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LILLE: L’INCORONAZIONE DI POPPEA

20.03.2012 | KRITIKEN, Oper

LILLE Opéra „L’INCORONAZIONE DI POPPEA“ 18.3. 2012. Satyricon à la francaise – Campari ohne Soda


Max Emanuel Cenecic als Nerone, Sony Yoncheva als Poppea. Foto: Opera de Lille

Nach Orfeo 2006 hat die Intendantin der Oper von Lille, Caroline Sonrier, in Ko-Produktion mit der Oper von Dijon nun die Krönung der Poppea in den Spielplan aufgenommen. Claudio Monteverdi vollendete 1642 sein letztes Bühnenwerk, diese geniale Manifestation eines „buon canto“ am Beispiel der Dramen Shakespeares und Calderòns. Bereits fern von aller strengen Polyphonie und florentinischem Rezitativkorsett ist Poppea ein bizarr barockes Capriccio im venezianischen Stil mit jeder Menge an Nebenhandlungen, Travestien, theatralischen Affekten, Bühnenblut und satirischem Sinnenkitzel aller Art. Und genau diese Ambivalenz zwischen populärer Bretterbühne und imperialer Geste modelliert und knetet der frz. Regisseur Jean-Francois Sivadier (hat in Wien an der Staatsoper kürzlich La Traviata inszeniert) in einem Theater-Atelier der Improvisation. Auf einer kahlen Bühne mit wenigen, aber dramatisch tauglichen Versatzstücken eines Kulissen-Wandertheaters (Bühnenbild Alexandre de Dardel) und grell outrierenden Kostümen (Virginie Gervaise) gelingt es Sivadier, dem vollzählig erschienenen Publikum das gesamte Füllhorn an Gemeinem und Sublimen, diesen auf beste italienische Manier gebrauten Theatertrank aus Liebe, Politik, ungezügelter Leidenschaft und Staatsräson über den Kopf zu gießen und in einem „work in progress“ drei Stunden lang an unseren Körpern herabrinnen zu lassen. Zu diesem Behufe verfügt er über ein exzellentes Ensemble wie aus einem Guss, das die Prosodie zwischen Deklamation und lyrischer arioser Verzierung bestens beherrscht. Von der Intimität eines Schubert Lieds bis zur äußersten Expressivität einer Bergschen Lulu reicht das Spektrum des Monteverdischen Musikkosmos. Dazu Sivaider: „Monteverdi umgibt seine Figuren nie mit einem musikalischen Rahmen, der sie überragt, sondern bleibt in ihrer Dimension, entkleidet sie und macht sie so zerbrechlich.“

Fortuna (Anna Wall) und die Tugend (Khatouna Gadelia) streiten über ihren Rang beim menschlichen Geschlecht, bis sie Amor (Camille Poul) in ihre wohlverdienten Schranken weist:

Das intrigante Biest Poppea wendet nämlich ihre Leidenschaft von Ottone ab (hervorragend der britische Countertenor Tim Meade) und statt dessen blitzgeschwind dem für ihre politischen und sonstigen Ambitionen erfolgversprechenderen Kaiser Nero zu. Die junge, in Genf ausgebildete Sony Yoncheva bulgarischen Ursprungs erfüllt alle Voraussetzungen für den diabolisch verführerischen, immer ins raffiniert Weibliche (nie femme fatal) gekleideten Opportunismus dieser „Pompadour am römischen Hof“. Für ihre formidable vokale Leistung wird sie zunächst von Nero und zuletzt verdientermaßen auch vom Publikum mit Applaus gekrönt. Max-Emanuel Cencic liefert eine köstliche Charakterstudie des umstrittenen römischen Kaisers als machtbesessener, launiger Erotomane ab. In orangefarbenem Ornat fegt der österreichische Ausnahmesänger zwischen kaiserlicher Langeweile und jähzornigem Eigensinn über die Szene. Stimmlich vermag er in gehöriger Zuspitzung alle Facetten zwischen brutalem Politdrama und grotesker Komödie ausdrucksstark zu artikulieren. Cencic‘ in der Mittellage besonders schön timbrierter Kontraalt flüstert und schmeichelt, um Poppea zu gewinnen. Wie einst Gerhard Stolze übersetzt Cenci gleichermaßen intensiv den gefährlichen imperialen Zorn und hysterischen Machtwahn in expressive Klangrede. Alles, was diesem düsteren Monarchen im Weg steht, muss beseitigt werden. Die bedauernswerte kaiserliche Gattin Ottavia (imposant Ann Hallenberg) wird kurzerhand ins Exil geschickt, während der weise Philosoph Seneca sich auf Neros Geheiß die Pulsadern aufschneiden und ausbluten muss. Der aus Neuseeland stammende groß gewachsene Bass Paul Whelan wird sowohl der grandiosen literarischen Vorlage (Libretto Giovanni Francesco Busenello) als auch allen tiefen Registern der Partitur optimal gerecht. Seine Todesszene berührt ebenso wie das ätherisch schön gesungene Schlussduett der beiden Haupt-Protagonisten.

