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KLOSTERNEUBURG: CAVALLERIA RUSTICANA / DER BAJAZZO

31.07.2016 | Oper

Operklosterneuburg: „CAVALLERIA RUSTICANA“ / „PAGLIACCI“ – 29. 7. 2016

Ich war gar nicht als Schreiberin eingeteilt, ging nur aus Interesse an der guten Besetzung hin. Aber wenn eine Aufführung so großartig ist, dies schweigend hinzunehmen, ist offenbar einem echten ‚Merker‘ nicht möglich.

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Bruno Ribeiro, Stella Grigorian. Foto: Operklosterneuburg/ Lukas Beck

Im ausverkauften Kaiserhof des Stiftes fühlen sich alle Mitwirkenden ausgesprochen wohl: Sie werden ohne Mikroports mühelos bis in die hintersten Reihen gehört und wenn ihnen ein gescheites Regieteam wie Isabella Gregor (Inszenierung) und Walter Vogelweider (Bühne) auch noch als Grundkulisse für beide Opern eine Treppenszenerie aufbaut, die alle Stimmen verstärkt nach vorne projiziert, ist das Glück vollkommen. Von den kleinen Mädchen, die während der Einleitung zur „Cavalleria“ über die Bühne laufen und einander eine Puppe zu entreißen versuchen, bis zum fatalen „Bajazzo“-Ende wird von den Solisten, den Chormitgliedern und Statisten konsequent, detailliert, eindringlich und spannungsreich menschliches Verhalten lebhaft und leidenschaftlich empfindender Süditaliener auch optisch eindrucksvoll vorgeführt – auf hohem sängerischem Niveau und von der Sinfonietta Baden unter Christoph Lampestrini feinfühlig, ausgesprochen klangschön und immer sängerfreundlich nicht nur begleitet, sondern auch animiert. Erlebt man diese rundum geglückte Produktion der beiden Einakter dann auch noch bei sogenanntem „Kaiserwetter“ an einem windstillen Abend unter Sternenhimmel, so ist das Opernglück perfekt – trotz der beiden tragischen Liebes- und Eifersuchtsdramen. Da sämtliche Rollen auf Linie gesungen wurden und niemand mit bloßer Kraft Eindruck zu schinden versuchte, wurde die Tragik veredelt – ja, man wagte zu hoffen, dass keiner der Anwesenden jemals ähnlich radikal reagieren würde…

Dank der hervorragenden Balance zwischen lyrischen Soli und den turbulenten großen Chor-Ensemble-Szenen war stets für Abwechslung gesorgt. Es kann dank der guten Sicht auf die Bühne von allen Plätzen auch jede Ecke genützt werden, ehe wieder auf der gesamten Spielfläche agiert wird. Sich dies im Detail anzuschauen, wäre allein schon den Besuch wert, denn es ist Theater-„Normalität“ im besten Sinn, wo jeder im Zuschauerraum alles mitbekommt, was im jeweiligen Stück passiert.

