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KÖLN/ Staatenhaus: TURANDOT. Wiederaufnahme/ 2. Vorstellung

23.09.2018 | Oper

Bildergebnis für oper köln turandot
Copyright: Bernd Uhlig

KÖLN/Staatenhaus: Turandot

  1. Vorstellung der Wiederaufnahme am 22. September 2018

 Nach ihrer Kölner „Turandot“ (Premiere 2.4.2017) kam die Regisseurin LYDIA STEIER vor allem durch ihre Salzburger „Zauberflöte“ ins Gespräch. Viele lehnen ihre eigenwillige Deutung ab, der Rezensent hingegen kann sich mit ihr anfreunden (bei gewissen Einschränkungen). „Turandot“ nun in Wiederaufnahme, erneut mit einem Massenaufgebot an Mitwirkenden auf einer mit vielen Stahlrohren eingerüsteten Bühne (fett Film verantwortet auch die Videos).

Zunächst ziehen riesige, neonblinkende Buchstaben in der Höhe die Aufmerksamkeit auf sich: „Kino“ – später erweitert zu „Pekino“. Das ganze Geschehen als theatralischer Lockreiz für einheimisches Volk und affektierte Touristen, welche sich Exotik und Nervenkitzel nicht entgehen lassen wollen. Die Minister agieren als Animateure auf hohen Rollgestellen. Ihr Terzett findet in einer Künstlergarderobe statt, wo man sich der plakativen Kostüme entledigt und „privat“ sein darf.

Mit der mitunter voyeuristisch zu nennenden Berichterstattung von Gewalt in den heutigen Medien kann man das Inszenierungskonzept sicher parallelisieren (so die Regisseurin im Programmheft), aber was bringt das für eine psychologische Erhellung der Handlung, der heiklen, bizarren Charaktere? Für die Gefühlswelt Turandots könnte mittlerweile auch die #MeToo-Debatte einbezogen werden, doch auch die wäre für die verbohrte Abwehrhaltung von Puccinis Protagonistin kein wirklicher Gewinn.

Das meiste Interesse wird sich immer noch auf das Finale der Oper richten, welches durch den frühen Tod der Komponisten keine Deutung von erster Hand erfuhr. Die Vollendung des Werkes durch Franco Alfano sollte man nicht allzu schlecht reden. Wenn sich ein stimmiges Bild hinzu addiert, kann die posthum entstandene Szene durchaus plausibel wirken. Mit einer etwas seltsamen Kostümentscheidung für Turandot (der Frack URSULA KUDRNAs entstand fraglos auf Weisung der Regisseurin) vollzieht sich bei Lydia Steier ein überaus kritisches Happy End. Den entscheidenden Kuß wagt Turandot höchstselber – und das Volk jubelt ihr zu. Der Freitod Lius sorgt hingegen für Erschütterung. Die Minister opponieren, der Mandarin spuckt sogar vor der Prinzessin aus.

Und was bedeutet der Kuss für Kalaf? Offenbar ist er kein erotisches „Muss“, sondern mehr ein Eroberungssignal. Während Turandot sich feiern läßt, steht er abseits, seine Entscheidung für die Zeichnung des Ehevertrag zieht sich lange hin. Ein gleißender Lichtspot gibt diesem Moment Nachdruck.

Was den starken Jubel des Publikum auslöste, ist nicht zweifelsfrei auszumachen. Doch vermutlich galt er primär der wirkungsstarken Musik (von CLAUDE SCHNITZLER und dem hinter der Szene sitzenden  GÜRZENICH-ORCHESTER klangmächtig ausgelotet), den phonstarken Chören und der exzellenten Solistenbesetzung. CATHERINE FOSTERs Turandot-Sopran schwingt sich mühelos in gefährlichste Höhen  hinauf, wirkt aber nicht trompetenhaft, sondern bewahrt sich eine lyrisch-„humane“ Grundierung. Grandios MARTIN MUEHLE als Kalaf mit seinem herrlich gerundeten Tenor, der sich Forteeffekte wahrlich nicht versagt, aber heldischen Ausdruck mit Gesangskultur verbindet. Ein präsenter Darsteller ist er zudem. Beide Künstler bestritten bereits die Premiere. IVANA RUSKO, als Liu sehr sympathisch agierend, leuchtet ihre Partie mit Emphase aus; an einigen Stellen wäre freilich mehr Pianoausdruck zu wünschen. Hohes Pauschallob für die restlichen Sänger: HOEUP CHOI (Ping), JEONGKI CHO (Pang), MARTIN KOCH (Pong), LUCAS SINGER (Timur) und INSIK CHOI (Mandarin). ALEXANDER FEDIN versieht den senilen Altoum mit köstlich kuriosen Konturen.

Christoph Zimmermann

 

 

 

 

 

 

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