Online Merker Logo

Die internationale Kulturplattform

LILLE UND SEIN UMLAND SETZEN AUF KULTUR

23.10.2012 | Ausstellungen, KRITIKEN

Lille und sein Umland setzen auf Kultur

Von Ursula Wiegand

„Vous êtes fantastic“ („Sie sind fantastisch“) steht in Lille auf gelben Baumwoll-Beuteln. Die nehmen Bezug auf das Programm „Fantastic 2012“, doch solch ein Kompliment erfreut ohnehin. Die Besucher erwidern es gerne, schon angesichts der fantastischen Bauten am Grand Place, dem Herzen der einst reichen Handelsstadt.


Lille, flämische Barockfassaden am Grand Place. Foto: Ursula Wiegand

Diesen großen Platz säumen fabelhafte Fassaden in flämischem Barock. Sie zieren die Alte Börse (von 1653) und prächtige Kaufmannshäuser aus jener Zeit. Die spätgotische Kirche Saint Maurice und die gewaltige neugotische Kathedrale, die erst 1999 vollendet wurde, können sich ebenfalls sehen lassen.

Fantastisch ist aber auch, mit welchem Elan sich Lille, Hauptstadt der Region Nord-Pas-de-Calais, Ende des 20. Jahrhunderts aus der Kohlekrise befreit hat. Verkehrsinvestitionen machten den Anfang, wie der Bau des zweiten Großbahnhofs Lille Europe.

Der ist seit 1994 die Durchgangsstation für die Hochgeschwindigkeitszüge TGV und Eurostar Richtung Brüssel und London. Nur 1:20 Std. dauert die Fahrt von Lille durch den Eurotunnel in die britische Metropole, nur 1 Std. zum Airport Paris CDG.


Lille, Shopping-Center Euralille, Jean Nouvel 1994. Foto: Ursula Wiegand

Den Bahnhof Lille Europe konzipierte der Architekt Jean-Marie Duthilleul, und Stararchitekten sorgten für ein modernes Umfeld. So schuf Jean Nouvel 1994 das Euralille- Shopping-Center mit der für ihn typischen geschwungenen Glasfassade. Christian de Partzamparc errichtete 1995 einen 120 Meter hohen Büroturm für die Bank Crédit Lyonnais, nun „Tour de Lille“ genannt. Der gestufte, hellgrün schimmernde Bau überspannt den Bahnhof Lille Europe und wirkt wie ein Riesensessel.


Lille, Tour de Lille, 1995 von Christian de Partzamparc. Foto: Ursula Wiegand

Besonderen Auftrieb brachte Lille die Wahl zur Kulturhauptstadt Europas 2004. Was hat sich seither verändert? „Alles,“ sagt Didier Fusillier, Chef der Nachfolgeorganisation „Lille3000“. Er verweist auf das seither deutlich gestiegene Kulturinteresse, ein ständig wachsendes Kulturangebot sowie auf die verstärkte Zusammenarbeit mit europäischen Städten. „Wir haben jetzt viel mehr Besucher und weit mehr Läden als früher. Die ganze Stadt hat sich verändert,“ betont er.


Lille, Gare Saint Sauveur. Foto: Ursula Wiegand

Und das auch durch Umnutzung der vorhandenen Bausubstanz. So beherbergt die alte Stadtmauer nun das Gourmet-Restaurant „La Terrasse des Remparts“ (www.lilleremparts.fr), und auch die nicht mehr benötigten Backsteinbauten werden wieder lebendig, siehe der Bahnhof „Gare Saint Sauveur“, der nun als Veranstaltungsareal fungiert.

Das Tripostal, vormals ein Postamt, dient als Ausstellungsort. Hier läuft bis zum 13. Januar die Schau „Phantasia“.


Lille, Ausstellung Phantasia, bunte Figuren von Nick Cave. Foto: Ursula Wiegand

Während Werke mit dem Titel „Desperanza“ (Hoffnungslosigkeit) von Théo Mercier oder „Albträume“ von Marnie Weber von einer düsteren Fantasie künden, hat der US-Designer Nick Cave eher positive Gedanken. Aus recycelten Materialien fertigt er Bilder und effektvollen Kleidungsstücke.

Eine skurrile oder auch schaurige Fantasie spricht im Palais des Beaux-Arts (Palast der Schönen Künste) aus manchen den Gemälden von Hieronymus Bosch und Pieter Brueghel. „Fables du paysage flamand“ (Fabeln aus flämischen Landen) heißt die bis 14. Januar laufende Ausstellung. Offenbar lauerte ums Jahr 1600 selbst auf dem Land manch Böses.


Lille, Palais des Beaux-Arts, Babel bei Beginn der Nacht von Anselm Kiefer, 2001. Foto: Ursula Wiegand

Das Untergeschoss widmet sich dem Turmbau zu Babel. Für die Einstimmung sorgt noch in der Halle Anselm Kiefers „Babel“ von 2001, das das Zusammenbrechen des brennenden Turms bei Beginn der Nacht darstellt.


