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LINZ / Black Box des Musiktheaters: Musical MARY UND MAX

Gelungene deutsche und europäische Erstaufführung

15.12.2019 | Operette/Musical

Sanne Mieloo als Mary. Foto: Landesheater Linz /Sakher Almonen

LINZ / Black Box des Musiktheaters: MARY UND MAX – und irgendwo ein Licht

14. Dezember 2019 (Premiere 8. November 2019)

Von Manfred A. Schmid

Im internationalen Sport gibt es Scouts, die stets auf der Suche nach jungen, weitgehend unbekannten und daher in der Regel meist noch recht erschwinglichen Talenten sind. Derartige Scouts (Späher) sind natürlich immer schon auch in der Kunstszene aktiv. Die Musicalabteilung des Linzer Musiktheaters muss einen besonderen Draht zu solchen Vermittlern haben: Da ist erst im Oktober des Vorjahres – im in Musicalkreisen nicht gerade tonangebenden Theatre Calgary (Kanada) – ein Musical mit dem Titel Mary and Max zur Uraufführung gekommen. Als Vorlage dient der gleichnamige Animationsfilm des australischen Filmemacher Adam Elliot, der für seinen Vorgängerfilm Harvie Krumpet – einer ebenfalls auf Knetmassefiguren à la Wallace und Gromit basierenden Produktion – immerhin mit dem Oscar ausgezeichnet worden war. Weltweite Schlagzeilen konnte das Musical zwar nicht einheimsen, immerhin aber wurde es mit dem Medienpreis beim MUT-Wettbewerb für neue Musicals in München ausgezeichnet. Es gehört gewiss eine gehörige Portion Mut dazu, dieses Musical, kaum ein Jahr später, nicht nur zur europäischen (und deutschsprachigen) Erstaufführung zu bringen, sondern es handelt sich hier überhaupt erst um das erste Mal weltweit, dass Mary und Max auf einer anderen Bühne nachgespielt wird!

Die Verantwortlichen in Linz bewiesen mit dieser Entscheidung jedoch nicht nur Mut, sondern auch einen guten Riecher: Das Musical ist seit seiner Premiere am 8. November beim Publikum ein wahrer Renner und genießt inzwischen schon Kultstatus. Das liegt zum einen an der darin abgehandelten Thematik, die weitab vom Gewohnten in der Musicalwelt steht und gerade deshalb neue Maßstäbe setzt. Wie im Stück Next To Normal, über eine an einer bipolaren Störung leidenden Mutter und ihre Familie, das in Linz schon zu sehen war und erst in der vergangenen Saison im Vienna´s English Theatre auf dem Spielplan stand, zielt auch Mary und Max auf Außenseiter und psychische Grenzfälle ab.

Im Mittelpunkt steht die Brieffreundschaft, die die von ihren Eltern vernachlässigte, junge Mary in einer Kleinstadt in Australien mit dem im fernen New York beheimateten Max führt. Mit dem um viele Jahre älteren Max, der wie Mary von seinen Eltern wenig Liebe erfahren hat und sich, wie sie, einsam und von der Umwelt unverstanden fühlt, pflegt sie – von einer monatelangen Beziehungskrise abgesehen  –  gut eineinhalb Jahrzehnte hindurch einen regen schriftlichen Austausch. Mary leidet zunächst an ihrem braunen Muttermal im Gesicht, das sie sich von ihrem ersparten Geld, das für eine Reise nach New York vorgesehen war, operativ entfernen lässt, ohne deshalb glücklicher zu werden. An Max, der jede Veränderung als Störung empfindet und geregelte Abläufe schätzt, wird von seiner Therapeutin das Asperger-Syndrom, einer abgemilderten Form von Autismus, diagnostiziert. Er leidet aber, wie er ausdrücklich sagt, nicht darunter, sondern findet das ganz okay. Nur wenn ihm Mary von ihren emotionalen Berg- und Talfahrten, u.a. von ihrer schwer geprüften Zuneigung zum stotternden, schüchternen Damian berichtet und um Rat fragt, wird er von Unruhe erfasst und weiß nicht weiter, sondern tröstet sich mit seiner Fresslust an Schokoburgern, oder zieht sich in sein Schweigen zurück. Erst nachdem Marys alkoholkranke, kleptomanisch veranlagte Mutter und ihr versponnener Vater verstorben sind, sie ihr Universitätsstudium erfolgreich abgeschlossen hat und die Ehe mit ihrer komplizierten Jugendliebe Damian gescheitert ist, macht sie sich endlich doch auf dem Weg nach New York. Dort erst werden ihr Bedeutung und Sinn ihrer Beziehung zu Max klar: Er war ihr einziger wahrer Freund.

