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LEIPZIG/Wagner-Festtage der Oper: SIEGFRIED. Das Gewandhaus Orchester unter Intendanten und Dirigenten Ulf Schirmer macht die Reise wert

25.05.2015 | Oper

Leipzig: Siegfried – Wagner Festtage der Oper Leipzig 2015, 24.5.2015

Das Gewandhaus Orchester unter Intendanten und Dirigenten Ulf Schirmer macht die Reise wert

Unbenannt,.
 Christian Franz als Siegfried und Dan Karlström als Mime. Foto: Tom Schulze

 Im Pfingstmontagsrückstau auf der A 9 zurück nach Berlin kann man nach einem Abstecher in Luthers Wittenberg die Aufführung ja noch einmal Revue passieren lassen. Das gleichzeitig mit dem jährlichen „Grufti International Festival“ (offiziell WGT Wave Gothic Treffen) stattfindende Wagner Fest wird diesmal von den Siegfried Aufführungen am 24. und 30.5 dominiert. Eine Produktion, die im April ihre Premiere feierte und von Rosamund Gilmore (Bühnenbild: Carl Friedrich Oberle, Kostüme Nicola Reichert) recht eigentümlich in Szene gesetzt wurde. Zwei Hand voll an Tänzerinnen und zwei Tänzern kommt nämlich die (undankbare) Aufgabe zu, das Bühnengeschehen gestisch zu  begleiten/kommentieren. Eine tänzerische Zeitreise in die 90-er Jahre, eine Art Wohlfühlbewegungstanz, der nicht interpretiert (das auch gar nicht kann), sondern wohl ein Konzept erhärten soll, das bereits in Rheingold und Walküre als szenisches Prinzip zur Anwendung kam. Weder sonderlich originell, noch witzig, sondern bislang wie am Ende des dritten Aktes, einfach nur ärgerlich.

 Dabei wird die Geschichte insgesamt konventionell erzählt, die Sängerinnen und Sänger dürfen agieren wie in einer x-beliebigen „werktreuen“ Aufführung sonst wo. Das wäre ja gut und auch genug für meinen Geschmack. Aber nein, das Ballet muss her und beim untänzerischsten aller Komponisten Verrenkungen mit oder ohne Ganzkörperstrumpf vollführen, was ungemein ablenkt.

