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KIEL: CARMEN – unterhaltsame Optik, gutes Musizieren

13.12.2015 | Oper

KIEL: CARMEN – Unterhaltsame Optik – gutes Musizieren. Premiere am 12.12.2015

Es scheint in Kiel die Spielzeit der besonderen Bühnenbilder zu sein, in die wir uns als Publikum verlieben dürfen und in denen sich Dramaturgie und Regie als Nebensächlichkeit präsentieren.
So auch in der gestrigen Carmen-Premiere.

Bühnenbildner und Ausstatter Walter Schütze zeigt uns eine Bühne, die größer wirkt als wir sie sonst kennen. Nun ist die Kieler Bühne nicht so klein, aber das Bühnenbild kommt in einem Breitbildformat daher, das auf das Auge wohltuend wirkt. In den Bühnenraum ist lediglich eine Schräge gebaut. Doch von oben schweben immer wieder in unterschiedlichster Formation sechs große Stahlkörbe mit jeweils einem auf die Seite gelegten Oval, das sich um die eigene Längsachse drehen kann. Schütze nennt sie „Seelen“. Von der einen Seite zeigt das Oval ein Relief, das an historisches Kopfsteinpflaster erinnert. Die andere Seite, wenn zum Publikum gewendet, kann in unterschiedliche Farben wechseln. So entstehen verschiedene Seelenzustände oder konkrete Dinge wie zb. ein Mond. Zu den etwas lapidaren Kostümen aus seiner Ideenwerkstatt treten eine Lichtregie (Martin Witze) wie man sie von großen Musicalproduktionen kennt und gut dosierte, große Videoproduktionen. Das ist alles sehr beeindruckend und unterhält ohne aufdringlich zu werden.

Auch die Regie von Matthias von Stegmann weiß zu gefallen. Dies allerdings weniger durch eine plastische und stringente Personenführung, sondern eher im Arrangieren von Bildern. Der Chor wird sehr gut durchchoreographiert und auch hier ist das Auge angetan, was einem Großteil des Publikums gefällt, das gekommen ist, um unterhalten zu werden.
Leider verlieren sich in den prägnanten und plakativen Einfällen die Darsteller und gelangen jedenfalls schauspielerisch zu keiner Verkörperung. Der Eindruck von szenischen Löchern bleibt.

Anders die musikalische Seite: von Anfang an hat man den Eindruck einer gründlichen Einstudierung. Unter der Leitung des Israelischen Dirigenten Rani Calderon, spielt das Orchester wunderbar homogen, stilistisch sicher, mit Verve und gleichsam präzise. Die geforderten Holzbläsersoli spielen allesamt tadellos und inspiriert.
Besonders schön gelingt das „Seelen“ballett auf der Bühne zur Musik des Entracte. Eine Einheit von Musik und Bühne.

Auch die Sänger singen auf hohem Niveau. Cristina Melis ist eine Carmen von ganz besonderem stimmlichem Format. Sie gebietet über ein ausnehmend schönes Timbre und eine große Stimme,  ohne je zu forcieren. Dennoch traut Sie sich auch zu schroffen, hässlichen Tönen, so wie man es von einer femme fatale erwartet. Allein ihr Spiel bleibt statisch.
Ihr Don José (Yoonki Baek) bewältigt die große und emotionale Partie des homme serieux mit Courage. Seine Bemühungen zum differenzierten Singen, schienen ihn aber zwischendurch sehr zu ermüden.

Im vollem Saft seines lyrischen und schönen Baritons gibt Tomohiro Takada den Escamillo als Partylöwen und Frauenschwarm. Schauspielerisch aber weniger einfallsreich.
Lori Guilbeau präsentiert sich als stimmschöne Micaela erstmals als neues Ensemblemitglied am Opernhaus Kiel. Sie singt die Partie mit warmem und großem Ton, zeigt aber Intonationsschwächen.

Sämtliche Nebenrollen (Stella Motina (Frasquita), Tatia Jibladze (Mercédès), Andreas Winter (Moralès), Zuniga (toll dargestellt von Timo Riihonen), Michael Müller (Dancairo) und Fred Hoffmann (Remendado)) sind gut besetzt und verhelfen der Oper schauspielerisch zu ihrem komischen Charakter, wie es der Komponist wollte.
Ganz besondere Erwähnung muss der Kinder-, Opern- und Extrachor unter der Leitung von Lam Tran Dinh finden, die sich ihren großen Aufgaben mit höchster Präzision, homogen und klangschön entledigen.

Am Ende großer Beifall für alle, besonders für den Escamillo von Tomohiro Takada und das Orchester unter Gastdirigent Rani Calderon; vereinzelte, aber stimmstarke Buhs für das Regieteam.

Fazit: Ein optisch und musikalisch vollauf gelungener Abend, der gute Unterhaltung ohne zu viel Emotion bietet.

Berit Jürgensen

 

 

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