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LEIPZIG: GÖTTERDÄMMERUNG – vierter Tag der zyklischen Aufführung – Stunden des Ensembles

09.05.2016 | Oper

LEIPZIG Oper: DIE GÖTTERDÄMMERUNG – vierter Tag der zyklischen Aufführung des Rings, 8.5.2016 – Stunde des Ensembles

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2. Norn (Kathrin Göring, 3. Norn (Olena Tokar), erste Norn (Karin Lovelius). Copyright: Tom Schulze

 Das Götterpersonal aus dem Rheingold sieht sich nach Brünnhildes Schlussgesang gelangweilt auf der Bühne um, es rangelt mit den schwarzen Elementen (Tänzertrupp) und lugt noch einmal wie Erdmännchen aus den abgehalfterten Säulen der Gibichungenhalle. Mir ist zwar nicht klar , was damit ausgedrückt werden soll, aber nur so viel: Anstatt der grandiosen Musik das Feld zu überlassen, kann es Regisseurin und Choreographin Rosamund Gilmore offensichtlich nicht lassen, das „letzte Wort“ dem „Ballett“ zu geben. Also dem Wagner noch eins draufzusetzen, wo die Geschichte doch schon ein End hat.

Damit ist auch schon viel zur Inszenierung gesagt, die in der Götterdämmerung zumindest den Vorteil hatte, in einem durch Licht (Michael Röger) und Requisiten klug wandelbaren statischen Einheitsbühnenbild (Carl Friedrich Oberle) stattfinden zu dürfen. Vier schwarze Säulen, die Fassade eines modernes Apartmenthaus mal mit, mal ohne Balkon, links ein Halbrund mit einer riesigen durchsichtigen Wand (Blick auf das Rheinufer), alles in grauem Beton. Darin tummeln sich neben den Protagonisten wiederum allerlei per se großartige Darstellerinnen und Darsteller des Bewegungstrupps als Nornen-Schatten, Gibichungen-Dienstpersonal, Rheintöchter-Wasserelemente, Göttererscheinungen, Raben und Grane das Ross. Meistens (für mich zumindest) störend und vom Hauptgeschehen ablenkend.

Positiv ist zu vermerken: An sich wird die Geschichte erzählt, verständlich, einfach und klar. Regietheatergags um des Gags willen wie ein koksender Gunther, eine versoffene Gutrune, Siegfried als Proll oder die Requisiten aus vergangener Götterzeit in Vitrinen sind ja sowieso nicht zu vermeiden.

Zu berichten ist zumindest musikalisch von einem Triumpf des Ensembles, der Probenbonus für die erst jüngst statt gehabte Premiere wirkt sich positiv auf Präzision und Intensität aus. Die Sängerleistungen sind durchwegs zufriedenstellend ohne extreme Ausreißer nach oben oder nach unten. Die Siedegrade beim Applaus wie nach der Walküre oder Siegfried bleiben allerdings aus. Die ganz großen Feiern sind an diesem Abend in Leipzig wohl dem Fußball vorbehalten.

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Thomas Mohr (Siegfried) und Christiane Libor (Brünnhiilde). Copyright: Tom Schulze

Dennoch möchte ich ganz besonders Christiane Libor als Brünnhilde erwähnen. Auch Libor ist wie Frau Strid im Siegfried keine klassische Hochdramatische. Frau Libor hat vielmehr einen der schönsten jugendlich dramatischen Soprane unserer Tage, feminin timbriert, reich an Farben und Nuancen, zu tragenden Piani ebenso fähig wie zu expansiven Fortehöhen, ohne je schrill oder überfordert zu klingen. Dazu kommt eine anrührende Gestaltung, ein uneitles Spiel und ein Berg an Sympathie, dem man dieser großartigen Sängerin und Künstlerin einfach entgegenbringen muss. Die jungen Leute rund um mich haben sich jedenfalls bei ihrem Solovorhang mit Bravos den Hals aus dem Leib geschrien. Ich bin ja schon lange kein Fan von irgendjemandem mehr, dazu bin ich einfach zu alt. Aber wenn ich noch einmal 18 Jahre wäre, ich glaube, ich wäre ein glühender Verehrer von Frau Libor und würde nach jeder Vorstellung schüchtern am Bühnentürl warten, wie wir das früher bei unseren Rysaneks etc. getan haben. Christiane Libor hat genau die Goldstimme, die mir Oper zu einem Fest werden lässt. In meinem Auto läuft ihre Aufnahme der Giuditta (München 2012, soeben bei cpo erschienen) Schleife. Und hier hakt auch eine kleine Befürchtung ein: Christiane Libor hat keine Stimmbänder aus Stahl und in der unteren Mittellage eine fragile Zone, die nicht so belastungsfähig scheint. Ich hoffe, die Sängerin erhält sich durch ein gut gemischtes Repertoire ihre jugendlich prachtvolle Stimme und steigt nicht zu früh ganz in das schwere Fach ein. Es wäre ja schade um die vielen Fidelios, Sentas, oder auch Operetten, die wir von ihr neben der Isolde noch hören wollen.

