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KÖLN: IL TRITTICO. Premiere

10.05.2013 | Oper

KÖLN: IL TRITTICO. Premiere am 9. Mai 2013

 Wagners „Parsifal“, Schrekers „Gezeichnete“ und nun Giacomo Puccinis „Il Trittico“ in kurzer Folge hintereinander – ein gewaltiger Kraftakt der Kölner Oper. Er ist freilich vor allem der Tatsache geschuldet, dass gegenwärtig in Ausweichspielstätten en suite gegeben werden muss und Produktionen innerhalb weniger Wochen abgespielt sind, sofern nicht irgendwann eine Wiederaufnahme erfolgt. Vor der vollständigen Einakter-Kollektion des „Trittico“ scheuen sich Theater noch immer, vor allem wegen des Mittelteils „Suor Angelica“. Gegen die rührende Geschichte einer zum Nonnendasein gezwungenen jungen Frau, die erst nach quälenden Jahren der Ungewissheit erfährt, dass ihr (uneheliches) Kind gestorben ist, kann man sich durchaus kritisch wenden, vielleicht sogar verschärfend von „rührselig“ sprechen. Doch sollte man offen sein für den fein geäderten Schmerzenston von Puccinis Musik und überprüfen, ob Ablehnung nicht vielleicht eher ein Vorurteil ist.

 Der krasse Atmosphärewechsel ist für die angemessene Wirkung des „Trittico“ freilich von Bedeutung. Umschlossen von dem Krimi „Il Tabarro“ und der burlesken Gaunerkomödie „Gianni Schicchi“ gewinnt der über weite Strecken fraglos süßliche „Angelica“-Sound Glaubwürdigkeit und dramaturgische Stringenz. Naheliegend wäre somit die Verpflichtung eines einzigen Teams, welches diese Spannungskurve interpretatorisch sinnfällig umsetzt. Köln hat
indes 3 Regisseurinnen verpflichtet. Gleichbleibend ist hingegen der dreistöckige Bühnenbau, den DIETER RICHTER mit optischen Accessoires jedoch einfallsreich vom Lastschiff am Seine-Ufer über das Klosterinterieur bis hin zur Villa des toten Buoso Donati abwandelt. Dass Frauen inszenieren, beeinflusst die konzeptionellen Ergebnisse nicht erkennbar. Das letzte Kölner „Trittico“, vor gut 2 Jahrzehnten von Willy Decker erarbeitet, hatte etwa in der „Angelica“ einen ähnlich weichzeichnenden Anstrich.

 „Tabarro“ wird von SABINE HARTMANNSHENN realistisch und drängend erzählt. Die Regisseurin durchmischt die düstere, lastende Geschichte geschickt mit den vielen, teilweise aufhellenden Nebenepisoden, welche die Oper bereit hält. Mit ihrem drastischen Porträt der Frugola tut sich DALIA SCHAECHTER sogleich als eine führende Persönlichkeit des Abends hervor (vor kurzem war sie noch Kundry). Der psychologischen Glaubwürdigkeit kommt zugute, dass dem reifen Michele (SCOTT HENDRICKS mit ausdrucksvollem, ausladenden Bariton und im wirklichen Leben erst Anfang vierzig) in ASMIK GRIGORIAN eine ausgesprochen junge Giorgetta gegenüber gestellt ist (SUSANA MENDOZAs Kostüm unterstreicht dies), die das Leiden an einem beengenden, perspektivlosen Dasein glaubhaft macht und gleichzeitig mit ihrem blühenden Sopran unbefriedigten Lebenshunger auszudrücken weiß. Den Luigi gibt HECTOR SANDOVAL als durchwegs sympathischen Kraftmenschen. Weiterhin bewähren sich JOHN HEUZENROEDER (Tinca) und ULRICH HIELSCHER (Talpa).

 Der Schluss wird eigenwillig interpretiert. Im Untergeschoß der Bühne, welcher das enge Schlafzimmer von Michele und Giorgetta abbildet und sinnprägende Parallelaktionen zum Geschehen „oben“ ermöglicht, zerstört Giorgetta spontan alte Papiere mit dem Messer. Aus diesem Verzweiflungsanfall erwächst der Plan, durch die Ermordung des Gatten zur ersehnten Freiheit und zu neuer, erfüllender Liebe zu gelangen. Dass ihr Messer jedoch (hinter der Tür) den Liebhaber trifft, der gerade zu ihr eilt, bedeutet freilich eine Verbiegung ins „Tatort“-Milieu. Und dass eine herbei eilende Menschenmenge den eigentlich intimen Vorgang sensationsgierig beäugt, verstärkt diese Veräußerlichung.

