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KLAVIER mit und ohne Orchester: MATSUEV, VOGT, GERSTEIN

26.07.2016 | cd, CD/DVD/BUCH/Apps

 4035719001464 RHAPSODY: SO des Bayerischen Rundfunks – JANSONS, MATSUEV – BR Classics CD – VÖ: 29.7.2016

In kompositorischer Freiheit und durchzogen vom melodischen genius loci schufen Emmanuel Chabrier, George Enescu, Maurice Ravel, Franz Liszt oder George Gershwin instrumentale Rhapsodien voll schwingender Rhythmen, erfinderischer Kraft und kühn gefärbten Exotismen. Berühmt sind sie, diese Werke und oftmals auf Tonträger eingespielt. Rumänisches, ungarisches, spanisches oder amerikanisches Lokalkolorit zeichnen sie als Juwelen des Konzertrepertoires aus, die Rumänische Rhapsodie in A-Dur von Enescu, die Ungarische Rhapsodie Nr. 2 von Liszt, Espana von Chabrier oder die Rhapsodie espagnole von Ravel und erst recht die Rhapsodie in Blue von Gershwin, die ja ursprünglich American Rhapsody heißen sollte. Schon des manchmal applaushaschenden Effekts wegen haben viele berühmte Dirigenten diese leicht eingängigen populären Partituren auf ihre Pulte gelegt. Von Ataulfo bis Bernstein, von Karajan bis jetzt Jansons waren und sind sie damit auch erfolgreich. 

Was an der Live-Neueinspielung aus dem Herkulessaal in München aus dem Jahr 2015 besonders besticht, ist die unbändige Spielfreude des Orchesters, die Brillanz der einzelnen Instrumentengruppen, die Raffinesse in der Klangregie und die herausragende Aufnahmequalität. Schon allein letzterer wegen sollten Hi-Fi Freunde eine Anschaffung in Erwägung ziehen. Rauschhaft stürmt spanisches Temperament ins Wohnzimmer, kündet der großartige russische Pianist Denis Matsuev von den Wundern New Yorker Eleganz und tänzelnder Unbeschwertheit, lockt uns Marius Jansons zu den Ufern der Donau in Ungarn oder an dessen Delta stromabwärts. Alleine  Maurice Ravel ist und bleibt trotz hispanisierender Inspirationsquelle ganz im französischen Element, fatalistische Melancholie und Grandezza lassen den Hörer beim Beginn der Rhapsodie espagnole innehalten.

Die große Palme gebührt dem Wunderklangkörper aus München. Wie das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks hier aus Kastagnetten-Klischees ausbricht und aus scheinbar abgedroschenen, zu Tode gespielten Gassenhauern große symphonische Suiten zaubert, ist ereignishaft. Die hohe Instrumentierungskunst kommt erst durch die fabelhaften Streicher, die kecken Holzbläser, das edle Blech und die zupackenden Schlagzeuger so recht zur Geltung. Jede einzelne Musikerin und jeder einzelne Musiker dieses Orchesters möge sich persönlich vor den Vorhang gebeten fühlen. Sie sind Spitze! Maris Jansens Verdienst ist es, für eine spannende Tiefenstaffelung, eine besonders offene Räumlichkeit und durchhörbare Auffächerung des Klangs gesorgt zu haben. Transparenz und hohe Energetik, brillante Solostellen und kernige Tutti gehen bei diesen Aufnahmen ein besonders gelungene Ehe ein. Eine CD, die mit ihren „klingenden Reiseimpressionen“ (Renate Ulm) tatsächlich die richtige Ferienstimmung verbreitet. 

Dr. Ingobert Waltenberger

 

4260085533107  „FOR CHILDREN“: LARS VOGT spielt Larcher, Schumann, Bartok – Avi-music  CD –  „Tritt nicht auf den Regenwurm“

 Das Kind im Mann – Lars Vogt ist auf dem Cover am Klavier zu sehen, er spielt vierhändig mit seinem Teddy-Bären. Mit seinen Lieblings-Plüschtieren kann jede/r plaudern, albern aber auch Musik hören oder machen. Die Fantasie erlaubt dem Kind alles, wo Erwachsene nur der Ratio folgen und sich damit viel an Poesie, Imagination und Lebensreichtum nehmen. Auch in der Musik können Kinder ganz anders drauf sein, als man sich das so gemeinhin vorstellt. Einfach muss nicht naiv sein, Stimmungen, Geschichten und fabel- bis märchenhaften Anklänge in der Musik sind grenzenlos und universell.

 Das wundervolle neue Album, das Lars Vogt jetzt für Kleine und Große gleichermaßen erarbeitet hat, enthält Ausschnitte aus dem Album für die Jugend Op. 68 von Robert Schumann, das ja programmatisch in eine Abteilung für Kleinere und eine für Erwachsene gegliedert ist. Darüber hinaus sind eine Auswahl an Klavierstücken für Kinder von Béla Bartók sowie als Weltersteinspielung die Poems von Thomas Larcher zu hören. Was hat Lars Vogt dazu bewogen, dieses „Kinderalbum“ aufzunehmen? Wohl die Sehnsucht, technisch weniger anspruchsvolle Stücke mit Seele zu erfüllen, Kindheitserinnerungen wachzurufen, aber auch den weiten Gehalt der oftmals konkret betitelten Kompositionen (z.B.: „Knecht Ruprecht“, „Frühlingsgesang“, Erster Verlust“) auszuloten. Beim Zyklus Poems von Larcher, den ich als besonders reizvoll und gelungen empfinde, steht aus Sicht von Lars Vogt die Erwachsenenperspektive im Vordergrund. Stücke wie  „Frida schläft ein“ oder „Tritt nicht auf den Regenwurm“ belegen das anschaulich, mit pädagogischem Augenzwinkern oder wie im Falle von „Ein kleines Stück für Ursu“ (gewidmet der früh verstorbenen Pianistin Mihaela Ursuleasa) doch auch nachdenklich bescheiden. Der Zyklus Poems ist 2010 beim Festival „Spannungen“ in Heimbach als Auftragswerk entstanden und wurde von Kindern uraufgeführt.

