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KÖLN: PARSIFAL – Kommunion und vielerlei Lichtblicke. Premiere

31.03.2013 | Allgemein, KRITIKEN, Oper

Parsifal Premiere am 29. März 2013 in Köln

Kommunion und vielerlei Lichtblicke


Parsifal“ Marco Jentzsch. Foto: Karl Forster

Draußen rieselt leise der Schnee, in Köln, am wolkenverhangenen Karfreitag, vor dem blauplanig überdachten Musicaltheater, von den Einheimischen gern als „Müllsack“ persifliert. Drinnen sprühen die Funken. CarlusPadrissa, inszeniert mit seiner Truppe „La Fura dels Baus“, visuell überbordend, das Bühnenweihfestspiel Parsifal.  In Köln sind die Katalanen in bester Erinnerung geblieben, als sie vor zwei Jahren, auf der anderen Rheinseite, so fulminant wie grandios, eine Musikereignis von Weltrang inszenierten: Die szenische Uraufführung von Sonntag aus Licht von Karl-Heinz Stockhausen. Entsprechend hoch waren die Erwartungen an die erste Parsifal Inszenierung des spanischen Regisseurs, so hoch, dass sie eigentlich kaum erfüllt werden konnten – und auch nicht wurden.


Dalia Schaechter (Kundry), Marco Jentzsch (Parsifal). Foto: Karl Forster

Opulente Bilderwelten prägten die Inszenierung auf vielen Ebenen gleichzeitig.  Da werden auf den mitunter vor das Bühnengeschehen gehängten Gaze-Vorhang Videos aufgespielt, gleich zu Anfang, Unfälle bei Autorennen gezeigt, später dann Comic-Strips, Buchstabensalate, Filmausschnitte. Eigens drei Videokünstler, Román Torre, Pelayo Mendéz und Fritz Gnad sind engagiert worden, um so menschliches Leiden und allerlei anderes zu visualisieren. Auf der Bühne werden durch die ersten beiden Aufzüge hindurch permanent vier Spitzbogentribünen auseinander und zusammen geschoben, besetzt mit 90 Komparsen. Die sind mit weißen Kapuzen-Overalls angezogen, ähnlich der menschlichen Spermien aus einem frühen Woody-Allen Film. Teilnahmslos sitzend, werden sie von ihren eigenen LED-Grubenlampen und der lebendigen Lichtregie Andreas Grüters gekonnt als ästhetisch ansprechende Kulissen beleuchtet. Allein, der Bezug zum Parsifalstoff bleibt, ebenso wie bei den als Reflektor dienenden Kostümen von Chu Urosz, im Dunklen.

Anders verhält es sich zwar bei den im zweiten Aufzug von Bühnenbildner Roland Olbeter eingesetzten Baummaschinen, die sich übergroß und pneumatisch angetrieben, im Zaubergartenreich Klingsors bewegen. Jedoch bleibt der Eindruck, so wie auch bei den an Seilen hängenden Apparaturen für das fliegende Pferd, den sterbenden Schwan und kreisende Krähen, dass hier gelegentlich technische Vielfalt inszenatorisches Beliebigkeit übertüncht.

So richtig zueinander finden Parissa und Parsifal erst im dritten Aufzug, der als groß angelegte Vereinigung aufwartet. Eindrucksvoll vereinigt sich das lichte Schwert, von oben kommend, mit  dem als Bassin dimensionierten Gralskelch.  In dessen rötlich-güldener Blutsuppe schwimmt Kundry, als Homuncula wieder geboren. Im Zuschauerraum erwecken mehrfache Prozessionen der Gralsritter, quer im Mittelgang, den Eindruck nun Teil der Gralsburg zu sein. Zum Finale dürfen sich dann alle als Teil der Gralsgemeinschaft fühlen: Das von Gurnemanz während der Aufführung live gebackene Brot wird in Körben zum gemeinsamen Verzehr herumgereicht. Fast jeder nimmt sich sein Stück und erlebt somit am Karfreitag Kommunion auch außerhalb kirchlicher Eucharistie.

Die Akustik in der für Musical Auführungen konzipierten Spielstätte ist eine Herausforderung. Markus Stenz macht mit dem Gürzenich-Orchester das Beste daraus, übersteigt, nach etwas flauem Anfang, bald das Musical-Niveau, findet zu Klingsors Aufzug die passenden Tempi und gefällt insgesamt durch Transparenz und austarierte Klangfarben. Stimmlich stark trumpft der personell auf über hundert Sänger verstärkte Chor auf. Andrew Ollivant als Chorleiter macht aus der Not eine Tugend, indem er die Sänger in den Zuhörerraum hineinstellt und so für ein umgreifendes und hautnahes Klangbild sorgt.

Immer souveräner wird Marco Jentzsch als Parsifal. Der Tenor überzeugt in allen Lagen, auch noch in der Höhe bleibt er frei. Dalia Schaechter nutzt die Chance als Vertretung von Silvia Hablowetz. Sie verkörpert als Mezzosopran alle Rollen der wandelbaren Kundry, mal als Amazone, mal als Walküre, mit beeindruckender Präsenz. Wagner-Veteran Matti Salminen gelingt als fundierter Bass Gurnemanz, gerade in den erzählerischen Phasen, eine klare Textartikulation, gesanglich fehlt ihm etwas die Frische. Der janusköpfig, sowohl als Amfortas wie als Klingsor auftretende Bassbariton Boaz Daniel  meistert die Doppelrolle gleichermaßen gut.  Young Doo Park debütiert als Bass Titurel ohne Tadel. Knappen und Blumenmädchen fügen sich nahtlos in den stimmlich guten Gesamteindruck ein.

Das Publikum applaudiert länger, mehr freundlich als begeistert. Vereinzelt gibt es Buhrufe für die Regie. Auch wenn die Aufführung niemand vom Sitzplatz riss, langweilig war sie nicht, stattdessen voller Lichtblicke.

 

Thomas Böckenförde

 

 

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