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KREFELD: MASKERADE von Carl Nielsen – Premiere

14.05.2012 | KRITIKEN, Oper

KREFELD: MASKERADE von Carl Nielsen      Premiere am 12. Mai 2012

 Der dänische Komödienautor Ludvig Holberg lebt heute weitestgehend durch Edvard Griegs Orchestersuite „Aus Holbergs Zeit“. Seine Bühnenwerke finden sich kaum noch im Repertoire. An eines wurde jetzt in Krefeld erinnert, und zwar durch die Oper „Maskerade“ von Carl Nielsen. Ein ehrenwertes Unternehmen, denn die Liste an Aufführungen in jüngerer Zeit ist schmal: Innsbruck (1993), Kassel (1994, DEA), Greifswald/Stralsund (1997) und Bregenz (2005). Die Premiere am Niederrheinischen Gemeinschaftstheater (zusammen mit Mönchengladbach)  kam bestens an, sicher beflügelt dadurch, dass das feurige Finale zum Mitklatschen einlud. Ein wirklich großes Vergnügen war der Abend aber doch nicht, obwohl die Aufführung klare Meriten hatte.

Das Sujet von „Maskerade“ ist eindeutig ein Kind des 18. Jahrhunderts, auch C. Rocholls deutsche Übersetzung modernisiert kaum. Die wilde Strenge, mit welcher Jeronimus seinen lebenslustigen Sohn Leander malträtiert und ihm die Tochter seines Nachbarn Leonard zur Frau aufnötigen möchte, ist so heute schlechterdings nicht denkbar. Die weit verbreitete inszenatorische Neigung, historische Sujets à tout prix in modernen Kostümen spielen zu lassen, dient auch in diesem Falle keiner besseren Verständlichkeit, sondern verunklart die Vorgänge eher. So entfällt beispielsweise der unterschiedliche soziale Status von Herr/Diener (Leander/Henrik), und die freundliche Verstaubtheit, mit der sich das zentrale Liebespaar einander nähert, ist auch mit noch so witzigen Szenenmomenten nicht weg zu inszenieren. Dass sich der vergnügungsprüde Jeronimus auf ein Kostümfest begibt, um nach dem Rechten zu schauen, glaubt man nicht dem Leben, sondern nur der Komödie. Commedia dell’Arte-Zauber wäre vermutlich stimmiger gewesen. Regisseur ARON STIEHL weiß um Wirkungen auf der Bühne, um Lebendigkeit des Spiels, aber es hat ungünstige Folgen, dass er die historische Verankerung des Stücks negiert.

Gleichwohl besitzt die Aufführung viel szenischen Witz, erotische Anzüglichkeit  und mobilisiert alle Mitwirkenden zu außerordentlich lustvollem Spiel. Das gilt nicht zuletzt für den wirklich hervorragenden Chor (Einstudierung MARIA BENYUMOVA). Bei den Solisten ist als erstes WALTER PLANTÉ (Leonard) zu nennen, ein Tenorrecke des Ensembles, früher im Mozart-Fach tätig, jetzt meist mit kleineren Partien: Aber die sind immer voll und rund, und die Stimme funktioniert immer noch bestens. Mit ihm sollte man vielleicht einmal Janaceks „Broucek“ wagen. HAYK DÈINYAN (Jeronimus) darf sich nach „Viva la Mamma“ erneut komödiantisch ausleben. Als Leander schmachtet MICHAEL SIEMON mit lyrisch festem Tenor. Als seine angebetete Leonora vertritt DEBRA HAYS weiterhin glaubwürdig das jugendliche Fach. EVA MARIA GÜNSCHMANNS Zofe Pernille durchbraust launig ihre Szenen, vokal und darstellerisch höchst wendig angehimmelt von Henrik alias TOBIAS SCHARFENBERGER. Gut machen sich auch SATIK TUMYAN als Jeronimus‘ Gattin, die es mir Ehrbarkeit nicht so genau nimmt, und  MARKUS HEINRICH als Knecht Arv.

Die Situation des Festaktes ähnelt dem Orlofsky-Bild in der „Fledermaus“. Dort freilich sind Situationen und Konstellation, wie versteckt auch immer, klar und eindeutig. In „Maskerade“ wirkt manches etwas gekünstelt und konstruiert. Den köstlichen Magister von ANDREW NOLEN beispielsweise vermag man der Aufführung erst gar nicht recht zuzuordnen. Überhaupt wirkt die personale Dramaturgie der Oper mitunter etwas dubios. Die Musik ist einfallsreich gearbeitet, es funkelt und blitzt immer wieder, aber ihr Humor wirkt irgendwie bemüht, intellektuell verklausuliert. Dem vermag das animierte Spiel der NIEDERRHEINISCHEN SINFONIKER unter GRAHAM JACKSON nicht ganz entgegenzusteuern.

 Christoph Zimmermann

 

 

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