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KOBLENZ: LOHENGRIN – Die Dame mit den roten Handschuhen aus dem Schwarzschwanenreich- Premiere

22.04.2012 | KRITIKEN, Oper

Die Dame mit den roten Handschuhen aus dem Schwarzschwanenreich – Richard Wagner: Lohengrin / Theater Koblenz, Premiere 21.4.2012


Jon Ketilssohn, Susanne Pütters. Foto: Theater Koblenz
 
Um es vorweg zu nehmen, das Photo zur Einführung der Neuproduktion des Lohengrin täuscht: Weder handelt es sich um eine Concorde noch um eine Boeing. Georg Lendorff zeigt in einem wunderschönen Video die Flugstudie eines Schwans und in Überblendung bei „Nun sei bedankt mein lieber Schwan“ den edlen Vogel, wie er sich mit seinem Schnabel das Gefieder zurechtlegt, um sich in Schlafposition zu begeben.

Schwäne scheinen sowieso die heiligen Tiere der Upper-Class-Gesellschaft des fiktiven (Finanz-, Wirtschafts-)Imperiums zu sein, das uns das Team um Koblenz Regie führenden Intendanten Markus Dietze (Bodo Demelius – Bühne; Claudia Casera – Kostüme & Georg Lendorff – Video) präsentiert. Eine Gesellschaft im Ausnahmezustand: Es kriselt, ob politisch oder wirtschaftlich – und dann noch dieser mysteriöse Brudermord. Dem Monarch kommt es mehr als ungelegen, der schwarzen Partei um den öligen Demagogen Telramund umsomehr. Der eher phlegmatische Politiker wird beherrscht von seiner Germahlin Ortrud. Ein Karriereweib, das über Leichenberge hinwegeilt, schlank, schlangenhaft im schwarzen Edelzwirn mit roten Lederhandschuhen –  und wo die einmal zulangen, blüht Unheil auf. Da will jeder etwas von der kraftvollen Aura des Gottgesandten erhaschen und nach kampflosem Gottesurteil werden die nun obsolet gewordenen Akten schnell zu kleinen Schwänchen gefaltet.

Das spartanische Bühnenbild von Demelius focussiert den Blick auf die Dichte konzerntrierte, psychologisch fein austarierte höchst spannende Regie-Choreographie Dietzes. Man muß schon von einer Choreographie sprechen, denn Dietze setzt allein auf die Kraft seines äußerst agilen Chores. Allein das Vorspiel zum dritten Aufzug: Wagners Jubelouvertüre wird vom Regisseur als Reminiszenz an des Meisters Verehrung an den Wiener Walzerkönig Johann Strauß jr. gedeutet. Paarweise wirbeln die Chorherren und -damen herein. Die Herren befrackt, die Damen in schwarz mit einem neckischen schwarzen Schwan als Kopfputz. In fröhlicher Ausgelassenheit fällt man beschwingt und berauscht zu Boden und singt den ersten Teil des Brautchores als Vorwegnahme der Verbrüderungs- und Verschwesterungsszene der „Fledermaus“.

Überhaupt der Chor: Neben den hauseigenen Ensembles (Opern- und Extrachor) leistet sich Koblenz den Luxus der Verpflichtung der Chorvereinigung „Coruso„. Seit 1997 bestehend, vereinigt sie professionelle Solisten, die zeitweise kein Festengagement haben. Chordirektor Bernhard Ott studierte „seine“ Mannschaften so perfekt ein, dass man meinte, in die Bayreuther Zeiten eines Wilhelm Pitz zurückversetzt zu werden. In solcher stimmlichen Schönheit und Textverständlichkeit bekommt man das Werk selten zu hören, atemberaubend die Sicherheit im heikelsten Ensemble des Werks, dem Schwanenchor.

Nicht minder verhält es sich mit dem Staatsorchester Rheinische Philharmonie unter seinem Leiter Enrico Delamboye. Die Situation des viel zu kleinen Orchestergrabens erzwingt andere Lösungen. Im „Lohengrin“ sitzt das Orchester auf der hinteren Bühne hinter dem Videowandschleier. Die Holzkonstruktion des Zuschauerraums, die Positionierung des Orchesters, evozieren einen Klang, der dem auf dem Grünen Hügel nicht unähnlich ist. Delamboye nutzt das für frappierende Klangraffinessen, leistet sich sogar für den Morgenruf vier Naturtrompeten, deren sphärischer Widerhall in betörender Süße und Schönheit des Klangs das Ohr umschmeichelt. Der koblenzer GMD bevorzugt einen lichten duftigen Klang und zügige, aber nie übereilte Tempi, dass es eine Wonne ist und man manchen Strich bedauert.

