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KÖLN/ Oper am Dom: DER FREISCHÜTZ. Premiere

12.04.2014 | KRITIKEN, Oper

Köln: Der Freischütz      Premiere am 12. April

 Die Kölner Oper hat für die nächste Spielzeit u.a. Mozarts „Zauberflöte“ angekündigt. Es handelt sich um die dritte Produktion innerhalb weniger Jahre, hoffend,  dieses Werk nun endlich zu bezwingen. Dem Hause sei empfohlen, möglichst bald auch noch eine Lücke für Webers „Freischütz“ auszuspähen, denn die aktuelle Inszenierung ist eindeutig ein Flop, szenisch geradezu eine Unverschämtheit. Höchst bedauerlich, dass sie den Rahmen abgibt für das letzte Operndirigat von MARKUS STENZ, der sein Amt als GMD des Gürzenich-Orchesters am Ende dieser Saison beendet.

 Er hatte jetzt auch sonst ein wenig Pech. Die bescheidene Akustik der gegenwärtigen Interimsspielstätte „Oper am Dom“ ist schon mehrfach Thema gewesen, ohne Schuldzuweisung, um dies nochmal zu betonen.  Aber das mulmige Klangbild bei „Freischütz“ kann nicht übergangen werden. Es unterdrückt dramatisches Feuer (welches der Dirigent zweifelsohne mobilisiert). Und je nach zugewiesenem Platz hört man die eine Seite des Orchesters deutlicher als die andere. Das macht das Ohr auch hellhöriger für evtl. Schwächen beim Spielzusammenhalt. Am besten vermögen sich Stenz und das Orchester bei ruhigen Passagen mitzuteilen, vor allem bei den beiden Szenen der Agathe.

 Während der becircenden Cello-Kantilene von „Und ob die Wolke“ lässt der lettische Regisseur VIESTUR KAIRISH die Sängerin CLAUDIA ROHRBACH einigermaßen in Ruhe. Sie vokalisiert wunderbar, im Sitzen wie im Liegen, und darf sich mit Herbstlaub bestreuen. Im Schlussteil von „Wie nahte mir der Schlummer“ torkelt freilich wieder mal Kilian über die Bühne und wird von Agathe mit Max verwechselt. Kairish will damit zweifelsohne etwas unerhört Bedeutungsvolles mitteilen. Aber wir Dummen im Zuschauerraum verstehen es nicht. Auch dieses und jenes nicht wie etwa den Schluss, wenn (wieder einmal) Kilian, eine alte Frau (etwa Agathe mit 90?) und ein magerer Herr nebeneinander stehen. Es öffnet sich dann eine Tür, man sieht es draußen schneien. Nur Agathe wagt es, sich dem Ausgang zu nähern. Will sich das gute Mädchen etwa den Tod holen?

 Der Regisseur hat sich von seiner Ausstatterin IEVA JURJÄNE Zirkusatmosphäre erbeten. Man sieht also Pappnasen und rote Lockenperücken zuhauf. Auch Samiel ist solcherart ausstaffiert, tritt in der Wolfsschlucht allerdings splitternackt mit Schlips auf. RENATO SCHUCH kann sich das mit seinem Körperbau zweifellos leisten, aber seine Clowns-Rhetorik wirkt ebenso weggetreten wie das akustisch vergrößerte Herumstaksen durch den Zuschauerraum zuvor. Bei der Wolfsschlucht deutet Ieva Jurjäne wahrhaftig Wald an. Wie kann sie nur; wir sind doch im Zirkus. Aber dessen Szenenwahnsinn holt einen ja bald wieder ein. Und so darf Ännchen, ein dämliches Girl in rosa Reifrock und mit wasserstoffblonder Perücke, weiter herumgackern, dass einem die Tränen kommen. Einmal an diesem Abend muss man freilich wirklich herzhaft lachen, wenn nämlich statt des Steinadlers ein Brathähnchen vom Himmel fällt, welches sehr bald auf dem Grillfeuer landet. Naja, auf diesem Niveau geht es dann weiter bis zum wahrlich bitteren Ende. Man könnte noch weiter ins Detail gehen, aber Sch… sollte nicht unbedingt breit getreten werden. Gerechterweise müsste man die Sänger fragen, ob sie die Probenzeit überhaupt “kreativ“ erlebt haben.

  Claudia Rohrbach wurde erwähnt. Mit der Agathe wechselt sie verstärkt ins lyrische Fach, war ja auch schon als Governess in Brittens „Turn of he Screw“ eine große Persönlichkeit.  Als Ännchen wäre die vokal quirlige GLORIA REHM wesentlich sympathischer, wenn sie nicht so nervig als Göre herumzutollen hätte. Der Max ist  ANDREAS SCHAGERs Köln-Debüt. Man mag ihn auf Anhieb, auch weil er darstellerisch so präsent ist. Er singt inzwischen Siegfried, der seinem Sunny-Boy-Naturell besonders gut entspricht. Der Max dürfte an einigen Stellen allerdings mehr lyrischen Schliff haben; dennoch ist der Österreicher auch in dieser Partie Klasse. OLIVER ZWARG hingegen reicht an seinen Scarpia nicht ganz heran, aber daran ist vielleicht der Regisseur mitschuldig. Wackelkontakte zu Dirigent und Orchester bei den Solonummern in der Premiere gehen freilich auf ein anderes Konto.

Die weiteren Protagonisten der zuletzt ausgebuhten Produktion sind: PAUL ARMIN EDELMANN (als Ottokar angemessen), DIRK ALESCHUS (Cuno, dto.), MARTIN KOCH (auch als Kilian ein toller Bühnentyp) sowie YOUNG DOO PARK als Eremit, welcher mit balsamischem Bassgesang seine heiligen Befehle dem armen Max auf die nackte Brust tätowiert. Der wird’s aber wohl überleben. Oder sagt das Schlussbild vielleicht doch etwas anderes aus?

 Christoph Zimmermann

 

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