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LEIPZIG: DIE FEEN von Richard Wagner – in seiner Heimatstadt. Premiere

17.02.2013 | KRITIKEN, Oper

„Die Feen“ von Richard Wagner in seiner Heimatstadt – Premiere am 16. Februar 2013

 
Foto: Kirsten Nijhof

 Das war ein großer Tag für die Leipziger Oper: ein ausverkauftes Haus, ein begeistertes Publikum und eine „Novität“, die eigentlich seit 177 Jahren in diese Stadt gehört: Richard Wagners Erstlingswerk „Die Feen“.

 Ulf Schirmer, Intendant und Generalmusikdirektor der Leipziger Oper, setzt in diesem Wagner-Jubiläumsjahr u. a. auf die Jugendwerke Wagners, mit der jüngsten Premiere hat er gleichermaßen einen Erfolg gestartet, nachdem bereits seine konzertante Aufführung des „Liebesverbotes“ am 20.01.2013 im Münchner Prinzregententheater ein großer Erfolg war, wovon man sich außerhalb Münchens durch die Live-Übertragung des Bayerischen Rundfunks überzeugen konnte. Schirmer versteht dieses Engagement für die Wagnerschen Frühwerke nicht als Pflichtübung zum Jubiläumsjahr, sondern er vertraut diesen Werken, indem er sie möglichst umfangreich erneut zur Diskussion stellt, was bei der konzertanten Aufführung in München besonders gelungen schien und nun in Leipzig eine Bestätigung findet, auch wenn die Realität der Bühne eine andere ist und die Werke gänzlich ohne Striche kaum zu vermitteln sein dürften.

 Nach mehreren Prüfungen im Jahre 1834 wurden „Die Feen“ vom Theater in Wagners Vaterstadt nicht zur Uraufführung gebracht, sie wurden zu Lebzeiten des Meisters nie gespielt, sondern erst 1888 in München uraufgeführt, die Leipziger Erstaufführung fand 1938 im Rahmen zweier festlicher Reihen „Das musikdramatische Gesamtwerk Richard Wagners“ statt, bei denen dem Erstlingswerk noch jeweils Introduktion, Chor und Septett des Wagnerschen Opernfragmentes „Die Hochzeit“ (1832/33) vorangestellt war. Seitdem gab es nur sehr sporadisch szenische Aufführungen des Werkes und nun ist Leipzig zunächst das einzige Opernhaus, das dieses Werk in szenischer Form erneut zur Diskussion stellt. Die Premiere war ein verdienter und starker Erfolg – das ist nicht nur dem Umstand geschuldet, dass es sich um eine „Rarität“ handelt, sondern auch der Tatsache, dass die Aufführung gleichermaßen für Ohr und Auge Beachtliches zu bieten hat.

 
Igor Durlovski. Foto: Tom Schulze

 Natürlich interessiert in erster Linie das Werk, die Partitur. Hört man hier nicht nur große Vorbilder von Beethoven über Mozart bis zu Weber heraus, vernimmt die „schöpferische Weiterverarbeitung“ von damals Zeitgenössischem von Mendelssohn und Marschner bis hin zu kühnen, und teilweise außerordentlich präsenten „Vorgriffen“ auf Eigenes – besonders auf den „Fliegenden Holländer“, aber auch auf „Rienzi“, „Tannhäuser“ und selbst die „Walküre“ – so wird man konstatieren müssen, dass dieses Werk von der Komposition her der absolute Geniestreich eines 20-Jährigen ist. Natürlich sind Vorbilder und Fremdeindrücke nicht zu überhören, aber wie dies geschieht, und wie der wohl noch pubertierende Wagner das alles verarbeitet und kühn auf das hinweist, was noch in ihm schlummert, ist frappierend. Sind es im anschließenden „Liebesverbot“ vorwiegend die Italiener und Franzosen, deren er sich „bemächtigt“, so steht dieses Erstlingswerk bereits voll in der deutschen Tradition, also dort, wohin er immer wollte und später auch gekommen ist. Man darf das Stück nur nicht – wie andernorts durchaus geschehen – auf den späteren Wagner „zurecht“ stutzen, man muss dem jungen Genie vertrauen. Genau das tat Schirmer und war nicht zuletzt deshalb erfolgreich.

