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LIEBE

17.09.2012 | FILM/TV

Ab 21. September 2012 in den österreichischen Kinos
LIEBE
Amour / Frankreich, Österreich / 2012 
Drehbuch und Regie: Michael Haneke
Mit: Jean-Louis Trintignant, Emmanuelle Riva, Isabelle Huppert, Alexandre Tharaud u.a.

Michael Haneke hat sich noch nie vor den schlimmsten Themen des Lebens gedrückt. In „Liebe“ konfrontiert er frontal, was bei Hofmannsthal als „es ist ein arg Ding zu sterben“ bezeichnet wird. Wem das Schicksal nicht gnädig ist, der muss es bis ins grausamste Detail auskosten. Haneke tut es am Beispiel eines alten Ehepaares,  und er nimmt sich Zeit, diesen Weg zu gehen, der für den Zuschauer – der sich mit Geduld und Kraft wappnen muss – etwas Kathartisches hat.

„Liebe“ bedeutet das „Bis dass der Tod Euch scheide“. Vielleicht sind die heute Alten die letzte Generation von Menschen, für die eine solche Verpflichtung noch gilt, die nicht von einem „Lebensabschnittspartner“ zum nächsten flattern, sondern den Weg bis zum Ende gemeinsam gehen. Nicht aus äußerem Zwang, sondern, wie der Titel des Films so lapidar sagt, aus „Liebe“.

Schritt für Schritt folgt man Georges und Anne, die zu Beginn zwar sehr alt sind, aber noch harmonisch im Leben stehen. Langsam, aber fähig, ins Konzert zu gehen und Musik zu genießen. Ruhend in einem Alltag, wo man sich die Arbeit aufteilt. Man braucht diese Exposition, um den Schrecken heran kriechen zu lassen.

Wenn Anne eines Tages beim Frühstück völlig abwesend ist, nicht mehr auf den Gatten reagiert und später nicht mehr weiß, was da geschehen ist – dann ist der Anfang eines langen Sterbens eingeläutet. Es ist nur ein kleiner, schmerzlicher Hinweis, aber man versteht, was er beinhaltet: Er möge sie nie wieder ins Spital geben, sagt Anne zu ihrem Mann. Und er tut es nicht. Er nimmt in vollem Ausmaß die Pflege, die Begleitung ihrer letzten Lebenszeit auf sich… und Haneke erzählt in allen Details, wie es immer schwerer und schwerer wird.

In ganz wenigen Beispielen wird die Außenwelt hereingelassen, vor welcher Georges Annes Schicksal eigentlich verbergen will, weil er weiß, dass es dafür weder wirkliches Verständnis noch Hilfe noch Anteilnahme geben kann. Der junge Pianist (Alexandre Tharaud), einst Annes Schüler, erfolgreich geworden, macht einen Anstandsbesuch, der ihn selbst ehrt – an ihm zeigt der Regisseur, wie hilflos der Außenstehende, zumal der junge Mensch, angesichts des Absterbens Amen ist.

Grausam fällt die Szene mit einer jungen Pflegerin aus, die unter dem Vorwand der Betreuung ihre sadistischen Spielchen mit der hilflosen alten Frau spielt und von Georges in einer Empörung, die man jede Sekunde mit ihm nachvollzieht, hinausgeworfen wird.

Und da ist schließlich die Figur der Tochter, an welcher Haneke den Bruch zwischen den Generationen aufzeigt. Da ist dem Regisseur Außerordentliches in der Darstellung und Aussage geglückt. Diese Tochter steht für den beziehungslosen Egoismus, der die Bindungen zwischen den Generationen gekappt hat. Diese Eva selbst lebt nur als abhängige Gefangene eines Beziehungssystems zu ihrem Gatten, der sie dauernd betrügt, was sie achselzuckend erträgt. So, wie sie mit ihren Kindern kaum Kontakt hat, ja offensichtlich nichts von ihnen weiß, ist der Besuch bei den Eltern bloß Pflicht. Sich um die kranke Mutter zu „sorgen“ ist nur eine Mischung aus Wichtigmacherei, Neugierde und vielleicht Berechnung (wie der Vater sie zurückweist, ihre innere Leere analysierend, ergibt eine der genialsten Szenen des Films). Isabelle Huppert verkörpert diese Frau, die angesichts der hilflos lallenden Mutter dieser von Geldproblemen und Bankzinsen erzählt – ein völliger Mangel an Gefühl, Verständnis, emotionaler Intelligenz, verbohrt in scheuklappenartigen Egoismus…

Wie Jean-Louis Trintignant und Emmanuelle Riva nicht nur Annes Sterben, sondern auch die sich in der Situation wandelnde Beziehung des Paares gestalten, entzieht sich verbaler Schilderung – man muss es gesehen haben. Kein Hauch von jenem „Theater“, mit dem Hollywood hunderte „Sterbe-Filme“ zum Schluchz-Ereignis gemacht haben. Hanekes unsentimentale Härte, die er seinen Figuren mitgibt, macht sie in ihrem Schicksal groß.

So sehr man auch erwartet, dass der Mann der Frau den Gnadentod gibt, so erschrickt man doch entsetzlich, als es geschieht. Dann jedoch scheint der Regisseur nicht nur mit seinen Figuren, sondern auch mit dem Zuschauer Milde walten zu lassen: Wenn Georges die Wohnung verlässt, auf Nimmerwiedersehen, wie man genau weiß, ist er nicht allein – Anne ist bei ihm, wie immer. Nur wir wissen, dass sie tot ist. Für Georges ist sie bei ihm.

Ein „versöhnliches“ Ende für all den Schrecken davor? Nicht bei Haneke. Denn ganz am Ende betritt in nur einer Szene die Tochter die leere Wohnung der toten Eltern. Und ihr Blick verrät die Überlegung, dass sie damit wohl ihre finanziellen Probleme lösen wird… Da weht die Haneke’sche Eisenkälte wieder einmal erschreckend von der Leinwand.

Es ist ein Film über das Sterben, mit schrecklicher Selbstverständlichkeit erzählt, ohne einen Hauch von triefender Sentimentalität. Aber wer zu fühlen imstande ist, wird Mühe haben, sich aus dem Kinosessel zu erheben und von dem Druck zu befreien, den der Regisseur uns allen auferlegt – indem er uns nicht nur unsere Sterblichkeit bewusst macht; sondern auch noch sagt, wie schrecklich es werden kann, wenn Gott nicht gnädig ist.

Renate Wagner

 

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