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KRAKAU / Galerie der Polnischen Kunst: Eröffnung des SINFONIETTA FESTIVALS „Stars & Strings“

Minimalistic Opening mit Nyman, Glass, Reich, Adams & Co.

Die Galerie Polnischer Kunst als Konzertsaal für die Sinfonietta Cracovia Foto: Manfred A. Schmid

KRAKAU/KRAKOW / Galerie der Polnischen Kunst: „Minimalistic Opening“ des von der Sinfonietta Cracovia veranstalteten Sinfonietta Festivals „Stars & Strings“
30. Juni 2019

Minimalismus in letzter Konsequenz: Minimalistischer als mit 4’33“ von John Cage geht es nicht

Von Manfred A. Schmid

Schon der Rahmen des Eröffnungskonzerts des SINFONIETTA FESTVALS 2019 fällt aus dem Rahmen: Es findet in der Mitte des riesigen Krakauer Hauptmarkts im Obergeschoss der so genannten „Tuchhallen“ statt, wo man in der dort beheimateten Galerie der Polnischen Kunst des 19. Jahrhunderts normalerweise Gemälde bewundern kann. Diesmal steht aber die Sinfonietta Cracovia im Mittelpunkt. Zu bewundern gibt es – unter dem Titel „Minimalistic Opening“ – Werke der vorwiegend amerikanisch geprägten minimal music sowie Stücke von zwei möglichen, allerdings grundverschiedenen Vorläufern aus Europa.

John Cage, der am Anfang des Konzerts steht, ist eigentlich kein „minimalistischer Komponist“. Er passt trotzdem an die erste Stelle der Programmabfolge, denn minimalistischer lässt sich ein der minimalistischen Musk gewidmetes Konzert nicht eröffnen als mit seinem revolutionären wie legendären Werk 4’33“. Der Pianist der Uraufführung, David Tudor, betrat 1952 bekanntlich die Bühne, öffnete den Klavierdeckel, saß exakt 4 Minuten und 33 Sekunden lang regungslos und schweigend vor dem Instrument, danach schloss er den Klavierdeckel wieder und trat ab. Zu hören war in diesen 4 Minuten und 33 Sekunden also rein gar nichts, oder – andersherum betrachtet – alles: Nämlich die Stille, aus der alle Musik erst erwachsen kann. In Krakau kann man zur Abwechslung einmal einem Kammerorchester und seinem Dirigenten Jurek Dybal beim kollektiven Schweigen zuhören. Und siehe – pardon: höre – da: Die von großformatigen Gemälden geprägte Umgebung mischt sich ein und macht sich vernehmbar, aber auch das Rascheln der Notenblätter beim Umblättern für folgenden Satz des dreiteiligen Werks ist nicht zu überhören.

Nach diesem gelungenen Einstieg kommt Erik Saties berühmtes Klavierstück Gymnopédie nr 1 aus dem Jahr 1888 zur Aufführung. Vor allem aufgrund seiner raffinierten Einfachheit und hartnäckigen Repetitivität ist der Bezug zur über 60 Jahre später in Amerika entstandenen minimal music nicht von der Hand zu weisen. In der Version für Streichorchester wirkt das schlichte, aber eingängige, leicht schräge Werk allerdings doch zu aufgeplustert und somit zu überladen. Nicht ganz so einleuchtend ist hingegen die Hereinnahme des ursprünglich ebenfalls für Klavier solo komponierten Das Gebet einer Jungfrau (Modlitwa dziewicy) der polnischen Pianistin und Komponistin Tekla Badarzewska-Baranowska aus dem Jahr 1852. Zwar kann auch dieses Werk melodische Einfachheit und harmonische Schlichtheit für sich reklamieren, aber die bei Satie und den amerikanischen Minimalisten feststellbare Raffinesse wird man hier vergeblich suchen. Da sich der musikalische Minimalismus immerhin aber auch durch eine gute Portion Humor auszeichnet, ist das kitschige und sehr volkstümlich angelegte Werk hier vielleicht doch nicht ganz so falsch am Platz, erfüllt es doch mindestens ein minimalistisches Kriterium: Kontinuität und jegliche Vermeidung von Spannungsaufbau.

Nach diesen beiden musikalischen Exkursen in die Vorvergangenheit geht es übergangslos in medias res: Der Brite Michael Nyman, der auch als Filmkomponist bekannt geworden ist, hat sein mit viel Verve zur Aufführung gebrachtes Stück In Re Don Giovanni rund um eine kurze, 16 Takte umfassenden Passage in der orchestralen Begleitung von Mozarts „Registerarie“ des Leporello gebaut. Das Zitat bleibt in seiner Tonalität während der folgenden minimalistischen Variierung erhalten, wird aber harmonisch verändert und fragmentiert. Der Wohlklang (Konsonanz) wird dabei nur selten durch disharmonische Einsprengsel getrübt. Insgesamt eine eindrückliche Begegnung mit Nymans Schaffen, von der Sinfonietta Cracovia kraftvoll exekutiert.

