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KÖLN/ Staatenhaus: LA VOIX HUMAINE (Poulenc) – HERZOG BLAUBARTS BURG (Bartók). Wiederaufnahme

14.01.2017 | Oper

KÖLN: LA VOIX HUMAINE (Poulenc) – HERZOG BLAUBARTS BURG (Bartók)

Wiederaufnahme-Premiere am 13. Januar 2017

 Die Wiederaufnahme der Einakter „La voix humaine“ von Francis Poulenc und „Herzog Blaubarts Burg“ von Béla Bartók erinnert einmal mehr an das nach wie vor im schmählichen Sanierungszustand befindliche Opernhaus am Offenbach-Platz. Hier nämlich fand im März 2010 die Premiere statt. Das ebenfalls „aushäusige“ Schauspiel der Stadt hat es – begünstigt durch den in der Regel bescheideneren Aufführungsaufwand – immerhin geschafft, ein bespielbares Nebengebäude des Theaterarreals für kleinere Produktionen zu erobern, auf dass dieser Ort nicht ganz in Vergessenheit gerät.

Die Auslastung des von der Oper derzeit genutzten „Staatenhauses“ war in letzter Zeit aufgrund von äußeren Bedingungen nicht eben beglückend zu nennen, die Wahl der beiden jetzt gespielten Werke also ein (freilich in etwa kalkulierbares) Risiko. Wie zu erwarten, gab es bei der WA-Premiere Lücken im Auditorium. Immerhin lässt die Begeisterung  des Publikums zumal nach der Bartók-Oper daran glauben, dass Kölns Opernfreunde auch für Rares ansprechbar sind. Vielleicht sorgt Mundpropaganda über die hervorragenden Aufführungen beider Werke für noch gesteigerten Zuspruch bei den Attacca-Vorstellungen bis zum 25. Januar. Ab Februar gehört das Staatenhaus dann (von einer neuen Kinderopern-Serie von Orffs „Die Kluge“ abgesehen) weitestgehend den Karnevalisten. Das muss in der Domstadt halt auch sein.

Im Zentrum beider jetzt gezeigter Werke stehen heikle Beziehungen zwischen den Geschlechtern. Poulenc bzw. sein Textdichter Jean Cocteau schildern den langsamen, verzweifelten Abschied der Frau aus einer intensiven Liebesbeziehung, welche nur noch durch  eine Telefonleitung mühsam aufrecht erhalten wird. Aber auch diese Verbindung löst sich immer mehr auf, das Gespräch mit dem Geliebten steigert sich immer mehr in eine Halluzination hinein. Am Schluss ein Selbstbegräbnis  – aber das ist bereits eine Idee des Regisseurs BERND MOTTL. Bei Bartók ist der Titelheld nicht gewillt, der ihn liebenden Judith die verborgenen Innenseiten seines Wesens zu offenbaren, willfährt ihrem Begehren dann aber doch mehr und mehr. Dabei tun sich überall Abgründe auf, wird selbst Lichtvollstes von Blut verdunkelt. Zuletzt reiht sich Judith in die untote Gruppe von Blaubarts früheren Frauen ein. Mottl ändert den originalen Schluss. Bei ihm hat die Hausfrau Judith alles nur wunschgeträumt, sie erwacht aus diesem Alb im Bett liegend neben ihrem Gatten Blaubart, der im Moment nur eines will: pennen. Ein köstliches Finale erdhafter Banalität.

Für die Bartók-Oper hat FRIEDRICH EGGERT ein bürgerliches Schlafzimmer gebaut, in dem es beim Öffnen der Türen freilich geisterhaft zugeht. Wirkungsvoll nicht zuletzt die sich bauschenden Fenstervorhänge, welche flackernd gleißendes Licht herein lassen. Das Gemälde am Ende des Doppelbettes zeigt einen domestiziert wirkenden Wald, welcher bei Poulenc zuvor auf archaische Weise die ganze Bühne einnimmt (statt des im Libretto vorgesehenen Zimmers, welches nun statt einer Burg die „Blaubart“-Szene prägt). Der symbolhafte Fingerzeig dieser Ausstattung ist unschwer nachvollziehbar. Freilich hätte das Naturhafte bei Poulenc etwas stilisierter ausfallen dürfen. Mottl weiß beide Geschichten spannend zu erzählen, selbst dem mitunter reichlich gedehnten Poulenc-Monolog haucht er viel Leben ein.

Nun agiert aber auch JULIANE BANSE auf der Bühne, jugendlich, attraktiv, ausgestattet mit einem reizvoll fraulichen Timbre. Ihre Debüt-Partie, rhetorisch leicht „zerrissen“ wirkend und nicht eben häufig an melodischen Floskeln Halt findend, meistert sie souverän. Eine tolle Leistung.

Ähnliches lässt sich von den Sängern der Bartók-Oper sagen, welche zudem bei den für sie ebenfalls neuen Rollen wegen des fraglos rein phonetisch erlernten Ungarisch zu bewundern sind. Der bayreutherfahrene SAMUEL YOUN, seit 1999 (nach Anfängen im Opernstudio) dem Kölner Ensemble angehörend, wächst darstellerisch über sich hinaus. An seine etwas vibratoarme Tonproduktion hat man sich gewöhnt, dieser Eindruck wird zudem weitgehend kompensiert durch die Intensität des dramatisch attackierenden Singens wie beim Blaubart und (demnächst) Pizarro. ADRIANA BASTIDAS GAMBOA wartet als Judith mit einem erotisch durchtränkten Mezzo auf und vermittelt das Begehren dieser Frau (bei strahlendem hohen C) wahrlich körperhaft.

Mit einem Dallapiccola/Zimmermann-Abend und „Arabella“ hat sich GABRIEL FELTZ, derzeit GMD in Dortmund und ab kommender Spielzeit beim Philharmonischen Orchester Belgrad tätig, in Köln bereits vorgestellt. Bei ihm fasziniert nicht zuletzt die unglaublich exakte Zeichengebung, hilfreich sowohl für die Sänger als auch für das GÜRZENICH-ORCHESTER, wie von einem Mitglied bestätigt. Die spezifischen Farbschattierungen beider Werke verwirklicht er klangintensiv und setzt wirkungsvoll markante Akkordakzente.

Christoph Zimmermann

 

 

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