Aber es gibt ja auch die burleske Seite in Monteverdis Meisterwerk. So werden die Rollen der Amme und der Arnalta von zwei begabten jungen Countertenören untadelig deklamiert. Arnalta, die „alte“, treue lebenskundige Sklavin Poppeas, die aber auch Mitleid mit dem verschmähten Ottone empfindet, wird vom Chilenen Emiliano Gonzalez Toro witzig und voller Bauernschläue verkörpert. Am Ende darf sie triumphieren, wird sie doch durch die Heirat Poppeas mit Nero zu einer „großen Dame“. Die anderen Amme (Nutrice) stattet Rachid Ben Abdeslam, der in Lille schon den Nireno in Giulio Cesare gesungen hat, mit allen Ingredienzien einer wilden, sehr „französischen“ Travestie aus. Beide Sänger exzellieren, wo nicht Stimmvolumen und das allzu „Gesangliche“ den Ausschlag geben, sondern exaktes dramatisches Rezitativ und Expression. Ausdrücklich hervorheben wäre last but not least die bezaubernde Amel Brahim-Djelloul als Drusilla. In voller Liebe zu Ottone entbrannt, spielt sie in der Intrige um den von Ottavia geplanten Mord an Poppea eine Schlüsselrolle. Weil sie ihre Kleider an Ottone geliehen hat und ihn im Verhör vor Nero schützen will, soll sie in der Folter einen langsamen Tod erleiden. Im Endeffekt begnügt sich Nero mit dem Exil der beiden, hat er doch endlich einen offiziellen Grund, Ottavia zu verstoßen. Rund um dieses Hauptensemble scharen sich noch die exzellenten Comprimarii an Göttern, Soldaten, Tribunen etc., allesamt trefflich gesungen von Camille Poul, Aimery Lefèvre, Patrick Schramm, Mathias Vidal, Nicholas Mulroy, Rachid Zanouda und Pierre-Guy Cluzeau.

Der Campari wäre serviert, köstlich rot und mit viel erfrischendem Eis. Warum also fehlt das Soda?

Le Concert d’Astrée fungiert mit 14 erstklassigen Instrumentalisten als Silbertablett, auf dem das wahrlich imposante vielgängige musikalische Menu serviert wurde. Der einzige Fehler: Wir befinden uns, um im kulinarischen Wortschatz zu verharren, nicht in einem französischen Haubenlokal, sondern in einer italienischen Taverne. Wie delikat auch einzelne Klangtableaus aufgefächert werden und das Ohr entzücken, ein durchgängiger schlüssiger dramatischer Erzählfluss gelingt der Dirigentin Emmanuelle Haim nicht. Alles klingt zu eindimensional, zu impressionistisch, zu nahe an Debussy und Fauré, möchte man fast sagen. Keine „frittura mista“, sondern „boeuf bourgignon“ mit ein bisserl zu viel Sauce. Auch in der Wahl der Tempi agiert Frau Haim eigentümlich romantisch. Anstatt sich nach den notierten Tempoangaben zu richten (exemplarisch René Jacobs und Nicolaus Harnoncourt), wird da gedehnt und ritardiert, dass es keine Freude ist. Keine Rücksicht nimmt Frau Haim, wenn es darum geht, die Länge der Noten exakt mit den Vokalen des ausgesprochenen Wortes übereinstimmen zu lassen. Was im 19. Jahrhundert eine Tugend ist, kann sich im Falle Monteverdis als interpretatorische Übertreibung erweisen. Und falls man das schon tut, darf es sich am Ende wenigstens nicht als langweilig herausstellen.

Fazit: Ein schöner Cocktail wurde dem Publikum da serviert, prickelnder hätte er allerdings schon sein können.

 Dr. Ingobert Waltenberger

 

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