Der als Magier der Wiederholung bekannt gewordene Philip Glass hat sein monochrom und homogen klingendes Quartett nr 2 Company zunächst für ein Streichquartett geschrieben, es wird aber – wie an diesem Abend – gerne von Streichorchestern übernommen. Inspiriert wurde Glass zu seiner Komposition von der gleichnamigen Novelle Samuel Beckets, in der er der Frage nach Tod und dem Sinn des Lebens nachspürt. Mollklänge dominieren alle vier Sätze und korrespondieren so ideal zu der pessimistischen Weltsicht des Nobelpreisträgers für Literatur. Der starken Melodieführung steht eine sich täuschend einfach gebende Verarbeitung kontrastierend gegenüber.

Sehr bunt und geradezu kraftvoll-anarchisch wird Terry Rileys Komposition In C dargeboten, das aleatorische Zufallsentscheidungen der Mitwirkenden und damit die für die minimal music typischen Phasenverschiebungen, Überlagerungen, Akzentverschiebungen der motivischen Zellen in verschiedenen Stimmen zulässt. Der Ablauf ist zwar teils in akribischen Spielanweisungen festgelegt, trotzdem gibt es für die Mitwirkenden und den Dirigenten jeden Menge Freiräume. Die Zahl der Mitwirkenden ist ebenso offen. Für die vorliegende Aufführung wurden offenbar zusätzliche Laienmusikerinnen und -musiker mit ihren jeweiligen Instrumenten eingeladen. Außerdem wird an am Mitmachen Interessierte im Publikum Flöten, Xylophone und dergleichen verteilt. Sie haben vor allem die Aufgabe, den Grundton C oktaviert und in vom Dirigenten vorgegebenen Rhythmen metronomartig und damit durchgehend als „Puls“ zu intonieren. Im Orchester hinwiederum kann jede Phrase beliebig oft wiederholt werden. Jeder entscheidet selbst, wann er zur nächsten Phrase übergeht. Rhythmische Verschiebungen sind erwünscht, genauso wie die Überlagerung benachbarter Phrasen. C ist zwar der durchgehende „Puls“, aber im Orchester mischen sich allmählich viele andere Töne hinzu, weshalb man auch von einer „heterophonen“ Kompositionsweise sprechen kann. Das Ganze gerät unter der engagierten Leitung von Maestro Jurek Dybal, der zu jedem Programmpunkt Erläuterungern beisteuert, zu einem eindrucksvollen Happening.

Nach der Pause folgt das Triple Quartett von Steve Reich aus dem Jahr 1999, ein komplex strukturiertes, dreisätziges Werk, komponiert für drei simultan spielende Streichquartette. Das Kronos Quartett, das das Werk auf Tonträger eingespielt hat, muss daher bei Live-Konzerten den Part der ersten beiden Streichquartette auf Tonband aufnehmen und dazu live spielen. Die Aufführung durch ein Streichorchester hat den Vorteil, dass alles zur Gänze live dargeboten werden kann. Reichs Triple Quartett klingt da wie ein unentwirrbarer, pulsierender Klangteppich und verfehlt seine Wirkung nicht.

Den Höhepunkt bringt der Schlusspunkt des Abends: John Adams hat seine Komposition Shaker Loops zunächst für Streichsextett geschrieben, inzwischen aber hat sich die 1983 erfolgte Umarbeitung für Streichorchester durchgesetzt. Ein kraftvolles, mitreißendes Stück, in dem Adams mindestens ein Prinzip der minimalistischen nicht befolgt hat: die geforderte Vermeidung von Spannungsaufbau. Ganz im Gegenteil: Die farbige, leidenschaftlicher Wiedergabe durch die Sinfonietta Cracovia legt nahe, warum diese Musik es geschafft hat, Eingang in ganz andere Medien zu finden. Der erste Satz von Shaker loop wurde zum Beispiel 1987 im Film Barfly verwendet, ist aber auch, neu arrangiert und mit Text versehen, auf Jon Andersons Album Change We Must zu hören. Und die letzten Sätze wurden zur Filmmusik von I Am Love. Auch eine Drummer-Formation hat sich des Stücks angenommen und  dessen rhythmische Gestalt zum Zentrum seines Auftritts im Jahr 2015 gemacht.

Das Konzert der Sinfonietta Cracovia zeigt so anhand bedeutender Werke die beachtlich große stilistische Vielfalt der wichtigsten Repräsentanten auf, die mit den Konventionen der Avantgarde wenig zu tun haben und sich als Gegenbewegung zur seriellen Kompositionsweise der 50-er und 60-er Jahre verstehen. Viel Begeisterung, stellenweise aber auch Ratlosgkeit sind beim Schlussapplaus zu registrieren. Kein Wunder: Die minimal music ist über die Jahre recht populär geworden, aber nicht unbedingt beim Publikum mit traditionell klassischen Hörgewohnheiten. Und sie hat inzwischen wohl auch schon etwas an Zugkraft eingebüßt. Nicht zuletzt spricht man ja auch schon längst von einer Ära des Post-Minimalismus. Tot ist der musikalische Minimalismus allerdings noch lange nicht. Und das hat dieses Konzert jedenfalls klar bewiesen.

Manfred A. Schmid (Online Merker)
30.6.2019

 

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