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KÖLN/ Staatenhaus: DIE FLEDERMAUS. Premiere

27.11.2017 | Operette/Musical

KÖLN/Staatenhaus: Die Fledermaus. Premiere am 26. November 2017

Wann immer man sich mit der Operette näher beschäftigt, ob kritisch oder liebend, kommt man nicht um die Lektüre von Volker Klotz‘ einschlägigem Buch über diese „unerhörte Kunst“ herum. Hier werden die nach Jacques Offenbach mehr und mehr versandenden satirischen Elemente des Genres als interpretatorische Notwendigkeit nachdrücklich eingefordert. Diese deckt der Autor übrigens bei vielen Operetten auf, die kaum je gespielt werden, oft nicht einmal dem Namen nach bekannt sind. Wenn sich ein Theater für die populäre „Fledermaus“ entschließt, ist das zwar keine Mutprobe. Aber Volker Klotz würde eine solche Wahl immer befürworten, stellt er dieses Werk doch auf das gleiche Qualitätspodest wie die Offenbach-Operetten.

Die Handlung der „Fledermaus“ muss nicht rekapituliert werden. Hervorzuheben sind jedoch die psychologisch schlüsselhaften Aktionen einzelner Personen, zumal des Dr. Falke, welchem von seinem „Freund“ Eisenstein auf widerliche Weise mitgespielt wurde. Rache ist süß. Und so betreibt Falke einen listigen Feldzug der personalen Unterminierung, welcher nicht nur der eigenen Befriedigung dient, sondern darüber hinaus auch gesellschaftliche Brüche und Untiefen aufdeckt.

Unter den unzähligen „Fledermaus“-Inszenierungen ist die mehrfach variierte von Otto Schenk die wohl „klassischste“: sie wurde 1972 auch für das Fernsehen adaptiert. Kennzeichnend für sie sind authentisches Milieu und entlarvendes Herausarbeiten von Wiener Mentalität. In dieser Arbeit steckt ungemein viel Wissen um Abgründiges, um Anstrengungen, sich aus einem als beengend empfundenen Alltagsleben zu befreien, was nicht zuletzt für den Bereich der Erotik gilt.

Insofern irritiert bei der Inszenierung von PETRA LUISA MEYER ein wenig, dass und vor allem wie sowohl Eisenstein als auch seine Gattin Rosalinde betonen, einander zu lieben. Für den Ehebeginn mag dies stimmen, aber dann folgt halt das graue Einerlei mit seinen (vielleicht nicht immer vorhersehbaren) Gelüsten nach Variation. Eisenstein hechelt jedem Frauenrock hinterher; Rosalinde ist (vielleicht von Natur aus) zurückhaltender, wird aber schnell schwach, als ihr vergangener Liebhaber Alfred unerwartet wieder auftaucht. Das alles spitzt sich turbulent zu, und für das Überleben der Beziehung bedarf es bereits einer fadenscheinigen Erklärung. „Champagner hat’s verschuldet“ heißt es am Schluss der „Fledermaus“. Eine für jede Situation passende Ausrede. Dass in Köln das Ehepaar Eisenstein leicht reumütig wieder zueinander findet und sich zum Schlussapplaus mit dem angekündigten Kinderquintett aufwartet, ist eigentlich eine Verharmlosung des doch ziemlich bitteren Schlusses, welcher von  Haffner/Genée/Strauß kaum von ungefähr in der Schwebe gehalten wird, ähnlich wie dies bei Mozarts „Figaro“ geschieht.

Petra Luisa Meyer lässt in ihrer Inszenierung relativ wenig Charme zu, greift der Operette lieber „an die Unterwäsche“, scheint damit die heutige Konsum- und Spaßgesellschaft entlarven zu wollen. Das fängt damit an, dass Adele während der Ouvertüre ein Meer an Einkaufstüten auf die Bühne schleppt: die Eisensteins haben es ja. Zuvor betritt JOCHEN BUSSE die Szene, entnimmt seiner großen Tasche ein Mini-Theater und beginnt darin zu „inszenieren“. Er ist hier noch nicht der Gefängniswärter Frosch, aber ganz offensichtlich bereits  ein sarkastischer Grübler über Menschen und Verhältnisse.

Orlofskys Fest gerät bei Frau Meyer zu einem veritablen Tuntenball. Der Herr des Hauses ödet vor sich hin, versucht sich mit gelegentlichen Extravaganzen (Ballerei mit Pistole und Gewehr) aufrecht zu erhalten und lässt sich ansonsten von seinem Lover ausgiebig begrapschen. Aber weil KANGMIN JUSTIN KIM die Rolle inne hat, macht das Spaß. Der amerikanisch-koreanische Counter ist ein genialer Bühnenmensch, schöpft sängerisch, darstellerisch und tänzerisch aus dem (Über)Vollen, färbt seine Stimme köstlich frivol ein. Bei seinen Barockpartien ist er hingegen eine völlig andere Bühnenpersönlichkeit.

Die (nicht zuletzt durch ihn verkörperte) Dekadenz hat die Regisseurin voll und ganz auf ihrer Schusslinie. Im wahrsten Sinne des Wortes. Bei Adeles Couplet „Spiel ich die Unschuld vom Lande“ tritt überraschend Orlofsky auf und massakriert einige der anwesenden Herren mit seiner Flinte. Wo ist da ein Sinnzusammenhang? Leichen pflastern auch sonst den Weg dieser dubiosen Inszenierung. Aber selbst solch deftigen Einfälle wurden vom Premierenpublikum willig angenommen. Bei Pausengesprächen verlautete indes so manche Missbilligung. Immerhin zieht Jochen Busse als Frosch wirklich köstlich über Kölner Verhältnisse her. Der Mann ist mit seinem trockenen Humor wirklich Klasse.

MARCUS BOSCH, Gast aus Nürnberg, dirigiert eine stilistisch einwandfreie „Fledermaus“, allerdings schon mal recht gebremst und mit schwergewichtigen Tempostauungen. Zwei langjährige Ensemblemitglieder setzen sich mit besonderem Rolleneifer in Szene: CLAUDIA ROHRBACH als Adele und MILJENKO TURK als Eisenstein – sie bersten geradezu vor Sing- und Spiellaune. IVANA RUSKO gibt eine flammende Rosalinde, OLIVER ZWARG (Frank) beweist sich nicht nur als powervoller Bariton, sondern im Gefängnis darüber hinaus als Darsteller der Superklasse. Sehr präsent auch MARCO JENTZSCH (Alfred, mit Grenzen im Lyrischen), WOLFGANG STEFAN SCHWAIGER (Falke) und MARTIN KOCH (Blind).

Kostümbildnerin CORNELIA KRASKE kleidet Rosalinde für die Rahmenakte in ein seltsames Tristesse-Schwarz, greift aber ansonsten beherzt in die Farbenkiste. Auch STEFAN BRANDMAYR lässt sich bei seiner von großen, beweglichen Wänden gesäumten Bühne nicht lumpen. Ohr und Auge des Zuschauers werden somit durchaus reich bedient; aber wirklich glücklich wird man mit dieser „Fledermaus“ nicht.

Christoph Zimmermann

 

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