Das kleine Haus in der Zweiflüssestadt beeindruckt immer wieder durch seine Wagneraufführungen und überzeugt nicht allein durch die Tatsache, dass man die meisten Rollen aus den eigenen Reihen besetzen kann. Im Schwanendrama kamen nur der Titelheld und der Heeerufer aus „fernem Land“. Die Diskussion über die Idealbesetzung des Schwanenritters möge an anderem Ort geführt werden. Mit dem isländischen Heldentenor Jon Ketilsson hat Koblenz einen Vertreter gefunden, der mit seinem edlen, baritonal gefärbten Tenor den Helden zumindes für den Chronisten glaubwürdiger erscheinen lässt, als der zum Helden-Startenor stilisierte hochgepushte Berliner Einspringer … Er ist die beherrschende Lichtgestalt im weißen, sportlich adretten Freizeitoutfit gegenüber den dunklen Mächten.

  Die wird beherrscht von einem finsteren Manager-Sukkubus: Ortrud. Dieser verleiht Ensemblemitglied Monica Mascus Gestalt und Stimme. Nur ganz selten wird den Ortruden ein Szenenapplaus nach den „Entweihten Götten“ zu Teil, die Mascus durfte vergangenen Samstag den jubelnden Applaus ihres Stammhauses entgegennehmen –  und mehr als zurecht. Schon das Königsgebet-Ensemble überstrahlte sie mit ihrem dramatischen Sopran. Die Ohrfeige, die sie verächtlich ihrem Schwächling Friedrich nach Kampfunterlage verabreichte, setzte sich verbaliter in der Eingangsszene des zweiten Aufzugs fort. Höhepunkt aber war die Auseinandersetzung mit Elsa. Beide „Alcesten“ der vergangenen Spielzeit vereinten sich hier zum Schlagabtausch belcantistischer Wonnen. Im Finale der Szene hätten beide mühelos noch das Norma-Adalgisa-Duett anhängen können. Überhaupt war dieser Lohengrin ein Beweis, daß Wagner tief in der Belcanto-Tradition verhaftet ist. Susanne Pütters als im Spiel ergreifende und im Gesang makellose (bis auf einen kleinen, verzeihlichen Aussetzer im dritten Akt) Elsa unterstrich diesen Ansatz aufs Feinste. Man soll keine Vergleiche ziehen, aber im Fall der Pütters sind sie berechtigt. Man muß schon die größten Rollenvertreterinnen der Brabanterin bemühen,  um die Leistung der Pütters gebührend würdigen zu können. Die junge Sopranistin steht in der Phalanx einer Müller, einer Grümmer. Die edle Süße ihres Soprans nimmt von der ersten Note an für sich ein. Das Gebet Ausdruck innigen Glaubens, die schwärmerische Emphase der Hymne an die Lüfte bis zum expressiven Aplomb beim Gang zum Münster, die Pütters findet für alle Facetten der Elsa die richtige Stimme, den spezifischen Klang. Eine grandiose Leistung.

Telramund, ansonsten der raubeinige Schlagetot und Finsterling,  erwächst durch den noblen kantablen Bariton von Michael Mrosek zu einer tragischen Gestalt. Auch er ein Belcantist mit Grandezza. Für den Heerrufer konnte man Johannes Beck gewinnen, bei dem man bedauerte, dass Wagner diese Rolle für den dritten Aufzug nicht mehr vorgesehen hat. So nobel erschallten die Regierungserklärungen. Jiongmin Lim sorgte für das nötige Baßfundament. Sein Heinrich verstömte balsamischen Wohllaut in stupender Phrasierung und Textverständlichkeit.
Den Luxus, die Edelknaben mit Spitzenkräften zu besetzen, leisten sich kaum mehr die Bayreuther Festspiele, das kann man nur in einem sog. „Provinztheater“ erleben: So vereinigten sich  die Pamina und Zerline der aktuellen Fra Diavolo Produktion Malwina Makala, Hoffmanns Muse (Aurea Marston), Koblenz einstige Wozzeck-Marie Astrid von Feder mit der amtierenden Königin der Nacht Hana Lee zum Quartett des Wohllauts. Gleiches ist dem Herrenquartett der brabantischen Edlen zu konstatieren, hier vereinigten sich Tamino (Martin Shalita), Lorenzo (Alexander Kröner), Papageno (Christoph Plessers) mit dem jungen aufstrebenden Bassisten Kai Uwe Schöler.

Eine Wagneraufführung, die für die Freunde des Meisters und Operngourmets kein „can do“ sondern ein absolutes „must have“ ist. Eine Aufführung, die durch ihre unprätentiöse Logik, die sie allein aus der Sogkraft der Partitur bezieht besticht. Das Koblenzer Publikum war sich dessen mehr als bewußt und spendete langanhaltend frenetischen Beifall. Eine großartige Verbeugung vor dem Jubilaren des nächsten Jahres: Wagner feiert seinen 200. Geburtstag, das Theater Koblenz begeht  sein 225. Jubiläum.

Dirk Altenaer

 

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