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KÖTHEN/ Schloss: BACHFESTTAGE 2020

06.09.2020 | Konzert/Liederabende

Köthen / Schloss:  BACHFESTTAGE 2020 1.-5.9.2020

In Köthen (Sachsen-Anhalt), einst ein winziges Fürstentum, von dem erzählt wird, dass der Märchendichter Hans Christian Andersen, als er mit der Eisenbahn hindurchfuhr, sich bei der Einfahrt eine Zigarette anzündete und als sie brannte, schon wieder draußen war (was nicht stimmen muss, da er nicht rauchte), verbrachte J. S. Bach nach eigenem Bekennen die sieben glücklichsten Jahre seines Lebens. Er komponierte hier Teile seines „Wohltemperierten Klaviers“ und der „Brandenburgischen Konzerte“ sowie Kantaten für die fürstlichen Festlichkeiten und leitete die Uraufführung im großen Saal des Schlosses.

Jetzt ist Köthen eine ansehnliche Kreisstadt mit Hochschule und Erinnerungsstätten an berühmte Persönlichkeiten, die hier einige Zeit lebten, neben Bach, auch Samuel Hahnemann, der „Vater der Homöopathie“ und der Dichter Joseph von Eichendorff sowie an die „Fruchtbringende Gesellschaft“ zur Pflege der deutschen Sprache, um deren Erhaltung und Pflege jetzt Edda Moser in Bad Lauchstädt kämpft.

An Bachs Aufenthalt in der Stadt erinnern noch die Schlosskapelle, wo einst ein Söhnchen von ihm getauft wurde, für das Fürst Leopold persönlich Pate stand, das (vermeintliche) Grab seiner ersten Frau, Maria Barbara, und die St.-Agnus-Kirche, wo er die Gottesdiente auf seinem Platz neben der Tür (mit Klingel) besuchte, um bei Bedarf schnell zum Fürsten eilen zu können, wenn dieser ihn rief.

Die lebendigste Erinnerung aber sind die fünftägigen Bachfesttage, die aller zwei Jahre stattfinden. Seit Folkert Uhde als Nachfolger des verdienstvollen Hans-Georg Schäfer, einst u. a. Intendant der Berliner Philharmoniker, Leiter der Ansbacher Bachwochen und schließlich der Köthener Bachfesttage, die während seiner Amtszeit einen grandiosen Aufstieg erlebten und seitdem international ausstrahlen, die Festtage leitet, gibt es „Halb-“ und „Viertelkonzerte“, kleine, mitunter sehr feine „Häppchen“ wie Tapas, bei denen sich jeder Konzertbesucher sein ganz persönliches „Menü“ zusammenstellen und die Pausen je nach Belieben „zur freien Verfügung“ wählen kann, z. B. für ein weiteres Kurzkonzert, oder um den „historischen Trubel im Schlosshof mit „höfischem Menuett, Stelzen-Gängern, Marktweibern, Gauklern usw. in sehenswerten alten oder stilecht nachgeschneiderten Kostümen zu erleben oder einfach nur zu entspannen und die Musik nachwirken zu lassen.

Jetzt in der „Corona“-Krise ist diese Form bestens geeignet, um die Festtage weiterzuführen, nur übersteigt die Nachfrage bei den kleinen, mitunter sehr feinen „Häppchen“-Konzerten die Platzkapazität der im Raum vereinzelten Stühle. Wie überall, kommen nur wenige (zu wenig) Musikfreunde in den Genuss der Konzerte mit namhaften Solistinnen und Solisten, die mitunter „Appetit“ auf mehr machen, wie bei der genialen Geigerin Isabel Faust, dem Countertenor Valer Sabadus, der japanischen Geigerin Midori Seiler und der urmusikalischen Christine Schornsheim an Cembalo und Hammerklavier. Zwei dieser 45-Minuten-Konzerte in den beiden wichtigsten Sälen des Schloss-Areals (5.9.) sollen hier stellvertretend für das vielseitige Programm mit Musik, Rezitationen usw. stehen.

Im Johann-Sebastian-Bach-Saal, in der einst maroden, dann wieder aufgebauten und modern aufgestockten Reithalle brachten Countertenor Valer Sabadus & Köthener BachCollektiv Werke der beiden Leiter der nur relativ kurze Zeit existierenden Köthener Hofkapelle zur Aufführung, von Augustin Reinhard Stricker (um 1800 – 1718/19?), der 1714, von der aufgelösten Berliner Hofkapelle kommend, die Köthener Hofkapelle gründete, und J. S. Bach, der sie 1717 übernahm und bis zu ihrer Auflösung leitete, bevor er als Thomaskantor nach Leipzig ging.