 Das Werk mit seiner auf Carlo Gozzis „La donna serpente“ basierenden, von Wagner selbst bearbeiteten und veränderten Textfassung (in der er u. a. bis auf zwei Feen sämtliche Rollennamen änderte), stellt nicht nur die Regie vor große Probleme, sondern weist eben auch hier schon auf Grundthemen hin, die Wagner später immer wieder zur Auseinandersetzung herausforderten: die Beziehung zwischen Liebe und Kunst, die Frage der Erlösung durch Liebe und Treue, das Frageverbot, das Vertrauen voraussetzt. Das Leipziger Jahresheft fasst die Handlung in bewundernswert knapper Form zusammen: König Arindal liebt die schöne Fee Ada. Damit er sie erringen kann, muss er sich schweren Prüfungen unterziehen und ihr sein vollstes Vertrauen schenken. Ada verbietet ihm, sie nach Namen und Herkunft zu fragen. Als er das Verbot übertritt, verliert er sie und verfällt in eine tiefe Depression. Erst nach unendlichen Mühen kann Arindal die Geliebte zurückgewinnen.

Wie auch beim späteren „Liebesverbot“ ist Wagner ebenso bei den „Feen“ in einem Punkt ganz er selbst: bei den immensen Anforderungen an die Ausführung – in jeder Beziehung. Er bemächtigt sich einer opulenten Bühnentechnik ebenso wie fulminanter Anforderungen an das Ensemble, Orchester, Chor und Solisten. Einzelne Solopartien erfordern geradezu halsbrecherische Anforderungen, durchaus auch im Sinne der damaligen Tradition. (Beethovens Leonore oder Webers Rezia in „Oberon“, der Florestan oder der Max im „Freischütz“, mehr noch der Hüon in „Oberon“ sind ja auch nicht gerade die einfachsten Partien!) Folgerichtig waren sowohl die Ada als auch der Arindal mit Gästen besetzt.

Arnold Bezuyen sang den Arindal sicher und ohne Ermüdungserscheinungen, was hier viel bedeutet, war allerdings durch seine darstellerische „Orientierung“ (siehe unten) kein eigent-licher „Akteur“, was im Verlaufe des Abends durchaus zu bedauern war. Christiane Libor gestaltete die sehr komplizierte Partie der Ada mit großem stimmlichen Aufwand und in allen Passagen durchaus souverän; wie eine Fee sieht sie nicht gerade aus, möglicherweise hätte ein vorteilhafteres Kostüm ihr helfen können. Die beiden Feen Zemina und Farzana wurden durch die Ensemblemitglieder Viktorija Kaminskaite und Jean Broekhuizen überzeugend dargestellt und vor allem auch sehr schön gesungen. Lora, die Schwester des Arindal, hat im Werk eine besondere Funktion: durch die Verweigerung Arindals kommt ihr die Aufgabe zu, das Reich ihres verstorbenen Vaters als Regentin zu verwalten und die Truppen des Landes zu führen. Leider blieb Eun Yee You an vielen Stellen nicht nur unverständlich und stimmlich blass, ihr fehlte es auch an Persönlichkeit. Diese brachte ihr Geliebter, Morald, in hohem Maße ein, wie denn auch die gesangliche Leistung von Detlef Roth durchaus überzeugen konnte. Auch ein echtes Buffo-Paar hat der junge Dramatiker Wagner auf die Bühne gestellt und ihm ein interessantes, an Mozarts „Zauberflöte“ erinnerndes Duett gewidmet: Jennifer Porto (Drolla) und Milcho Borovinov (Gernot) konnten damit das Publikum zu einem spontanen Szenenapplaus animieren.


Jean Broikhuizen, Viktorija Kaminskaite und Christiane Libor. Foto: Kirsten Nijhof

Große Aufgaben kommen auch dem Chor zu, die vom Leipziger Opernchor (Einstudierung: Alessandro Zuppardo) musikalisch souverän gemeistert wurden. Allerdings kann ich mir nicht verkneifen anzumerken, dass in einem Hause, in dem einst Joachim Herz Maßstäbe u. a. für Chor-Regie gesetzt hat, die szenische Seite der Medaille keinen Glanz ausstrahlte – soll heißen: der Chor blieb im Darstellerischen weit hinter seinen Möglichkeiten zurück. Ein sicherer Garant für die musikalische Qualität der Aufführung war das Gewandhausorchester, das der Partitur nicht nur in allen Facetten gerecht wurde, sondern dessen warmen Klang man nie müde wird zu genießen. Zu Recht wurden die Orchestermitglieder am Schluss auf der Bühne gefeiert. Vom spiritus rector Ulf Schirmer war schon die Rede, er hatte nicht nur alles fest im Griff, sondern dirigierte mit spürbarem jugendlichen Feuer, er zelebrierte nicht, er trieb das Werk im guten Sinne voran.

