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LEIPZIG/ Thomaskirche: JOHANNESPASSION als – Auftakt der Ludwigsburger Schlossfestspiele

10.04.2021 | Konzert/Liederabende

 „Johannespassion“ nach Bach in der Thomaskirche Leipzig als Stream – Auftakt der Ludwigsburger Schlossfestspiele

KLARES RHYTHMISCHES KONZEPT

Bach-Bearbeitung als Auftakt der Schlossfestspiele als Stream aus der Thomaskirche in Leipzig/LEIPZIG-LUDWIGSBURG

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Johannespassion/Podium Esslingen. Copyright: Daniel Wiesmann

Der Ton eines eifernden, seherischen Fanatismus ist kennzeichnend für die einzelnen Stationen der „Johannespassion“ von Johann Sebastian Bach, die hier in einer interessanten Bearbeitung von Benedikt Kristjansson (Tenor), Elina Albach (Cembalo, Orgel) sowie Philipp Lamprecht (Schlagwerk) präsentiert wird. Die feierlich-ruhigen Streicherfiguren als Tonsymbol der göttlichen Majestät sind hier nicht zu hören. Statt dessen erfolgt eine Perpetuum-mobile-Bewegung von Schlagwerk und Cembalo sowie Orgel. Und es kommt zu einer fast mystischen Vermählung des Vokalquintetts sowie des eingeblendeten Chors unter der einfühlsamen Leitung von Gotthold Schwarz.

Mit der Gefangennahme Jesu beginnt hier eindringlich der Bericht des Evangelisten, dem Benedikt Kristjansson eine bemerkenswerte Aura verleiht. Die vierstimmig-schlicht gehaltenen Chöre erreichen immer wieder eine ungeahnte Intensität. Und die Gesangslinien der einzelnen Arien und Choräle „Ach großer König“, „Durch dein Gefängnis, Gottes Sohn“ und „In meines Herzens Grunde“ werden die Themen Gnade und Erlösung in ganz ungewöhnlicher, „moderner“ Form interpretiert. Das Doppelgeschehen von Leiden und Verherrlichung wird auch in der ruhigen Sechzehntelbewegung deutlich. Und das düstere Geheimnis erhabener Majestät liegt über den Chorpassagen. Dramatisch wirkt auch hier Jesu Gefangennahme: „Er nahm alles wohl in acht“. Aber auch den reizvollen figurativen Verzierungen der Arie „Ich folge dir gleichfalls mit freudigen Schritten“ wird der wandlungsfähige Tenor Benedikt Kristjansson gerecht. Die Arien der „Johannespassion“ von Johann Sebastian Bach sind ebenso wie die Choräle ergreifende musikalische Ruhepunkte. Und die wunderbar klar symbolisierende Tonsprache arbeitet Gotthold Schwarz mit dem Ensemble facettenreich heraus, auch wenn das rhythmische Konzept sehr ungewöhnlich wirkt. Dies gilt für die Cantus-firmus-Passagen ebenso wie für Jesu Ausruf „Es ist vollbracht“.  Und Philipp Lamprecht gestaltet mit dem Schlagwerk in fulminanter Weise die Macht des Erdbebens. Die Passagen „Zerfließe mein Herze“ und „O hilf, Christe, Gottes Sohn“ offenbaren hier die kontrapunktische Meisterschaft von Johann Sebastian Bachs Kompositionsweise, wobei die leidenschaftliche Erregung der Kreuzigungschöre von Benedikt Kristjansson teilweise sogar gemurmelt wird. Und der eingeblendete Thomanerchor intoniert voller Ergriffenheit „Wer hat dich so geschlagen“. Ganz zum Schluss ist noch die Passionsmotette „Ach Herr, lass dein lieb Engelein“ von Jacobus Gallus zu höre.

In ihrer Schlichtheit zwischen niederländischen und venezianischen Einflüssen ist sie ein wirkungsvoller Kontrast zu Bachs „Johannespassion“. Dieser Live-Stream ist auch in Zusammenarbeit mit dem Podium Esslingen entstanden.

Alexander Walther

 

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