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Kitzmantel: DIE JIDDISCHE WELT VON GESTERN

12.05.2012 | buch

Raphaela Kitzmantel:
DIE JIDDISCHE WELT VON GESTERN
Josef Burg und Czernowitz
190 Seiten, mandelbaum verlag, 2012

Das Land hieß „die Bukowina“, und die Stadt hieß Czernowitz, und wohin es den Dichter Josef Burg im Laufe seines Lebens auch verschlug, dies bewahrte er in seinem Herzen: In einem geradezu ergreifenden Buch schildert die Autorin Raphaela Kitzmantel das Schicksal eines Dichters, der in seiner Lebenszeit (1912 bis 2009) seine Heimat zwar verloren, aber immer in sich getragen hat. Dass Josef Burg heute nicht so populär ist, wie er es sein könnte oder vielleicht sogar müsste, liegt daran, dass er immer am Jiddischen festgehalten hat – und außer Isaac Bashevis Singer hat noch kein Dichter dieser Minoritäten-Sprache seinen Weg in die große Welt der etablierten, anerkannten Literatur geschafft.

Obwohl das Habsburger Reich sechs Jahre nach seiner Geburt unterging, wo die Nationalitäten – und man sollte sich diese Aussage merken – zumindest in der Bukowina friedlich, tolerant und verständnisvoll miteinander lebten, blieb diese Welt für Josef Burg unverloren. Wobei auch, wie die Autorin es genau analysiert, die meisten Juden dort sich vor allem einem deutschsprachigen Bildungsbürgertum verbunden fühlten. Mehr als den orthodoxen, nicht assimilierten Juden, und mehr jedenfalls als den neuen Machthabern, die nach den Österreichern kamen: Das waren erst im Ersten Weltkrieg die Russen als Besatzer, dann die Rumänen, schließlich die Ukrainer, denen das Land heute gehört.

Die so selbstverständlich multikulturelle Gesellschaft des habsburgischen Kronlandes prägte Josef Burg, obwohl er nicht von Intellektuellen, sondern ganz einfachen Leuten abstammte. In frühen Werken hat er die harte ländliche Arbeitswelt geschildert, aus der er selbst kam. Jiddisch war die Sprache, jüdische Frömmigkeit bestimmte den Alltag, intelligente Rebbe formten die intelligente Jugend. Auch Kollegin Rose Ausländer schrieb einmal, dass man „Czernowitz atmet“: Josef Burg ging es genau so. Er blieb der Bukowina verhaftet, machte sie zum ewigen Thema seiner schriftstellerischen Arbeit. Und ganz seltsam ist, dass er sich noch bis zu seinem Tode im Grunde als – Österreicher fühlte…

In den dreißiger Jahren war Burg bis zum „Anschluss“ in Wien, wo er sich sehr wohl fühlte. Der „Anschluss“ vertrieb ihn, zurück nach Hause. Dann kamen die Sowjets, die absolut keine Judenfreunde waren und Synagogen auflösten und intellektuelle Juden nach Sibirien verschickten, abgesehen davon, dass ihr Eintreffen nun endgültig das Ende des deutschen Kulturlebens in Czernowitz bedeutete. Während des Krieges kamen wieder die Deutschen, und es ist geradezu schrecklich zu lesen, wie jede neue Machtübernahme für die Juden stets nur eine Perpetuierung einer gegen sie gerichteten Schreckensherrschaft bedeutete…

Burg war Lehrer geworden. Von 1941 bis 1959 (!) verschlug es ihn in die Sowjetunion, wo er als Deutschlehrer arbeitete, sogar bis Usbekistan kommend. Stalin bedeutete für Juden eine fast so tödliche Gefahr wie Hitler: Burg überlebte in den „schwersten Jahren meines Lebens“.

Noch einmal durfte er nach Czernowitz, und das immerhin für die restlichen 40 Jahre seines Lebens, aber „die Steine unter meinen Füßen weinten“: Es war natürlich nicht mehr die Stadt seiner Kindheit. Armselig lebend, konnte er dennoch wieder – wie schon in seinen Jugendjahren – als jiddischer Schriftsteller Fuß fassen, eine „Karriere“, die schrecklich unterbrochen worden war. Manche taten ihn als „Nostalgiker“ ab, viele anerkannten ihn als großen Schriftsteller einer unter gegangenen Welt. Burg hat auch das deutsche Volk nie kollektiv verurteilt: „Ich glaube nicht, dass ein ganzes Volk schuldig sein kann. Schuldig sind nur die Mörder.“

Den Traum eines lebendigen jiddischen Czernowitz, das wieder aufleben sollte, konnte Burg nicht erfüllt sehen. Die untergegangene Donaumonarchie blieb sein Ideal, eine Begegnung mit Otto von Habsburg war ihm wichtig, rührte ihn. Literaturkritiker erinnert er an Joseph Roth. Nun, da man seine ergreifende Biographie gelesen hat, möchte man Josef Burg selbst lesen. Auf Deutsch natürlich, immer um seine jiddische Identität wissend.

Renate Wagner

 

 

 

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