 Wie inszeniert man ein solches Werk? Natürlich, indem man den Fokus auf die Kraft der Musik legt, wie die beiden Produzenten Barbe & Doucet grundsätzlich bemerken. Nun hätte Joachim Herz gefragt: „Wie macht man das?“ Die beiden sind um die Antwort nicht verlegen und schaffen eine Art Rahmenhandlung, durch die alles möglich wird: Das Stück spielt in einer bürgerlichen Familie der Wagner-Zeit, was allerdings – mangels entsprechender Texte – im Programmheft nachgelesen werden muss: Nach einem Familienessen mit seiner Frau, den Söhnen, ihren Frauen und seinen beiden Schwägerinnen geht der Vater am Samstagabend in sein Wohnzimmer, um am Radio die Live-Übertragung der selten gespielten Oper „Die Feen“ aus der Oper Leipzig anzuhören. Die durch die Musik vermittelten Gefühle versetzen den Zuhörer in die Lage, sich selbstvergessen in die Charaktere hineinzudenken. Entzückt von der Musik, beginnt der Vater die Partie des Arindal zu singen und durchlebt die vielen Abenteuer der Figur, während seine Frau, die kein Opernfan ist, inzwischen ins Fitnessstudio geht. Die Wohnung wird zu einem riesigen Spielplatz und verwandelt sich in die zahlreichen Handlungsorte der Geschichte, bis das Ehepaar am Ende des Abends wieder vereint ist.

Das ist durchaus gut erdacht, wird allerdings nur sinnfällig, wenn man obige Einlassung gelesen hat. Die Entstehungszeit des Werkes ist quasi die Grundlage der Geschichte, bei den einzelnen „Einblendungen“ kann das „Mittelalter“ stimmig hergestellt und zitiert werden und der Bezug zum heute und hier ist durchaus gegeben. Das wird nur schwierig in den Personen-beziehungen. Wie bereits erwähnt, leidet darunter besonders die Figur des Arindal, der als kleinbürgerlicher Einzelgänger durch ein Werk geht, dessen komplizierte Zusammenhänge man szenisch schwer nachvollziehen kann, insbesondere in solch dramatischen Situationen wie der Opferung beider Kinder – Arindal und Ada haben zwei gemeinsame Kinder, die sie, als Bestandteil der Prüfungen, ins Feuer schickt, woraufhin er seine „Gattin“ (die doch nun angeblich im Fitnessstudio ist – was zum Glück nicht weiter „ausgespielt“ wird!) – verflucht und dadurch (die Gattin Ada des Arindal im Stück) verliert. Das will nicht zusammen passen und beraubt Arindal des wirklichen szenisch Zugriffs, was letztendlich auch Auswirkungen auf Ada hat. In den Szenen beider kommt Langatmigkeit auf, die nicht aufkommen müsste, wenn Arindal ein wirklicher Gegenspieler sein dürfte – abgesehen davon, dass man die Rolle seiner „bürgerlichen“ Frau nicht nachvollziehen kann. Das war der gravierende Einwand, den ich machen möchte. Gelungen schien mir die Simultan-Situation mit den vielen Stationen durchaus und außerdem war es ein Bühnenbild, das die große Bühne des Hauses optimal nutzte und alles in allem gut aussah. Das gefiel den Besuchern, deshalb gab es euphorische Pausengespräche und sehr viel Zustimmung am Schluss. Dass in Punkto Personenbeziehung und Rollengestaltung Defizite zu verzeichnen waren, muss denn doch gesagt werden dürfen, ohne das Ganze zu diskreditieren.

 Mit dieser Aufführung wurden die Feierlichkeiten zum 200. Geburtsjahr Richard Wagners in seiner Vaterstadt feierlich eröffnet; es war ein großer Abend und man darf hoffen, dass Leipzig nun doch noch eine Richard-Wagner-Stadt wird. Gag am Ende: der „Zauberer Groma“ alias „Feenkönig“ (Igor Durlovski) schwebt in der Gestalt Richard Wagners als Schmetterling ein und überreicht dem opernbegeisterten „Vater“, der sein Werk am Radio genießt, die Partitur seines Werkes…

 Vielleicht ist der Richard nun endgültig in Leipzig angekommen…

 Werner P. Seiferth

 

 

 

 

 

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