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Klaus-Werner Haupt: JOHANN WINCKELMANN

BuchCover  Haupt, Winckelmann

Klaus-Werner Haupt:
JOHANN WINCKELMANN
Begründer der klassischen Archäologie und modernen Kunstwissenschaften
280 Seiten plus farbiger Bildteil, Weimarer Verlagsgesellschaft, 2018

Er starb vor 250 Jahren, es wäre 2018 also auch ein „Winckelmann“-Jahr, wenn sich hier die Jubiläen und Jahrestage nicht so sehr stauten, dass nur die allerersten Namen fürs Gedenken übrig bleiben. Dabei war Johann Joachim Winckelmann unter seinen Zeitgenossen eine Berühmtheit, dessen Namen jeder Intellektuelle kannte, mehr noch, über ihn reflektierte. Er hatte schließlich etwas ideologiegeschichtlich ungemein Bedeutendes erwirkt – nach der Renaissance erneut die Bedeutung der Antike formuliert. Der ganze deutsche „Klassizismus“, wie er heute zumindest noch architektonisch auf uns herunterblickt, beruht letztendlich darauf.

Klaus-Werner Haupt, der in seinem Buch über Johann Joachim Winckelmann diesem den zweiten Vornamen nimmt (dabei wird er immer als „Johann Joachim“ zitiert), tut diesem allerdings mit seiner ausführlichen Biographie etwas wirklich Gutes: Er befasst sich nicht (oder nur nebenbei) mit dem Skandal-Hautgout von Homosexualität und einem tragisch schmutzigen Mord, der in den meisten Betrachtungen hervorgehoben wird, sondern widmet sich dem Mann, dem Lebenslauf und vor allem seiner Leistung. Es ist eine ausführliche Biographie gewissermaßen alten Stils, wie man sie schätzt, die das Subjekt der Betrachtung in seine Zeit bettet – wo hat er gelebt, wie hat er gelebt, wer waren die Menschen, mit denen er umging, wie spiegelten sich die Zeitenläufte in seiner Biographie (sehr!). Und natürlich: Worin bestand seine Leistung. Und der Autor geht, um das vorwegzunehmen, noch weit über Winckelmanns Tod hinaus und rezipiert seine Wirkung. Besser kann man sie nicht klarstellen als damit, dass Goethe, der bestimmt kein „Sachbuchautor“ war, immerhin über ihn die Schrift „Winckelmann und sein Jahrhundert“ veröffentlichte und während seiner eigenen Italien-Reise immer wieder auf dessen Erkenntnisse Bezug nahm.

Geboren am 9. Dezember 1717 in Stendal in Sachsen-Anhalt, lesen sich seine frühen Jahre wie ein einziges Dokument der Unruhe: Ein hoch begabter junger Mann, der es immerhin aus der „niederen Herkunft“ der Schuhmachermeisterei des Vaters herausschaffte („durch Mangel und Armut“, wie er selbst formulierte), der sich eine exzeptionelle Bildung aneignete – und der suchte. Nach einem Ort und einer Tätigkeit, wo er sich verwirklichen konnte. Er studierte immer wieder alles Mögliche, nahm die eine oder andere Stellung an, bis ihm – ohnedies erst in seinen späten dreißiger Jahren – das Glück hold war.

Damals erlangte er ein Stipendium für Rom und dort eine Stellung, die ihn in unmittelbare Berührung mit dem brachte, was seiner tiefsten Neigung entsprach: den griechischen und römischen Altertümern, die es damals erst (man grub gerade Pompeji und Herculaneum aus) in vollem Ausmaß zu entdecken galt, die auch einen Mann wie Winckelmann benötigten, sie zu interpretieren, einzuordnen, ihnen ihr Schlagwort („edle Einfalt und stille Größe“) zu geben, das damals wie heute nötig war, um „medial“ etwas zu erreichen.

Er hat mit seinen Schriften, durch seine geschickt gepflegten Beziehungen, die Antike modern, interessant, in ihrer Schönheit bewundert und gewissermaßen „sinnlich“ gemacht. Er errichtete ein „Lehrgebäude“, das es der Mitwelt ermöglichte, antike Kunst zu verstehen und einzuordnen.

Der Autor führt den Leser in Winckelmanns Werke, aber auch in sein durchaus lebhaftes Leben ein, wo er – geschäftig Menschen suchend – mit den meisten der berühmten Zeitgenossen, die ihm des Weges kamen, kommunizierte, ein geschickter Stratege auch, immer wieder mit Widerständen konfrontiert, ein durchaus lebhaftes und durch dauernde Kämpfe sicher nicht glückliches Schicksal, das am 8. Juni 1768 in einem Triestiner Wirtshaus endete, wo ihn der Zimmernachbar ermordete, angeblich um Winckelmanns Münzsammlung zu stehlen.

Der Autor nennt es einen der best dokumentierten Kriminalfälle der Zeit, was stimmen mag, obwohl man vermutlich nie wissen wird, was dahinter steckte. Aber, wie gesagt, die kleinen, schmutzigen, sonst hoch gespielten Details spielen hier keine Rolle. Hier geht es, hoch interessant und ausführlich, um den Mann und vor allem um seine Leistung als Wissenschaftler, Denker, Interpret und Autor.

Renate Wagner