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KLAVIER, GEIGE, FLÖTE – mit und ohne Orchester

18.03.2016 | cd, CD/DVD/BUCH/Apps

 

sok GRIGORY SOKOLOV SPIELT SCHUBERT, BEETHOVEN, RAMEAU UND BRAHMS – Deutsche Grammophon 2 CDs, Mitschnitte aus Warschau und Salzburg 2013

Sie kennen das: Sie legen eine LP oder CD auf und spüren von der ersten Sekunde an das gewisse Mehr, dass eine sehr gute Aufnahme von einer einzigartigen unterscheidet. Dieses unbeschreibliche Fluidum (à la Kleiber), das einen Musikraum in eine  Kathedrale und jedes Zuhören in eine Meditation wandelt, ist der nunmehr vorliegenden Neuerscheinung zu Eigen. Eigentlich heißt noch irgendetwas über Sokolov zu schreiben, Eulen nach Athen zu tragen. Jeder Musikinteressierte weiß mittlerweile um den echten Ausnahmerang des Russen. Aber jede authentisch neue Stimme, die dieses echte Musikantentum mit dem unbeschreiblichen Timing und Feintuning bezeugt, trägt nicht nur zur gerechten Mythenbildung bei, sondern bestätigt den Satz Hans Hotters auf die Frage, warum er die Winterreise so oft gesungen habe: „Die Wahrheit kann man nicht hat oft genug sagen.“ Zu den Preziosen des Albums gehören Schuberts Impromptus op. 90 sowie dessen Klavierstücke D. 946 und Beethovens  »Hammerklavier«-Sonate op. 106, garniert mit einigen Zugaben von Rameau (Suite D-Dur (Auszüge) aus dem Premier Livre de pieces de clavecin; Les sauvages) undBrahms (Intermezzo op. 117 Nr. 2).

Erstaunlicherweise treiben die PR-Leute der Deutsche Grammophon oder auch bei Eurodisc (Neuveröffentlichung des Chopin‘schen Klavierkonzertes mit den Münchner Philharmonikern unter Rowicki auf LP aus dem Jahr 1977) ähnlich wie einst bei Karajan den Personenkult auf die Spitze, indem der „arme“ Sokolov in riesigen Lettern beworben wird und die Namen der Komponisten, deren Werke erklingen, im Vergleich dazu recht  klein darunter aufscheinen. Dabei hat Sokolov das erstens nicht nötig und zweitens spielt er dermaßen differenziert werkbezogen und in hoher Demut vor seinen Komponisten, dass diese Aufmachung einen ganz anderen Eindruck erwecken könnte als das akustische Erlebnis, dem man beiwohnen darf. Bei Sokolov ist nämlich wirklich wo es drauf steht Schubert oder Chopin drin, die Tiefenauslotung und musikalische Exegese grenzen an Magie. Er spielt behutsamer und weniger plakativ als manch einer seiner pianistischen Stargenossen,  dennoch wirkt der Zugang zu den Meisterwerken stets bescheiden, in Tempo und architekturaler Analyse Meilen abseits der bekannten Standards eines Brendel oder Horowitz. Umso besser: Nicht der eigene Stempel oder Duftmarke stehen bei Sokolov im Vordergrund, dafür eine Anschlagskultur, eine dynamische Feinmechanik, höchste Finesse in den Rubati und eben jenes so kostbare Gefühl für Zeitproportionen, das die Naturgesetze zwangsläufig aufhebt. Der Streit um die Tempi (Vorwurf zu rasch bei Schubert, zu breit bei Beethoven) scheint mir in Anbetracht der Schlüssigkeit der Gesamtentwürfe müßig. Selbst wenn es langsam zugeht wie bei der Hammerklaviersonate, so baut eine immense Innenspannung jedwedem Gefühl von Langatmigkeit vor.

Aber auch die Zugabe  mit ausgewählten Stücken von Rameau und Brahms sind exquisit in ihrer individuellen Aneignung. Vergessen sie jede Erwartungshaltung und genießen sie Interpretationen abseits ausgetretener Pfade, immer auf Höhe der conditio humana eines außergewöhnlichen Interpreten. 

Dr. Ingobert Waltenberger

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Nach den  Tourneedaten zu schließen, dürfte Sokolov zumindest kein „scheues“ Genie sein: 19.3 Hannover, 20.3 Braunschweig, 22.3 Hamburg, 29.3 St. Petersburg, 5.4 Madrid, 7.4. Barcelona, 9.4. Chiasso, 11.4. Firenze, 13.4. Milano, 15.4. Roma, 19.4. Bologna, 21.04 Stuttgart, 23.04 München, 25.04 Budapest, 27.04 Bregenz, 03.5. Toulouse, 8.5. Dortmund ,10.5. Düsseldorf, 12.5. Berlin, 14.5. Schwetzingen, 16.05 Katowice, 20.05 Arnhem, 22.05 Amsterdam, 25.05 Bergamo, 27.05 Brescia, 31.5. Köln, 7.6. Valencia , 4.6. Helsinki  18.6. Fribourg , 7.7. Colmar, 12.7. Wiesbaden, 14.7. Bad Kissingen, 26.7. Verbier, 31.7. Kiel, 5.8. St.Moritz, 9.8. Salzburg, 11.8. Bolzano, 15.8. Krakow