Die vortrefflich gezeichneten einzelnen Charaktere konnten sämtlich fesseln. Stella Grigorian, mit schönem Mezzo durchaus Sympathie erweckend, keineswegs hysterisch in der Aktion, aber mit emotionalem Totaleinsatz für sich einnehmend, brachte ihren geliebten Turiddu ganz schön zur Verzweiflung. Die in einem hochattraktiven roten Kleidchen mit tänzerischer Leichtigkeit treppauf-treppab schwebende, ebenso verführerisch singende wie agierende Anna Marshaniya als Lola – man hatte Verständnis für die Zuneigung des doppelt umworbenen Tenors. Es gelang dem feschen, schlanken jungen Bruno Ribeira, nicht nur mit sicher geführtem hellem Tenor stilvoll zu singen, sondern er stürzte sich in sein Trinklied recht glaubwürdig als Ausweg aus seinem Dilemma und spielte auch den ganzen seelischen Zwiespalt Turiddus voll aus. Als in sich gefestigter Charakter beeindruckte Sebastian Holecek als Alfio, der zunächst auf seine Position im Dorf stolz sein Auftrittslied singt, in seinem Frust über die Untreue der Ehefrau aber echten Schmerz spüren lässt, für dessen Ausdruck ihm sein nobler, kerniger Bariton genügt – er braucht nicht Zuflucht zu brutalem Krafteinsatz zu suchen. Als schönstimmige Mama Lucia war Stefania Tosczyska in ihrer Angst um den geliebten Sohn und ihrem Mitgefühl mit der verlassenen Santuzza sehr glaubwürdig. Dass man in beiden Stücken vom sehr jugendlich besetzten „Chor der Opernklosterneuburg“ sowie dem Kinderchor der Musikschule nahezu jedes – italiensche“  – Wort verstand, erhöhte das Verständnis des Bühnengeschehens ebenso wie der gut leserliche deutsche Text an den Seiten der Bühne.

Endlich einmal konnte sich Clemens Unterreiner auf der Bühne so richtig austoben. Wie er mit seinem schönen lyrischen Bariton den grauslichen, eifer-  und rachsüchtigen Tonio gestaltete, verdient allein schon Bewunderung. Mit perfekter Technik und einem vokalen Farbenreichtum ohnegleichen spielte er ein echt mephistophelisches Monster, geschminkt wie der schwarze Teufel persönlich, durch entsprechendes Mienenspiel und ganzkörperliche Aktion effektvoll ergänzt. Sein gekonntes Radschlagen am Ende des Prologs sollte wohl auf seine Wendigkeit hinweisen, mit der er die ganze Chose für sich selbst umzulenken gedachte? Großgewachsen, wie er ist, vermochte er durch weitausholende Armbewegungen immer wieder alle Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Der Bajazzo Canio, von Zurab Zurabishvili als weit sympathischerer Charakter angelegt, erfreute zunächst mit lockerem, belkanteskem Gesang und präsentierte seine Warnung vor Wahrwerdung des Spiels mit einigem Humor. Wie der versierte Sängerdarsteller (der im gesamten italienischen, französischen, slawischen und deutschen Tenorbereich zuhause ist) sich dann allmählich in die unausweichliche Tragödie hineingleiten ließ und dies ausschließlich mit gut fokussierter Stimme und glänzenden Höhen manifestierte, war meisterhaft. Trotz großer darstellerischer Intensität glitt er auch am Schluss nicht in vordergründige Brutalität ab, sondern drückte nach der fast tonlos artikulierten Feststellung „La commedia e finita“ die ermordete Nedda verzweifelt an sich, während die Bühnenlichter erloschen.                                                         

Die vorzügliche, sehr bewegliche, stimmschöne und facettenreich spielende Nedda der Eugenia Bushina vermochte die unterschiedlichen Gefühle, zwischen denen sie als Frau zwischen drei Männern und als Komödiantin hin- und hergerissen wird, sehr eindringlich und amüsant darzustellen. Ein guter junger Beppo mit hübschem Tenor war Maximilian Mayer. Lediglich dem Silvio von Klemens Sander fehlte der verführerische Baritonschmelz für den optisch passenden jungen Liebhaber.

Ein Sonderlob gebührt der Kostümbildnerin Andrea Hölzl, die sich neben der hübschen Tageskleidung für das „Cavalleria“-Ensemble ausgesprochen originelle, auch farbreiche Gewänder für die Komödiantentruppe hat einfallen lassen.

An die Spitze der zu Lobenden gehört freilich der Intendant Michael Garschall, dem das Engagement so vieler exzellenter Künstler zu verdanken ist!

Es erübrigt sich wohl der Hinweis an die Opernfreunde: Hingehen und anschauen! Es gibt noch 3 Aufführungen: 31.Juli, 3. und 5. August.

Sieglinde Pfabigan

 

 

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