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LEIPZIG/ Gewandhaus: GEWANDHAUSORCHESTER , HERBERT BLOMSTEDT (Brahms)

Brahms, Blomstedt und das Gewandhausorchester Leipzig – So und nicht anders!

05.10.2019 | Konzert/Liederabende

Konzert im Gewandhaus am 04. Oktober 2019

Johannes Brahms – Tragische Ouvertüre op. 81
Johannes Brahms – Akademische Festouvertüre op. 8
Johannes Brahms – Sinfonie No. 2 D-Dur op. 73

Gewandhausorchester Leipzig
Dirigent: Herbert Blomstedt

Brahms, Blomstedt und das Gewandhausorchester Leipzig – So und nicht anders!

Beethoven, Bruckner und Brahms, das sind die Hauptkomponisten, die Dirigent Herbert Blomstedt sein ganzes Musikerleben mit der ihm eigenen Hingabe musiziert hat. Bei seinem Gastspiel im Leipziger Gewandhaus entschied sich Blomstedt für ein Programm ganz im Zeichen von Johannes Brahms. Und wie immer lagen die Taschenpartituren geschlossen auf dem Notenpult. Auswendig dirigierend spürte der meisterliche Dirigent jeder Note mit Herz und Seele nach.

„Die eine lacht, die andere weint“, so sinnierte Brahms über seine beiden Konzertouvertüren. Und düster, schroff ist die „Tragische Ouvertüre“, ein sehr deutlicher Kontrast zum lichten Dur der danach gegebenen Festouvertüre. Deutlich in ihrer Form gleicht diese Ouvertüre eher einem symphonischen Satz. Dies kommt nicht von ungefähr, denn Brahms verstand diese Komposition zunächst als symphonische Skizze. Interessant sind dabei die unterschiedlichen Wechsel im Tempo, so dass diese Komposition fast wie eine Kurz-Sinfonie wirkt. Herbert Blomstedt traf absolut sicher die vielfältigen Anforderungen dieses kontrastreichen Stückes. Bereits der energische Auftakt wirkte dramatisch und zupackend. Deutlich arbeitete er die Akzente heraus, um dann wieder der Melodielinie den Vortritt zu überantworten. Besonders eindrücklich wirkten Posaunen und Tuba, die dieser Komposition eine besondere Aura angedeihen ließen. Blomstedt und das Gewandhausorchester zeigten sich hier, wie überhaupt im gesamten Abend, als harmonische, perfekte Symbiose.

Danach stand seine „Akademische Festouvertüre“, die Brahms im Jahr 1880 in Bad Ischl schrieb, zeitgleich mit seiner „Tragischen Ouvertüre“. Das Werk entstand anlässlich der Ehrendoktorwürde, die Brahms im Jahr zuvor in Breslau erhielt.

Seine Festouvertüre ist ein Meisterstreich der Kontrapunktik und verarbeitet thematisch vier bekannte Studentenlieder. Und natürlich zeigte das großartig eingestimmte Gewandhausorchester unter Leitung von Herbert Blomstedt seine Meisterschaft an allen Pulten. Wunderbar warm der Streicherklang, dazu vorbildlich intonationssichere Bläser und das rhythmisch prägnante Schlagzeug. Letzteres hatte vor allem im beschließenden Maestoso-Teil seinen großen Auftritt. Die tiefe Verbundenheit des Klangkörpers mit dem bescheidenen, hellwachen Maestro, der von 1998 – 2005 Gewandhauskapellmeister war, war jederzeit spürbar. Dieser gestaltete die Komposition mit einer Begeisterung und Neugierde für Details, als würde er sie erstmals dirigieren. Dabei vermied er jegliche Plakativität, sondern suchte vielmehr den großen Bogen in der Phrasierung. Gleichzeitig tönte der Orchesterklang immer licht und aufgefächert.