 Anders als vor kurzem beim Düsseldorfer „Tannhäuser“, wo eine stumme Szene aus dem musikalischen Fluss brutal heraus amputiert wurde (inzwischen nicht mehr, wie überall zu lesen war), inszeniert EVA-MARIA HÖCKMAYR die Vorgeschichte von „Suor Angelica“ vor Einsatz der Musik, und dieses fast eingefroren wirkende Bild leitet (auch im Tempo) stimmig zu ihr über, wobei Glockenschläge, deren Tonfolgen aus Puccinis Partitur extrahiert sind, vorgeschaltet werden. Die Führung des Chores auf allen 3 Spielebenen geschieht locker und fließend.
Einige drastische Bildeinfälle wie der Kontrast von „etablierten“ Nonnen in Schwarz und offenbar neuen Büßerinnen in sündigem Rot und teilweise geblähtem Bauch (Kostüme: JULIA RÖSLER) oder auch die ständigen Bekreuzigungen mag man freilich monieren. Da hätte der attraktive Jüngling, welcher bei den Frauen in einem fiktiven Auftritt unterdrückte Triebe erweckt, als personaler Akzent durchaus genügt. Differenziert werden Episoden aus Angelicas Vergangenheit mit der Gegenwart des Klosterlebens verwoben. Das verstorbene Kind bleibt dabei der Mutter unerreichbar, erst am Schluss sitzt es auf dem Mantel der heiligen Maria und nimmt die Sterbende in seinen Armen auf. Einige Vorgänge und Verwandlungen bleiben etwas rätselhaft,
aber das verstärkt eher die suggestive Stimmung der Inszenierung, welche von einem Teil des Publikums in der Premiere unverständlicherweise abgelehnt wurde.
Die Titelpartie verkörpert JACQUELYN WAGNER mit wahrer Himmelsstimme, Dalia Schaechter ist jetzt umwerfend kothurnhaft die herzenskalte Fürstin. Von den weiteren Sängerinnen seien wenigstens noch ROMINA BOSCOLO (Äbtissin) und MACHIKO OBATA (Schwester Eiferin) erwähnt.

 GABRIELE RECH variiert bei „Gianni Schicchi“ die Introduktion dadurch, dass sie Buoso Donati noch lebend während eines Mahls inmitten seiner Verwandten zeigt. Nachdem ihn wohl ein Schlaganfall ereilt hat, geht die Essenszeremonie ungerührt weiter. Später wird der Tote durch eine Bodenluke in den Keller „entsorgt“. Die köstlichen karikaturistischen Zuspitzungen der Regie, die sich auch in den Kostümen von SANDRA MEURER niederschlagen, lassen sich nicht alle aufzählen.
Besonders kesses Detail am Rande: der feuerrote Büstenhalter, welcher in Donatis Bett entdeckt wird und mit dem der Rotzlöffel Gherardino anzüglich zu
spielen beginnt. Alle Mitwirkenden brillieren sowohl sängerisch als auch darstellerisch. Neben John Heuzenroeder (Gherardo), AOIFE MISKELLY (Nella), MATIAS TOSI (Betto di Signa), dem Kölner Urgestein Ulrich Hielscher (Simone), dem bemerkenswerten CHRISTOPHER BOLDUC (Marco) und Romina Boscolo (Ciesca) wäre neuerlich Dalia Schaechter mit ihrer hinreißend bärbeißigen Zita hervorzuheben. Scott Hendricks gibt dem Schicchi eine besondere Form intellektueller Bauernschläue mit, prunkt mit seiner gesunden Stimme, die man vor gut einem Jahrzehnt erstmals kennenlernte, als der Sänger fest zum Ensemble gehörte. Die Rinuccio-Kantilenen blühen dank JEONKI CHOs schmelzreichem Tenor herrlich auf, GLORIA REHM, die tolle Nachwuchssängerin, ist bei Zerbinetta freilich noch stärker zu Hause als bei der kindhaft lyrischen Lauretta. Für den Spinelloccio ist BODO SCHWANBECK (*1935) aufgeboten, trotz seinem 2009 verkündeten Karriereende noch voll da. In Köln erlebte man ihn in den 60er Jahren u.a. als Beckmesser.

Ein besonderes Ereignis der Puccini-Produktion ist zweifelsohne der Dirigent WILL HUMBURG. Man sollte zwar nicht zu sehr in seiner Nähe sitzen, denn mit seiner hoffmanesken Gestik spielt er praktisch alle Bühnendarsteller an die Wand. Aber das Klangergebnis mit seinen Farbdetails und der subtilen Agogik ist frappierend und faszinierend. Und wer die Einführungsmatinee einige Tage zuvor erlebte, kam aus dem Staunen nicht heraus über die Wissensfülle dieses vitalen Musikers und seine Fähigkeit, seine Kenntnisse rhetorisch lebendig und unakademisch zu vermitteln.

 Christoph Zimmermann

 

 

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