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LAHTI/ Sibeliustalo: FESTIVAL SIBELIUS 150

10.09.2015 | Konzert/Liederabende

LAHTI/Sibeliustalo: FESTIVAL SIBELIUS 150

31.8.- 6. September

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Foto: Robert Quitta

2015 ist Sibelius-Jahr, da sich am 8. Dezember der Geburtstag des finnischen Nationalkomponisten zum 150. Mal jährt. Aus diesem feierlichen Anlass wurde das ihm gewidmete Festival heuer von normalerweise drei auf ausnahmsweise sieben Tage verlängert. Und es war, das sei gleich vorweggenommen, eine denkwürdige Veranstaltung.

Denn im Laufe dieser einen Woche konnte man nahezu das gesamte symphonische Schaffen des grossen Meisters miterleben, und zwar in der Interpretation von gleich drei Weltklasseorchestern unter der Stabführung von nicht weniger als fünf ausgewiesenen Sibelius-Experten.

Den Auftakt machte Leif Segerstam mit dem Helsinki Philharmonic Orchestra, und das war auch schon – trotz der Startnummer 1 – fast der absolute Höhepunkt des Festivals.

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Leif Segerstam. Foto: Robert Quitta

Segerstam – der aussieht wie eine Kreuzung aus einem Johannes Brahms-Imitator und einem biblischen Propheten – hat zwar unendliche Mühe, sich bis zum Podium zu schleppen, aber sobald er dahinter Platz genommen hat, sorgt er unaufgeregt, mit minimalsten Gesten, für eine absolut perfekte Balance der Klangmassen. Tapiola und Lemminskäis-sarja wurden großartig dargeboten, Luonnotar dank der Mitwirkung der Ausnahmesängerin Anu Komsi noch etwas großartiger. Am Schluss hätte man Segerstam (der gerade als Komponist seine 289.Symphonie mit dem schönen Titel „The Visit of a Cat“ vollendet hat) am liebsten abbusseln mögen.

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Der Sibeliustalo innen. Foto: Robert Quitta

Nicht ganz so euphorische Reaktionen löste der zweite Abend mit der ortsansässigen Sinfonia Lahti unter ihrem ehemaligen Chefdirigenten Osmo Vänskä aus. Das lange in einer Schublade verschwundene, erst vor 15 Jahren – hier in Lahti ! – wiederaufgeführte Konzertstück „Die Waldnymphe“ vermochte zwar immer noch zu begeistern, bei der 3. und 4. Symphonie hingegen ließen sowohl Werkcharakter als auch die Ausführung deutlich zu wünschen übrig.

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Der Männerchor in „Kullervo. Foto: Robert Quitta

Am nächsten Tag war dann das dritte Orchester, die BBC Symphony an der Reihe, und zwar mit einem totalen Unikat, der (auf dem finnischen Kunst-Nationalepos Kalevala beruhenden)monumentalen, 75minütigen Tondichtung Kullervo. Fünf nicht endenwollende Sätze, ein gigantisch besetzter Klangkörper, hundertköpfige Männerchöre unter der dominanten Fuchtel eines sich martialisch gebärdenden Zampanos : Kullervo ist das musikalische Äquivalent zu einem etwaigen dritten Weltkrieg. Am Ende wirkten alle Zuhörer wie erschlagen, auch wenn sie es dann nur in Vieraugengesprächen zugaben. Auf alle Fälle eine interessante Erfahrung – aber keine, die man vor Ablauf von mindestens zwei Jahren zu wiederholen versucht wäre.

Zur Besänftigung der Gemüter bot man am Abend darauf ein wirklich „angenehmes“ Programm: Sibelius wohl populärstes Opus, sein Violinkonzert (leider etwas spannungsarm gespielt von Sergei Malov) und die 2. Symphonie.

Die „Heimkehr“ des ehemaligen Festivalleiters Jukka-Pekka Saraste sorgte dann wieder für einhelligen Jubel. Und das zurecht, denn seine Deutungen der 1. und der 5. Symphonien „fetzten“ ordentlich.

Fast ebenso beglückend das Anschlusskonzert mit den Oceaniden, Pohjolas Tochter, der Sechsten und der Siebten unter Okku Kamu.

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Der Sibeliustalo (die Sibelius-Halle), vom See aus gesehen. Foto: Robert Quitta

Insgesamt also eine aufschlussreiche und erschöpfende Begegnung mit dem symphonischen Schaffen des Geburtstagskindes, denkwürdig auch aufgrund eines anderen, bisher noch nicht erwähnten Hauptdarstellers: der sensationellen Akustik eines der Sibeliushalle, einem der schönsten Konzertsäle der Welt.

Ein Ereignis, das sich nicht so schnell wiederholen wird lassen…

In der Zwischenzeit kann man aber beim Wiener Gastpiel der Sinfonia Lahti(am 19.Oktober im Konzerthaus) dabei sein. Oder sich auch die jüngst erschiene Gesamtaufnahme der Sibelius-Symphonien ebendieses Orchesters unter ihrem scheidenden Chef Okko Kamu(BIS – Records) zu Gemüte führen.

Robert Quitta

 

 

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