikum sagte das Dargebotenen offensichtlich sehr zu, denn alle Künstler wurden mit viel Applaus bedankt, dem sich der Rezensent gerne länger angeschlossen hätte, wenn er nicht seinen Zug nach Wien zurück erreichen wollte.

Harald Lacina

 

 

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