Nach der Pause dann stand mit der D-Dur Symphonie No. 2 von Johannes Brahms eines seiner erfolgreichsten Werke auf dem Programm. Die 1877 uraufgeführte Symphonie war von Anfang an ein großer Erfolg beim Publikum. Ihr Überschwang und das Heitere waren von jeher stets Quell größter Beliebtheit. Die große Natürlichkeit und das Pastorale sind von besonderer Wirkung. Und doch ist das so dominante D-Dur keinesfalls so ungetrübt, wie es klingt. Dunkle Bläserakkorde und Paukeneinsätze geben dieser Symphonie einen besonderen Subtext, was durchaus dem Charakter des Komponisten entsprach, der zu Lebzeiten nicht mit Ironie und Sarkasmus geizte.

Herbert Blomstedt war auch hier in seinem Element. Sein überragendes Können, sein untrüglicher Sinn für Proportionen und die dynamische Ausgewogenheit wirkten beispielhaft. Seine ganze Energie gab er unermüdlich in das Orchester und achtete dabei darauf, der Symphonie eine auf Transparenz abzielende Gestalt angedeihen zu lassen. Auch im hohen Alter hat Blomstedt nichts von seiner Vitalität eingebüßt. Sein Empfinden der Musik geht beständig mit dem Puls nach vorne.

Getragen, dabei schlank im Tonfall begann die Einleitung des ersten Satzes, um dann durch harmonisch entwickelte Accelerandi hinreißend belebt zu werden. Dazu gab es manchen besonders markanten, ja scharfen Bläsereinwurf. Im einleitenden ersten Satz war es eine Wonne zu erleben, wie sauber und präzise die Hörner agierten. Ein echtes Miteinander zeigte dann die große Gruppe der Streicher, die geradezu schwerelos in leichten Wellenbewegungen das Hauptthema vorgaben. Die Celli und Kontrabässe des Gewandhausorchesters sorgten mit ihrem überaus warmen Klang für eine passende Grundierung. Die Pauke sekundierte pointiert mit harten Holzschlägeln den Rhythmus.

Wie deutlich Herbert Blomstedt der melodischen Linie verpflichtet ist, zeigte er besonders im zweiten Satz. Kantabel formulierte er die Themen in deren Verlauf aus. Die Melancholie blieb auch hier eher leicht und wirkte niemals bleiern. Auch hier war wieder der aufgefächerte, lichte Orchesterklang bestechend, der es zudem ermöglichte die chromatischen Farben klar zu vernehmen. Dann jedoch wieder die deutlichen Kontraste, etwa in der Solo-Posaune oder in den elegisch gefärbten Holzbläsern.

Reizend und unwiderstehlich in seiner Leichtigkeit dann der dritte Satz. Hier waren vornehmlich die Holzbläser stark gefordert, vor allem die Oboe. Ob solistisch oder im Zusammenspiel, es war eine Freude, der hohen Spielkultur des Gewandhausorchesters zu folgen.

Furios dann das beschließende „Allegro con spirito“, das Herbert Blomstedt sehr wörtlich nahm und somit das Orchester stets nach vorne trieb. Und vor allem die Blechbläser konnten in der mitreißenden Schlusscoda begeistern. In schmetternden Oktaven mobilisierte das Gewandhausorchester alle Reserven und so gab es eine überragende, brillante Schlusswirkung der sich keiner entziehen konnte.

Herbert Blomstedt wirkte in seiner menschlichen Güte und Klarheit so zeit- und alterslos. Wie herrlich, diesen großen Musiker in seiner unermüdlichen Begeisterungskraft zu erleben. Unter seiner Leitung atmete die Musik des großen Hanseaten Brahms eine unwiderstehliche Frische und Natürlichkeit. Wunderbar! Und das Gewandhausorchester Leipzig spielte mitreißend im harmonischen Miteinander in den Stimmgruppen. Großartige Soli durch Flöte, Oboe und vor allem im viel geforderten Solo-Horn. Dieses wunderbare Orchester ist in seinem einzigartigen Klang ein besonderes Erlebnis.

Die vielen Konzertbesucher im Gewandhaus waren sich dieses so besonderen Ereignisses bewusst und feierten einen glücklich wirkenden Herbert Blomstedt lange mit stehenden Ovationen.

Viele freudige Gesichter im sehr gut besuchten Gewandhaus.

Dirk Schauß

 

 

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