Ihr Siegfried Thomas Mohr (Im Rheingold ein toller Loge) verfügt über einen prächtigen Heldentenor, nicht mit der Stamina und den unerschöpflichen Höhen eines Stefan Vinke gesegnet, aber dennoch beeindruckend und musikalisch geführt. Am Ende der Aufführung machen sich in den Höhen allerdings Ermüdungserscheinungen bemerkbar. Als Gunther und Gutrune brillieren Tuomas Pursio und Marika Schönberg aus dem Ensemble. Karin Lovelius ist neben der Waltraute, in die sie noch etwas reinwachsen muss, auch noch als erste Norn im Einsatz. Das Nornenterzett spannt insgesamt höchst erfreulich das Seil und wird durch Kathrin Göring (zweite Norn, schon als Walküren Fricka eine Wucht) und vor allem durch Olena Tokar als dritter Norn auf das trefflichste ergänzt. Den Alberich gibt in der Götterdämmerung Jochen Schmeckenbecher. Ich habe diesen an sich formidablen Bariton allerdings schon fokussierter und eindringlicher singen gehört. Der Hagen des Rúni Brattaberg (war auch als Hunding und Fafner im Einsatz) ist an dämonischer Ausstrahlung, stumm zur Schau gestellten Machtgelüsten und Perfidie nicht zu überbieten, von der Tessitura her liegt ihm die Rolle eindeutig zu hoch. Die Rheintöchter Magdalena Hinterdobler, (Woglinde), Sandra Maxheimer (Wellgunde) und Sandra Janke (Flosshilde) runden ein Ensemble ab, dem aller Respekt zu zollen ist. Schließlich ist die Oper Leipzig ja ein Stadtheater und muss ausschließlich von der Kommune finanziert werden. Ein Sonderlob gebührt dem großartigen Chor (Einstudierung Alessandro Zuppardo).

Das Gewandhausorchester ist bei der Götterdämmerung voll gefordert, Ulf Schirmer treibt das musikalische Geschehen forsch voran, harsche Akzente wechseln mit seidig schönen Kantilenen ab. Allen Orchestergruppen ist zu danken, für mich war das Orchester alleine schon die Reise wert. Ein Klangkörper mit höchst individuellem Klang meilenweit von einer nivellierenden „Cocacolaisierung“ entfernt, herausragenden Musikern, Charakter und Tiefgang. Für Wagners Musikdramen ein Traum. Das dies manchmal ziemlich laut klang, mag ja teils auch an der Akustik des Hauses gelegen sein, das ja nach Bayreuther Vorbild errichtet wurde. Lassen wir nach Abschluss des Rings an diesem 71. Gedenkstag des Tags der Befreiung das Glas fast ganz voll sein.

Fazit: Der Ring des Nibelungen an vier aufeinander folgenden Tagen ist eine große Sache, aufregend, anstrengend, überfordernd und zuletzt befriedigend für alle. Man muss sich ja nicht nur konzentrieren und auf das schöne Wetter gemütlich im Biergarten sitzend verzichten, sondern auch vielleicht den weniger Opern-affinen Partner oder Partnerin bei Laune halten. Dazu gehört auch am Nachmittag in den völlig überfüllten Zoo zu gehen oder den/ die Arme kulinarisch großzügig verwöhnen. Mit großen Eindrücken fuhren wir nach der Aufführung nach Berlin zurück. Wer in Leipzig war, kann sich allerdings Bayreuth ersparen, denn (sängerisch) besser wurde dort in den letzten Jahren der Ring auch nicht aufgeführt.

Dr. Ingobert Waltenberger

 

 

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