 Die bekannteren pianistischen Miniaturen von Schumann und Bartók spielt Lars Vogt verinnerlicht und mit großer Ernsthaftigkeit. Besonders dem ihm sehr nahe stehenden Schumann-Zyklus, der ja als Unterrichtsliteratur entstanden ist, gewinnt der Solist alle „phantastischen“ Ausdrucksnuancen der klingenden Gefühle von „großer Traurigkeit über Wut bis Riesenfreude“ (Vogt)  ab. Bei Bartók kommt die folkloristische Seite hinzu, die „Studie für die linke Hand“ oder „Kindertanz“ waren schon früh Lieblingswerke von Lars Vogt. Das hört man auch der Interpretation an, die neben großer Klarheit des gespielten Notentextes auch genügend Raum für feine Zwischentöne lässt.

 Zu dieser CD kurz: Ein Vorbild für die kleinen Klavierspieler und Klavierspielerinnen von heute und eine große, bisweilen melancholisch gefärbte Freude für jung gebliebene Erwachsene.

 Dr. Ingobert Waltenberger

 

4260183510192 FRANZ LISZT/Transzedentale Etüden – KIRILL GERSTEIN – myriosclassics SA-CD – „Bach ist das Alpha und Liszt das Omega des Klavierspiels“ (Ferruccio Busoni)

Sie gelten mit als das technisch Anspruchsvollste der gesamten Klavierliteratur. Diese Etüden nach dem Vorbild Haydns, Beethovens und Czernys, die alle Form sprengen, in ihrer inneren Wahrheit als auch den dazu verwandten Mitteln nach den Sternen greifen und auch wohl in der Sehnsucht nach der Auslöschung ihren schwankenden Anker finden. Noch einmal ausreizen was möglich ist, noch einmal den wilden Blick irrlichternd auf die wilde Jagd schicken, bevor er sich im eisigen Schneegestöber blind bricht.

Der in Berlin lebende Pianist Kirill Gerstein hat sich in seinem neuesten Album an den gesamten 12-teiligen Etüden-Zyklus in der dritten Fassung von 1852 gewagt und viel gewonnen: für sein Spiel, für das Verständnis des eigentlich Unfassbaren und für die Interpretation, die eher fein flimmernd die Sterne sucht als sich auf ein Formel I-Rennen der höchsten Geschwindigkeit einzulassen. Wer diesen Zyklus spielen kann, bricht ohnedies schon alle Rekorde. Zu Fragen der bloßen Technik gesellen sich freilich viele Entscheidungen über das Wie, konkret den Grad an Romantik, den diese ohnedies jenseits aller Vorstellung vor Rausch und virtuoser Besessenheit berstenden Stücke verträgt. Da finde ich es äußerst angenehm, dass Kirril Gerstein nicht drauflos drischt und vielmehr mit fein nuancierendem Anschlag Haupt- und Nebenstimmen dynamisch voneinander abstuft. Allerdings frage ich mich, ob nicht ein weniger exzessiver Gebrauch des Pedals dieser Musik besser täte? In einem Interview für das Booklet lässt Kirill Gerstein den Hörer tief an seinen wohl überlegten Gedanken zur musikhistorischen Bedeutung und der Interpretation teilhaben: „Das erste Preludio ist ein kurzer Ausbruch an pianistischem Feuerwerk, ein virtuoses Ausprobieren der Tastatur. Das zweite Stück, das Busoni Fusées nannte, ist ein Bravourstück voller Teufelskünste paganinischen Ausmaßes. Während der Zyklus voranschreitet, heben die Stücke zunehmend vom Boden des Physischen ab, sie steigen allmählich in höhere Ausdrucksgefilde. Die letzte Etüde Chasse-neige schließt den Zyklus auf moderne Weise. Liszt löscht seine Klangfarbenleinwand aus, er lässt sie zuschneien.“

Gerstein selbst kritisiert zu Recht Kollegen, die diese Stücke zu lärmend und zu hastig spielen. Die Art, wie er selbst an die einzelnen Stücke herangeht und ihren Aufbau als Teil eines Gesamtkonzepts begreift, ist gänzlich überzeugend. Für am gelungensten und faszinierendsten halte ich die Nummern 11 „Harmonie du soir“ und 12 „Chasse-neige“. wo Gerstein wirklich kompromisslos sein Credo des schwebenden Flimmerns dieser Musik, diesen Schleier wie auf späten Gemälden Monets in klingende Mystik, in eine impressionistisch gezeichnete Klangsprache umzusetzen vermag. Kirill Gerstein ist final ein großartiger Geometer dieser pianistischen Landschaften Franz Liszts. Seine Vermessung dieser 100 Seiten langen Partitur mag wohl als neuer Maßstab gelten.

Dr. Ingobert Waltenberger

 

 

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