Was rührselig klingt, wird von Regisseur Andy Hallwax und Choreograph Jerome Knols mit einem Gespür für rasante Abläufe und berührende, aber nie in Kitsch abgleitende Momente auf die praktikable und atmosphärisch verknappte Bühne von Kaja Dymnicki gebracht. Bei der Ausstattung der handelnden Personen zeichnet sich Julia Klugs Kostümierung vor allem durch die Haartracht aus, die einen originellen Bezug auf die Plastilin-Welt der cineastischen Vorlage herstellt. Das zehnköpfige Ensemble, viele davon in Mehrfachrollen, ist angesichts rascher Umkleidungsmanöver sehr gefordert, macht seine Sache aber ausgezeichnet.

Lynsey Thurgar als Dr. Hazelhoff und David Arnsberger als Max. Foto: Landestheater Linz / Sakher Almonen

David Arnsberger ist ein großartiger Max. Apathisch, wie ferngesteuert, setzt er sich, mit Kippa auf dem Kopf und stets auf Ordnung bedacht, in Bewegung und lässt doch erahnen, dass in seinem Inneren wohl auch Gefühle und tiefe Gedanken geborgen sind. Wenn alle übrigen Mitwirkenden so gut bei Stimme wären wie Arnsberger, könnte man angesichts der räumlich-akustischen Gegebenheiten der Linzer Black Box gut auf die Verwendung von Mikroports verzichten. Die ältere Mary, von Sanne Mieloo verkörpert, zeigt eine heranwachsende Frau, die sich trotz widriger Umstände und stets von Zweifeln heimgesucht, auf den Weg macht, sich selbst und ihren Anteil am Glück zu finden.  Daneben kommt Mieloo noch ein einer Reihe anderer Figuren zum Einsatz. Celina Dos Santos ist in der Rahmenhandlung die halbwüchsige Lily, der ihr Vater Henry (Karsten Kenzel) die Geschichte von Mary und Max erzählt. Vor allem aber ist sie die junge Mary, die mit ihrem Schicksal hadert, mit sich und der Welt unzufrieden ist, aber gegenüber der Umwelt, auch wenn sie von Klassenkameradinnen gemobbt wird, als durchaus kooperativ und hilfsbereit zeigt. Davon profitiert vor allem ihr Nachbar Glen, ein an den Rollstuhl gefesselter Kriegsveteran (Christian Fröhlich, der auch als ihr stoischer, keiner Regung fähiger Vater Noel auftritt).

Gernot Romic ist der beziehungsgestörte, stotternde Nachbarjunge, der den Avancen Marys ausweicht, bis sie ihn doch dazu bringt, den Mut aufzubringen und sie zu heiraten, dann aber entdeckt, dass er seinen Brieffreund doch mehr liebt als seine Frau. Sehr wandlungsfähig und spielfreudig erweisen sich Lukas Sandmann als Hahn Ethel, Kater Mief-Henry, kleiner Damian und kleiner Max, sowie Lynsey Thurgar in der Doppelrolle als schrille Ärztin bzw. betuliche Psychotherapeutin. In pointiert dargebotenen Rollen treten weiters Daniela Dett, u.a. als Marys durchgeknallte Mutter Vera, und Hanna Kastner, u.a. als Ivy, Max´Vermieterin, auf.

Die Musik von Bobby Cronin, von dem auch die von Jana Mischke ins Deutsche übersetzten Gesangstexte zum Buch von Crystal Skillman stammen, funktioniert gut und klingt beschwingt. Wenn Max auftritt, vernimmt man einmal auch Klezmer-Töne, ansonsten fällt die Musik aber nicht durch besonders eigenständige Machart auf. Für die Linzer Produktion arrangiert wurde sie von Juheon Han, der die siebenköpfige Band Ethel and the Aspies vom E-Piano aus mit Verve und Animo leitet.

In Zeiten, in denen man ein paar Schlager mit einer notdürftigen Handlung verknüpft und das dann schon ein „Musical“ nennt, ist Mary und Max jedenfalls eine Wohltat. Besonders angenehm ist es auch, zur Abwechslung einmal auf die Maschinerie perfektester Bühnentechnik zu verzichten und hautnah dabei zu sein, wie ein beherztes Ensemble mit einfachsten Mitteln eine feine Geschichte mit frischem Leben erfüllt.

 

 

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