 

reger MAX REGER: KONZERT FÜR VIOLINE UND ORCHESTER A-DUR, bearbeitet für Kammerensemble von Rudolf Kolisch – Capriccio/Deutschlandfunk CD – Winfried Rademacher und das Linos Ensemble legen eine irsisierend glänzende Wiedergabe des monumentalen spätromantischen Violinkonzerts vor

Liebhaber der Musik von Richard Strauss werden auch bei diesem dreisätzigen Violinkonzert voll auf ihre Kosten kommen. Die äußerst reizvolle Bearbeitung  für ein kleines Kammerensemble (Flöte, Klarinette, Horn, Violine, Villa, Cello, Kontrabass, Klavier und Harmonium) durch den Geiger Rudolf Kolisch geht auf den Verein für musikalische Privataufführungen zurück. Gegründet von Arnold Schönberg hatte der Verein zum Zweck, „Künstlern und Kunstfreunden eine wirkliche und genaue Kenntnis moderner Musik zu verschaffen.“ Dabei standen die Werke Mahlers und Regers im Mittelpunkt des Interesses, Schönberg hielt Reger für nichts weniger als ein Genie.

Und wirklich, wenn man das Violinkonzert oder die Tondichtungen dieses Komponisten anhört, begegnet man herrlicher spätromantischer Musik, die keinen Deut schlechter ist als vergleichbare und wesentlich populärere symphonische Werke etwa eines Richard Strauss oder Alexander von Zemlinsky. Die Hybris des Komponisten einmal beiseite (O-Ton: „Es mag ja rasend arrogant sein, aber ich habe das Gefühl, dass ich mit diesem Violinkonzert die Reihe der zwei Konzerte Beethoven-Brahms um eines vermehrt habe“) weist dieses 1908 in Leipzig durch Marteau/Nikisch uraufgeführte fast 60-minütige Konzert große Qualitäten auf. 

Den genannten großen Vorbildern (vor allem Beethoven) folgend, setzt nach einer etwa 3-minütigen Orchestereinleitung der Solist ein. Der mit 27 Minuten Spieldauer monumentale Stirnsatz hört sich eine wild-jugendlich-frische Tour durch eine Landschaft voller Berge und Seen an, voller Spiellust und überreich an harmonischen Überraschungen und komplexen wie immer neu aus sich schöpfenden Wendungen, die dem Solisten ein eigenes Universum an Virtuosität und Ausdrucksmöglichkeiten geben. Die konzertierende Violine ist stets überaus gut in den Orchesterpart eingebunden, und parliert in den solistischen Kadenzen wie improvisiert aus dem tänzerischen-verträumten Fundus schöner Erinnerungen. Nach einem romantischen zweiten Satz  darf der dritte Satz laut Reger als „eine Photographie von Teufels Großmutter, als selbige würdige Dame noch jung war, auf alle Hofbälle ging, sich da unglaublich satanisch benahm..“, gelten. Dieser augenzwinkernden Diagnose ist nichts hinzuzufügen.

Oder doch? Das  Linos Ensemble und der „Teufelsgeiger“ Winfried Rademacher spielen diese Musik tatsächlich so, dass man Schönbergs Wertschätzung für dieses selten aufgeführte Werk durchaus nachvollziehen kann. Eine Entdeckung!

Dr. Ingobert Waltenberger

 

rein CARL HEINRICH CARSTEN REINECKE: Ballade, FLÖTENKONZERT und Streicherserenade – Dynamic CD

Der in Altona geborene weitgehend unbekannte deutsche Komponist begann erst im Alter von 84 Jahren (d.h. um 1910) mit dem Schreiben von Musik für Flöte und Orchester. Die unverkennbar unter dem Einfluss von Mendelssohn und Schumann verankerte Romantik des Flötenparts wird ergänzt durch einen spätromantischen Orchestersatz. Diese an sich reizvolle Melange ergibt ansprechend anzuhörende Musik, hübsch arrangiert und auf der vorliegenden CD gut interpretiert, mehr aber auch nicht. 

Der zwischen technisch vertrackt und allzu konventionell changierende Solopart wird vom italienischen Flötisten Mario Carbotta virtuos gemeistert, wenngleich der Ton manchmal (zu) unstet und unruhig bleibt, anstatt ruhig fließen zu können. Sowohl bei der Ballade Op. 288 als auch dem Flötenkonzert in D-Dur Op. 283 dirigiert der aus Bulgarien stammende Vladimir Kiradjiev das Rzeszów Philharmonic Orchestra. Eine nicht optimale Aufnahmetechnik hinterlässt hinsichtlich des Orchesterparts einen eher dunklen und schwerfälligen Eindruck. Der zu wenig transparente Ton scheint an den Lautsprechern zu kleben. Das verleidet insbesondere die Freude am Anhören der Serenade für Streicher in G-Moll, Op. 242.

Für Freunde von wenig erforschtem Randrepertoire ist diese Aufnahme sicherlich einen Versuch wert, wenngleich man sich eine liebevollere und klanglich differenzierte Umsetzung wünschen hätte dürfen.

Dr. Ingobert Waltenberger

 

 

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