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LAUENSTEIN/ Erzgebirge/Kirche: KLAVIERREZITAL MIT PETER RÖSEL IM RAHMEN DES 27. FESTIVALS „SANDSTEIN UND MUSIK“

09.09.2019 | Konzert/Liederabende

Lauenstein im Erzgebirge / Kirche: KLAVIERREZITAL MIT PETER RÖSEL IM RAHMEN DES 27. FESTIVALS „SANDSTEIN UND MUSIK“ – 8.9.2019

Das Festival „Sandstein und Musik“ ist ein Zauberwort, das alljährlich viele Musikfreunde zu Konzerten der verschiedensten Art in die malerische Umgebung Dresdens, die Sächsische Schweiz (Elbsandsteingebirge) und das Erzgebirge lockt. Der unermüdliche Ludwig Güttler, der mit Trompete und Corno da Caccia europaweit für ausverkaufte Konzertsäle sorgte, drei spezielle Kammerorchester gründete, sich um Instrumentenbau und „Ausgrabungen“ Alter Musik des 18. Jahrhunderts verdient gemacht hat und den Wiederaufbau der Dresdner Frauenkirche ins Leben rief, initiierte auch dieses Festival, das Naturerlebnis, Architektur und Musik auf besondere Weise verbindet. In 27 Jahren seines Bestehens wurde es immer weiter ausgebaut, so dass es in diesem Jahr über einen längeren Zeitraum, vom 23.3. bis 8.12. bei ungebrochen starkem Publikumsinteresse stattfindet.

Am Tag des offenen Denkmals zog es zahlreiche Besucher nach Lauenstein, einer idyllischen kleinen Stadt im Osterzgebirge (jetzt Stadtteil von Altenberg) mit Burgruine und Renaissanceschloss, etwa 40 km südlich von Dresden gelegen. In der historischen Kirche, die zwei einmalige Sandstein-Altäre aus der Renaissancezeit beherbergt, gab der Dresdner Pianist Peter Rösel, der weltweit mit den berühmtesten Orchestern auftritt und nicht nur in seiner Heimat sehr beliebt, sondern zurzeit besonders in Fernost/Asien sehr gefragt ist, ein Klavier-Rezital mit Werken der Barockzeit und Romantik.

Um auch jungen Menschen, vielleicht angehenden Musikern, ein Podium zu geben, treten im Rahmen dieses Festivals oft auch Schüler der Musikschule Sächsische Schweiz in einem „Vorprogramm“ auf. Hier waren es vier Schüler und eine Lehrkraft mit dem schönen Namen „Die Quintellektuellen“ in klassischer Streichquartett-Besetzung mit und ohne Schlagzeug. Ihrer Jugend entsprechend hatten sie zwei rhythmisch pointierte Stücke von Richard Rodney Bennett (1936-2012) und ein vom Jazz inspiriertes von Toby Fox (*1991) ausgewählt und brachten es mit erstaunlicher Sicherheit und viel Enthusiasmus zu Gehör.

 Im „offiziellen“ Teil ging Peter Rösel mehr als 200 Jahre zurück und eröffnete sein Konzert mit der „Partita für Klavier Nr. 4 D‑Dur (BWV 828) von Johann Sebastian Bach, wobei er die Bezeichnung Klavier wörtlich nahm und auf einem modernen Konzertflügel spielte, ohne dabei historisierend wirken zu wollen, einfach nur so, wie er die Musik empfindet und wie sie auch modernen Hörgewohnheiten entspricht. Ihm geht es um den Inhalt der Werke. Er will „genau wissen, was das Stück aussagt, wie es konstruiert ist und wie er den Gehalt dem Hörer verständlich machen“ kann, wie er einmal in einem Interview sagte. Auf dieser Grundlage bricht er dann auch schon mal „aus dem Vorhaben des Komponisten aus“, ohne den Duktus des Werkes zu verändern. Er möchte die jeweilige Komposition dem Hörer nahebringen und ihn mit hineinnehmen in diese geistige Welt.

Bei Bach sind die Strukturen klar vorgegeben. Er lässt dem Interpreten kaum Freiräume. „Ihm bleibt nur, den Gestus des Stückes besonders klar herauszustellen“, was Rösel bei der Partita in besonderer Weise gelang. Er brachte die sieben Teile im Rhythmen alter Tänze wie „Allemande“, Courante“, „Sarabande“, „Menuett“ und „Gigue“, ergänzt durch „Ouvertüre“ und „Aria“, mit ihrem verschiedenartigen Charakter zum Klingen und Erleben. Schon in der Barockzeit waren diese Kompositionen nicht zum Tanzen gedacht, sondern damals wie heute (nur) zum Hören.

Auch bei Bachs bekanntem und beliebtem „Italienischen Konzert“ (BWV 971) ließ Rösel das Cembalo nicht vermissen. Bachs Musik ist so universal und variabel einsetzbar, dass sie auf verschiedene Weise und mit den verschiedensten Instrumenten dargeboten werden kann, ohne ihre Wirkung zu verfehlen. Bach selbst hat doch seine Kompositionen für verschiedene Instrumente transponiert und umgearbeitet. Jede Interpretation hat ihren Reiz und ihre Berechtigung, wenn sie sinnvoll Werk und Anliegen des Komponisten wiedergibt und nicht durch „überzogene Subjektivität“ entstellt. Rösel bot eine gültige Interpretation mit den Hörgewohnheiten unserer Zeit, mit perlendem, zuweilen auch kraftvollem Anschlag und unauffälligem, aber wirkungsvollem Pedalgebrauch und arbeitete die musikalischen Linien und Bögen klar heraus. In angemessenem Rahmen ließ er es auch an Temperament nicht fehlen. Trotz berauschender Schnelligkeit waren selbst im 3. Satz (Presto) die Strukturen sehr klar zu erkennen.

Bei Werken des19. Jahrhunderts hat der Interpret „mehr Freiräume“. Seine „Individualität ist vom Komponisten schon mit eingeplant, allein schon, weil die Form nicht so streng ist“, so Rösel. Bei den „Kinderszenen“ (op. 15) von Robert Schumann, einem Zyklus aus 13 kurzen Klavierstücken, nicht für Kinder, sondern für Erwachsene über Kinder, nach Schumanns eigenen Worten als „Rückspiegelung eines Älteren für Ältere“ komponiert, war Rösel in seinem Element, ebenso bei den anschließenden „Vier Klavierstücken“ (op. 119), den „Intermezzi“ in „h‑Moll“, „e‑Moll“ und „C‑Dur“ und der „Rhapsodie Es‑Dur“ von Johannes Brahms.

Hier konnte Rösel seine pianistischen Fähigkeiten und Emotionen voll ausleben. Jedes dieser kleinen, in sich geschlossenen Stücke präsentierte er als kleines Meisterwerk. Mag mancher auch seine sonst so sensible Interpretationen mit sanftem Anschlag vermisst haben. Hier hatte er sich offenbar auch auf den großen Kirchenraum und vor allem moderne Interpretations- und Hörweisen eingestellt und präsentierte eine sehr gegenwärtige Sicht. Das sehr angetane Publikum entließ ihn erst nach zwei Zugaben von Ludwig van Beethoven und J. S. Bach.

Ingrid Gerk

 

 

 

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