 Die Sänger machen ihre Sache durchwegs gut, mehr aber auch nicht, mit Ausnahme des Wanderers von John Lundgren, der im Timbre und von der Statur her manchmal frappant an Hotter erinnert und wahrlich einen Göttervater auf die Bühne zu setzen imstande ist. Ein wunderbar männliches Timbre, ein heldisch- menschlicher Gestus, ein eindringliches gesangliches Plädoyer für Wagners Geschichte am Wendepunkt zur finalen Götterdämmerung. Der Mime findet in Dan Karlström den bestmöglichen Typus, rein stimmlich gibt es Probleme in der unteren Lage, wo ein übermäßiges Tremolo auf technische Unzulänglichkeiten hinweist. Insgesamt ist Karlström aber überzeugend und schauspielerisch große Klasse. Christian Franz als Siegfried ist bayreuth-erfahren und bringt einen echten Heldentenor mit ins Rennen. Da ist viel, aber nicht alles. So undiszipliniert darf man diese Rolle einfach nicht singen. Es gibt Sänger, die schleppen, Christian Franz gehört der anderen Kategorie, nämlich der der „Läufer“. Oft ist er zu schnell, man könnte sagen „er singt rhythmisch frei“ und läuft dem Dirigenten oder final der Brünnhilde im Schlussduett voraus, was so manche Kollision mit dem Takt und Orchester nach sich zieht. Auf der Habenseite steht, dass er sich in den ersten zwei Akten um vokale Differenzierung müht, im dritten Akt geht die sangliche Geschmeidigkeit nach und nach verloren, und die Partie wird zu Ende gebrüllt. Dass er bei manchen Piani ins Kopfregister gleitet, stört mich nicht. Optisch ist er jeden Zoll kein Siegfried, das lächerliche Kostüm (in brauner „Hochwasserlatzhose mit gestreift braunem lappigen T-Shirt darunter und blonder Föhnfrisur) lassen ihn eher wie ein Mischung aus in die Tage gekommener Papageno und trauriger Clown aussehen, denn als verwegener Held, der auszieht, um das Fürchten zu lernen. Jochen Schmeckenbecher verleiht dem Alberich stimmlich eindrucksvoll Profil, die an Peter Schreier gemahnende etwas nasale Technik passen gut zur Rolle und unterstreichen den frustriert-gierigen Charakter des Schwarzalben. Gewandet ist er wie ein Versicherungsmakler aus der Vorstadt, in beigem Popeline, bravem Scheitel und Hornbrille. Runi Trattaberg als Fafner darf nicht in der Gestalt des Wurms sein Ende durch Siegfrieds Schwert erfahren, sondern harrt  als überdimensionierter Uncle Sam auf einem riesigen roten Samtsofa seinem Schicksal. Dieser fette Riese als Symbol des Kapitalismus ist zwar vordergründig sinnfällig, nimmt aber der Geschichte etwas an Leichtigkeit und der kindlichen Gruseldimension, die mit der Musik so herrlich erzählt wird. Den im Publikum zahlreich Anwesenden des Waver Gothic Treffen in abenteuerlich schwarz- barocken Roben (so mancher mit schwarzem Zylinder auch im Zuschauerraum!) wird das auch nicht gefallen haben. Klar, dass in so einem Konzept der Waldvogel von einer Tänzerin verkörpert wird, rein gesanglich leiht Eun Yee You dem Waldvogel ihr etwas verschleiertes, nicht sehr deutlich artikuliertes Gezwitscher. Als Erda punktet Nicole Piccolomini mehr mit profunder Tiefe als mit sicherer Höhe. Gewandet ist sie in eine Art schwarzes Netzkostüm trefflich passend zum WGT, die überlange Schleppe wird ebenfalls von drei Tänzerinnen getragen. Als Brünnhilde sprang in letzter Minute die bereits für Walküre in der Stadt anwesende Schwedin Irene Theorin als Ersatz für die an Grippe erkrankte Elisabet Strid ein. Mit schöner Stimme und beeindruckenden Höhen meisterte sie das Schlussduett sehr sehr gut, ein wenig hat sie an den Pianostellen gespart, was ihr als Einspringerin und als auch für die Walküren Brünnhilde Geforderte verziehen sei.

 Der Star des Abends zum Schluss: Das Gewandhausorchester Leipzig unter der Leitung von Ulf Schirmer. Das Leipziger-System (die Aufführungen einer Oper sind über einen eher langen Zeitraum verteilt) verlangt eine hohe Improvisationsgabe und „souplesse“ des Orchesters, eine Eigenschaft, die auch dem Orchester der Wiener Staatsoper bei so mancher Repertoireaufführung abverlangt wird. Das Ergebnis war eine rein vom Orchester her extrem spannende Aufführung mit vielen hervorragenden Einzelleistungen etwa der Hörner  (Gundel Jannemann-Fischer, Ralf Götz) der Solo-Tuba (David Cribb) oder der Holzbläser. Grandios der Beginn des dritten Aktes oder der Schluss der Oper. Das Gewandhaus Orchester Leipzig ist nicht so perfekt wie die Berliner Philharmoniker oder das Münchner RFSO, aber es hat einen ganz eigenen unverkennbaren, etwas helleren Klang und ist für mich das „sängerischste“ aller deutschen Orchester. Jede Wagner oder Richard Strauss Aufführung ist ohnedies vom Orchester her die reinste Wonne in Leipzig.

 Dr. Ingobert Waltenberger

 

 

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