Von Stricker, der sonst wenig bekannt ist, aber durchaus in die Reihe der sehr guten deutschen Barockkomponisten gehört, erklangen zwei, in Köthen gedruckte und erst kürzlich wieder entdeckte italienische Kammerkantaten: „Dorinde io parto“ für Sopran, Oboe und Basso continuo (B.c.), bestehend aus Recitativo, Aria, Recitativo, Aria und Menuet, bei der die klangschöne, mit warmem Ton, Flexibilität und exakt ausmusizierten Details gespielte Barockoboe von Clara Blessing auffiel, und „O tenero Amor“ für Sopran, Violine und B.c. mit Recitativo, Aria und Recitativo. Das kleine Ensemble musizierte auf alten bzw. nachgebauten Barockinstrumenten mit Einfühlungsvermögen und Sinn für die Musik der Barockzeit. Valer Sabadus hielt sich jedoch mit seiner klangvollen Stimme und seinen Fähigkeiten sehr zurück. Hatte er keinen guten Tag, nervte ihn die Corona-Gefahr, beeinträchtigte ihn der zwangsläufig halbleere, wenn auch ausverkaufte, Saal oder war ihm nur der Komponist mit seiner Kompositionsweise fremd?

Vom gleichen Komponisten brachten die beiden Geigerinnen Mayumi Hirasaki, die auch das Ensemble leitete, und Midori Seiler, die sich hier mit ihren Qualitäten ganz in den Dienst des Ensembles stellte, eine mit Hingabe und warmer Tongebung musizierte „Triosonate D‑Dur“ für 2 Violinen und B.c.“ zu Gehör.

Der Genius loci, Bach, der bekanntlich seine eigenen Werke parodierte, d. h. bei gegebenem Anlass für andere Instrumente zwecks Wiederverwendung überarbeitete, durfte nicht fehlen und war mit dem viersätzigen, (aus BWV 1055) rekonstruierten  „Konzert für Oboe d’amore  A‑Dur“ mit Clara Blessing als Solistin vertreten. Die Oboe d’amore hat ihre Tücken und ist für moderne Musiker nicht leicht zu beherrschen, aber der liebliche Klang entschädigte für alles.

Eine Stunde später boten Midori Seiler, Violine und Christine Schornsheim am Cembalo im stilgerecht rekonstruierten Spiegelsaal des Schlosses, wo Bach als Kapellmeister wirkte, der aber seine jetzige Form erst 1822 als Thron- und Festsaal erhielt, Kammermusik in höchster Qualität. Die Stühle waren, „der Not gehorchend, nicht dem eignen Triebe“ wegen der geforderten Abstände so vereinzelt gestellt, dass man den kunstvoll verlegten Parkettfußboden betrachten konnte, aber – viel wichtiger – von allen Plätzen eine gute Sicht auf die beiden Musikerinnen hatte, die in kongenialem Zusammenspiel drei “Sonaten für Violine und Cembalo“ von J. S. Bach in schönster Weise boten. Midori Seilers klangschöne Höhenflüge auf der Violine, die klaren melodischen Linien und ihre leidenschaftliche Musizierfreude nahm Christine Schornsheim am Cembalo migt gleicher Intensität auf und führte sie in kongenialem, beglückendem Miteinander weiter zu gemeinsamer Klangschönheit. Kaum hatte man sich in diese geistige Welt versenkt, war sie auch schon wieder zu Ende. Das faszinierte Publikum wünschte sich eine Zugabe und bekam sie, natürlich mit Bach.

Danach folgte wieder ein Konzert mit Sabadus und dem Köthener BachCollektiv, sozusagen der zweite Teil des vorherigen Kurzkonzertes und danach noch ein Cembalo-Rezital mit Christine Schornsheim, von dem eins schon am Vormittag stattgefunden hatte. Man durfte die Übersicht nicht verlieren und musste sich von den bisherigen Gewohnheiten mit längeren  Konzerten verabschieden. Hier ist man ständig mit der Qual der Wahl konfrontiert und möchte nichts übersehen, bleibt aber fit und agil bei der Wanderung von einem Veranstaltungsort zum anderen.

 Ingrid Gerk

 

 

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