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KÖLN: LEUCIPPO von Johann Adolf Hasse. Premiere

02.10.2014 | KRITIKEN, Oper

KÖLN: LEUCIPPO (JOHANN ADOLF HASSE). Premiere am 2. Oktober 2014

 Bei den barocken Opernkomponisten  scheint Johann Adolf Hasse mittlerweile wieder etwas im Aufwind zu sein. Max Emmanuel Cencic hat ihm unter George Petrou ein ganzes Raritäten-Recital gewidmet, Valer Sabadus‘ Bühnenauftritt in „Didone abbandonata“ wurde mitgeschnitten, und von einer glücklichen szenischen Wiederbelebung der „Cleofide“ (Regie: Karoline Gruber) hörte man aus Dresden. Bei allem frischen Wind, welcher der Musik des Barockzeitalters heutzutage belebend entgegen weht, bedingt durch die historische bzw. historisch informierte Aufführungspraxis und kundige Sänger (unter ihnen eine ständig wachsende, fast schon unübersehbare Schar von Countertenören): so ganz einfach sind die Haupt- und Staatsaktionen, die mythologisch durchtränkten Sujets mit ihren oft so stereotypen Gefühlsäußerungen  im Verein mit vielfach antiquierten Texten, nicht zu haben. Hasses „Leucippo“ ist hierfür ein schlagendes Beispiel.

 Natürlich kann man sich in emotional fremde Situationen einlesen, versuchen, sie nachzuvollziehen. Aber das läuft vielfach nur auf Bildungsbefriedigung hinaus, bringt einem historisches Fühlen und Denken nicht unbedingt näher. “Leucippo“ beispielsweise spielt in Arkadien. Diese real existierende Gegend auf der pelloponesischen Halbinsel wird vor allem literarisch als idyllische Ideallandschaft verstanden, bevölkert von heiteren Nymphen, Hirten und Schäfern. Die der Göttin Diana dienende Nymphe Dafne lebt pflichtgemäß in Keuschheit (eine Vergleichssituation von heute wäre das Zölibat). Leucippo entbrennt zu ihr in Liebe, verstößt damit gegen die Gesetze und wird vom moralischen „Oberaufseher“ Narete zum Tode verurteilt. Dass sie Vater und Sohn sind, ist beiden nicht bewusst. Leucippo wurde ja bereits als Knabe entführt und kehrt dann, ein junger Odysseus gewissermaßen, in die Heimat zurück. Bei alledem hatte mal wieder ein lüsterner Gott seine Hände im Spiel. Apollo ahnte frühzeitig, dass ihm Leucippo einst bei Dafne in die Quere kommen würde und entführte ihn kurzerhand. So war das halt im alten Griechenland .Als Delio drängt sich Apollo – bei Dafne freilich  erfolglos – in das Leben auf Arkadien ein. Nach vielen Bekenntnissen zur Todesbereitschaft und tatsächlich versuchten Suizids  finden Dafne und Leucippo schließlich doch ins Glück, denn Apolo/Delio überwindet sich zu einem Geständnis. Was nun ist mit diesem verquasten Stoff anzufangen?

Zunächst herrschte bei den „Produktions-Machern“ offenbar eine gewisse Ausgrabungseuphorie. Zudem fand die Premiere im koproduzierenden Schwetzingen (April/Mai 2014) eine gewisse Legitimation darin, dass „Leucippo“ zehn Jahre nach der Uraufführung (Dresden 1747) in überarbeiteter Form auch im Schlosstheater der badischen Kleinstadt herauskam. Wenn die musikalische Haben-Seite auch noch so groß ist, was CONCERTO KÖLN unter dem fulminanten GIANLUCA CAPUANO hinreißend beglaubigt (in Schwetzingen dirigierte Konrad Junghändel, welcher sich der Kölner Oper aber inzwischen verweigert hat), wird man szenisch nicht glücklich, auch (und zumal) nicht bei der vielgelobten TATJANA GÜRBACA.

