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KÖLN: LA FORZA DEL DESTINO – Neuinszenierung

19.09.2012 | KRITIKEN, Oper

KÖLN: LA FORZA DEL DESTINO Premiere 16. September, 2. Vorstellung mit alternativer Besetzung 18. September

 Nachdem Giacomo Puccinis “Tosca“ in Köln sozusagen ein Vorspiel für die Inbesitznahme des ehemaligen Musical-Zeltes als „Oper am Dom“ war, beginnt mit Giuseppe Verdis „Forza del destino“ das Drei-Jahre-Intermezzo der städtischen Oper, deren altes Haus (samt Schauspiel) ja grundsaniert wird. Das „blaue Zelt“ besitzt eine Bühne von enormer Breite. Mozart ließe sich hier kaum spielen. „Le nozze di Figaro“ wird denn auch im Palladium, der hauptsächlichen Nebenspielstätte, gegeben. Doch für die chorreiche „Forza“ bietet sie Vorteile. Sie schlagen sich bei OLIVIER PYs Inszenierung vor allem im Bühnenbild von PIERRE-ANDRÉ WEITZ nieder. Die von der Marketenderin Preziosilla zu Beginn durch Drehen einer miniaturhaften Stadtlandschaft auf die durch einen Stufenaufbau erhöhte Bühne geworfenen Schatten wiederholen und potenzieren sich in Form umlaufender, architektonisch zeitloser Projektionen. Ergänzt wird dieser filmische Effekt durch halbrealistische Bauten, welche gleichfalls stetig kreisen und in ihrer Bewegung höchstens innehalten, wenn eine vorgegebene Lokalität wirklich Ruhe erfordert. Diese Lösung wirkt optisch ungemein faszinierend, auch wenn sie sich innerhalb der 3 1/4stündigen Aufführung etwas abnutzt. Aber Olivier Py, künftiger Leiter der Avignon-Festspiele und erstmals in Deutschland arbeitend, möchte mit ihr die Macht der Geschichte visualisiert sehen, welche den einzelnen Menschen unter seinen Rädern begräbt. Räder gehören ebenfalls zu den optischen Konstanten der weitgehend schwarz-weißen Ausstattung.

Verdis Oper von 1862 (Köln spielt die übliche Revision für Mailand von 1869) ist „Forza del destino“, also „Macht des Schicksals“, übertitelt. Das klingt poetisch, entspricht aber nicht ganz dem Inhalt. Denn diese Formulierung trifft im Grunde nur auf den durch Zufall tödlichen Schuss zu, welcher zu Beginn den Marchese di Calatrava niederstreckt. Alle anderen Horrorereignisse sind vom Menschen bewusst in Szene gesetzt, entspringen dunklen Abgründen seiner Existenz wie Rassen- und Standesdünkel. Und vor allem führt die wohl unausrottbare Gewaltbereitschaft, an der unsere Gegenwart im Moment besonders reich ist, zu Katastrophen. Davon profitiert Preziosilla (eine antizipierte Mutter Courage) zunächst, zahlt bei Py dann aber doch irgendwann mit dem Leben. Unter Umständen ließe sich kritisch darüber nachdenken, ob damit diesem „Randgeschehen“ gegenüber der privaten Tragödie nicht zu viel Platz eingeräumt wird.

Andererseits lässt der Regisseur den Marchese immer wieder als Mahnfigur die Bühne betreten, Abbild für Leonoras Schuldgefühl. Ob er am Schluss, nicht länger mit blutender Wunde, seine Tochter in ein friedliches Jenseits führt, muss offen bleiben. Der Kunstengel im Hintergrund scheint eher auf ein Utopia zu deuten. Aber Py findet: „Rätsel sind schöner als Antworten.“ Die Gewaltexplosion bebildert er allerdings eindeutig, lässt sie sogar auf den eigentlich harmlosen Klosterbruder Melitone übergreifen. Statt das Bettlervolk mit Speise zu versorgen, bewirft er es mit Papierabfall. Die lebendige, dynamische Inszenierung Pys gestattet sich dankenswerterweise immer wieder längere Ruhemomente (etwa bei der ersten Klosterszene). Einige läppische Szenen schlagen nicht über Gebühr zu Buche.

WILL HUMBURG, der schon „Aida“ in Köln betreute, erweist sich einmal mehr als Dirigent der explosiven Italianità-Dramatik, versteht es aber auch, kantable Höhepunkte intensiv glühen zu lassen. Bis auf den etwas höhenproblematischen ENRIQUE FERRER (Alvaro) bietet die Premieren-Aufführung erstklassige Sänger auf. DALIA SCHAECHTER ist eine explosive Preziosilla, ANTHONY MICHAELS-MOORE ein baritonkerniger Don Carlo, LIANG LI ein volltönender Pater Guardian (mit dem quirligen Melitone PATRICK CARFIZZI an seiner Seite). Doch alle werden überstrahlt von dem expansiven, vor allem jedoch pianohymnischen Leonora-Sopran ADINA AARONs. Da in der „Oper am Dom“ en suite gespielt werden muss, ergibt sich die Notwendigkeit von Doppelbesetzungen. Bei „Forza“ sind sie exakt aufgeteilt. In der 2. Vorstellung (18.9.) war gab wider Erwarten Patrick Carfizzi nochmals den Melitone, ansonsten aber waren die Hauptpartien neu besetzt, neuerlich mit ungemein vielen Rollendebüts. Die aus Uruguay stammende Sopranistin MARIA JOSÉ SIRI besitzt einen üppigeren Sopran als Adina Aron, verfügt aber über ähnliche Piano-Qualitäten und die Fähigkeit zur „messa di voce“. Auch darstellerisch überzeugt ihre Leonora. Ein vergleichbares Charisma geht VSEVOLOD GRINOV ab, der sich beim Alvaro um dynamische Differenzierung bemüht, aber seine Partie doch meist nur „stemmt“. Der Don Carlos von DIMITRIS TILIAKOS besitzt entschieden mehr Kontur, auch wenn die Höhe flackrig wirkt. NIKOLAY DIDENKO ist ein würdiger Pater Guardian, fällt hinter seinem chinesischen Kollegen jedoch etwas zurück. Die Preziosilla der mezzoschlanken KATRIN WUNDSAM besitzt Profil, sticht die lodernde Darstellung ihrer Rollenvorgängerin aber nicht aus. Der Marchese mit dem Guardian-fähigen Bass von DIRK ALESCHUS ist in allen Aufführungen zu hören wie auch der Chirurgo des jungen Rumänen LEONARD BERNAD, der mit seiner kernig-fülligen Stimmer dem Kölner Opernstudio alle Ehre einlegt.

 Christoph Zimmermann

 

 

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