Lille, Palais des Beaux-Arts, Babel, Bücherturm. Foto: Ursula Wiegand

Sehr viel lustiger wirkt unten der Bücherturm. „Auch ich habe ein Buch mitgebracht und dazugelegt,“ lächelt der Museumsführer.

Im Stadtgebiet regen „Urbane Metamorphosen“ die Fantasie an und in Lille niemanden auf.


Lille, Bahnhof Lille-Flandre, UFO von Ross Lovegrove. Foto: Ursula Wiegand

Dass ein UFO des Briten Ross Lovegrove im zentralen Bahnhof Lille-Flandre gelandet ist, lässt die Menschen im Land der Sch’tis ebenso schmunzeln wie die Verblendung eines Gebäudes mit schräg gestellten antiken Säulen oder der Riesenkürbis in der Kapelle vom Hospiz Comtesse.


Lille, vom Himmel gefallenes Haus. Foto: Ursula Wiegand

Kürzlich ist sogar ein blaues Häuschen (von Jean-François Fourtou) vom Himmel gefallen und steht nun kopfüber auf einer Wiese zwischen den Wohnbauten. Schlangen bilden sich, um es zu besichtigen, verständlicherweise vom Dach bis hinauf zur Eingangstür.

Kulturelle und architektonische Highlights bieten sich auch im Umland. Offenbar hat Nordfrankreich ein Faible für Museumsbauten, selbst in kleinen Städten. In Villeneuve d’Ascq überrascht das Kunstmuseum LaM inmitten eines Skulpturenparks.


LaM, Kunstmuseum v. 1983 + Anbau v. 2010. Foto: Ursula Wiegand

Hier hat die junge Architektin Manuelle Gautrand den 1983 errichteten Ziegelbau von Roland Simounet gekonnt und einfühlsam erweitert. Ihr weißer Anbau von 2010 mit den durchbrochenen, orientalisch anmutenden Fassadenteilen ist eine aparte Ergänzung und lässt viel Licht ins Haus.

Dieses Museum konzentriert sich auf die zeitgenössische Kunst und die „Art brut“, d.h. auf die Werke noch unbekannter Künstler. Außerdem läuft dort bis 13.01. die Sonderausstellung „The Magical City“, die sich dem Entstehen der Metropolen New York (speziell Manhatten), Berlin und Paris ab 1913 widmet. Fotos und Gemälde zeigen den Trend zur Vertikale, Filmaufnahmen erzählen aus dem alten Berlin, und verfremdete Darstellungen wie „La Rue du tramway“ von Paul Delvaux (1939) kombinieren bekannte Sujets – hier Frauenakte – mit der neuen Technik, einer durchs Bild fahrenden Straßenbahn. (www.musee-lam.fr)


LaM, La Rue du tramway von Paul Delvaux, 1939, Foto: Ursula Wiegand

Ein besonderer Clou ist das „Musée de la Piscine“ in Roubaix, ein umgewandeltes Art déco Schwimmbad von 1932. Nach der Schließung in 1985 konnte Architekt Jean-Paul Philippon erst 1998 mit dem Umbau beginnen. Im Oktober 2001 wurde es als Museum wieder eröffnet und zieht seither die Besucher magisch an.


Roubaix, Musée de la Piscine. Foto: Ursula Wiegand

Höhepunkt ist jetzt eine Chagall-Ausstellung (bis 13. Januar), und nichts könnte besser zu „Fantastic 2012“ und dieser „Location“ passen wie die Werke dieses großen Magiers. Die kostbaren Gemälde sind, gut geschützt vor Feuchtigkeit, nicht im Schwimmbad, sondern in den Nebenräumen zu sehen. (www.roubaix-lapiscine.com )

Doch es kommt noch besser: Am 4. Dezember eröffnet auf dem Zechengebiet von Lens das Museum „Louvre-Lens“, eine Zweigstelle des Pariser Louvre (www.louvrelens.fr ).

Den transparenten Glas-Metall-Bau errichtet das renommierte japanische Architekturbüro SANAA von Kazuyo Sejima und Ryue Nishizawa, bekannt u.a. durch ein Gebäude auf dem Welterbegelände Zollverein für die Folkwang-Universität und durch das neue MOMA (Museum of Modern Art) in New York. – Kultur als Magnet und Mutmacher in Nordfrankreich. Ursula Wiegand

Infos: Broschüre „Kulturland Nordfrankreich“ und Auskünfte bei „Tourismus Nord-Pas de Calais“, Tel. 0033-320145757 und unter www.nordfrankreich-tourismus.com .

Eine gute Unterkunft in Lille ist das Novotel Lille Centre Gare (am Bahnhof Lille-Flandre), Tel. 0033-328386700.

Ursula Wiegand

 

Diese Seite drucken