Die Regisseurin hat sich kluge Gedanken über das Stück gemacht, nach einer sinnfälligen und sinnprägenden Umsetzung ins Heute gesucht. Ihr Grundgedanke ist dieser: „Arkadien ist so wenig lebbar wie jede andere Utopie“ (O-Ton Programmheft), der Mensch in seinen Widersprüchen ist hierfür nicht geschaffen. Wirft man nur einmal die Stichworte „Kommunismus“ und „Sozialismus“ in die Debatte, wird das Ausmaß dieser Erkenntnis auf fast schon erschreckende Weise evident. Doch über solche Dimensionen äußert es sich wohl angemessener in einem klugen Essay als in der Inszenierung einer Oper wie dem von Giovanni Claudio Pasquini altbacken textierten „Leucippo“, dessen Aussageverbindlichkeit schon mal per se begrenzt ist.

Das Verebben der „Lieto fine“ Musik in einem Piano-Cembalo-Akkord ist übrigens wirkungsvoller als die szenische Deutung insgesamt, welche hinter dem theoretischen Konzept weit zurück bleibt. In Gürbacas Inszenierung gibt es kein wirkliches Erschrecken, keine essenzielle Betroffenheit, obwohl doch eine Welt in Stücke bricht. Zweieinhalb Stunden lang (trotz Werkkürzung noch immer sehr, sehr lang) findet in einer von HENRIK AHRs  entworfenen, rund-symmetrischen, bildblassen Raumarchitektur eine Art von Versuchsanordnung in einer Kindertagesstätte für pubertär fortgeschrittene Jugendliche statt, was sich in viel hektischem Gebaren aber bald tot läuft. Gefühle von Schmerz und Verzweiflung werden szenisch behauptet, aber nicht dringlich gezeigt. Ähnlich wie bei der zeitgleichen Wiederaufnahme von Gürbacas „Cosi fan tutte“ erlebt man – treffliche Formulierung nach der Schwetzinger Premiere – eine „forciert eingesetzte Spielfreude der Protagonisten“ (eingehüllt in beliebige Heute-Fummel von BARBARA DROSIHN). Das gilt auch die sechs  Mitglieder des gestisch ständig unter Strom stehenden BAROCK VOKAL MAINZ.

Dass man als Zuschauer/Zuhörer, freilich immer mehr ermüdend, doch bei der Stange bleibt, ist neben der hochzwirbelnden orchestralen Interpretation den Sängern zu danken, die (bis auf die mal wieder in jeder Hinsicht bühnenfüllende CLAUDIA ROHRBACH/Delio) gegenüber Schwetzingen ausgetauscht wurden. Im Falle von VALER SABADUS (Titelrolle) hatte das sogar einen Werkeingriff zur Folge (Arientausch). Aber das ist – pardon – vielleicht für die Interpreten von Gewicht, kaum für den ennuyierten Besucher der (freilich freundlichst akklamierten) Aufführung. Den schlanken, spielfreudigen Sopran-Counter muss man übrigens einfach gern haben. Die Stimme von Valer Sabadus ist ungefähr zwischen dem rustikalen Timbre von Cencic und dem Engelsorgan von Philippe Jaroussky gelagert. Wie dieser geht er bei Bedarf schon mal in seine originale Baritonlage. REGINA RICHTER gibt die Dafne mit ausgesprochen wohltönendem Mezzo, die quirlige KLARA EK fuhrwerkt sich quicklebendig und mit furiosem Sopran-Einsatz durch die Rolle der frühlingserwachenden Narete-Tochter Climene. Als ihr potentieller Liebhaber Nunte gibt Luke Stoker mit profundem Bass eine tolle Visitenkarte für das Kölner Opernstudio ab. Bleibt der farbige Tenor Kenneth Tarver (Narete) hervorzuheben, ein eminent stilversierter Belcanto-Sänger mit imposanter Koloratur und bester Beherrschung seiner ausladenden Rollen-Tessitura.

 Ein in summa gedämpfter  Aufführungserfolg. Respekt für das allseitige Bemühen! Aber muss wirklich alles auf die Bühne gebracht werden, was einst geschrieben wurde? Vielleicht sollte man häufiger die Mahnung von Wagners „Siegfried“-Erda beherzigen “Was kamst Du, störrischer Wilder, zu stören der Wala Schlaf?“                                                                                                              

Christoph Zimmermann

 

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