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Katharina Wagner (Hsg.) u.a.: SÜNDENFALL DER KÜNSTE

23.08.2018 | buch

Katharina Wagner, Holger von Berg, Maria Luise Mantz (Hsg.).:
SÜNDENFALL DER KÜNSTE
Richard Wagner, der Nationalsozialismus und die Folgen
222 Seiten, Bärenreiter Kassel Verlag, 2018

Richard Wagner kann natürlich „nichts dafür“, dass es den Nationalsozialismus gegeben hat. Andererseits gilt er der Nachwelt als der Mann, der ein Werk geschaffen hat, das sich von einem Verbrecherregime ideologisch bestens verwerten ließ. Und darum wird dieses Thema nie ausgestanden sein – wie auch ein neues Buch zu wiederum diesem Thema zeigt. Es enthält jene Vorträge und Diskussionen, die 2017 unter dem Motto „Diskurs Bayreuth“ stattfanden. Ein wissenschaftliches Rahmenprogramm dieser Art soll es künftig jeden Sommer in Bayreuth geben, und Katharina Wagner als Mitherausgeberin des Buches steht dafür, dass man es als „Chefsache“ erachtet.

Die Veranstaltung, die Ende Juli / Anfang August vorigen Jahres stattfand, umfasste neben Einzelvorträgen und Gesprächen auch Kammerkonzerte, vordringlich mit Werken von Wagner-Nachfahren, die in irgendeinem (möglicherweise diametralen) Bezug zu ihm standen. Die einzelnen Vorträge sind, da sie ja nun eine oftmals behandelte Thematik erneut betrachteten, von unterschiedlichem Interesse. Andererseits konnte man auch Neues erfahren, und da ist der Beitrag von Ulrich Konrad aus Würzburg wohl der aufschlussreichste.

Konrad, der die historisch-kritische Ausgabe von Wagners gesamten Schriften herausgibt, hat nicht nur über den Umfang des Unternehmens Erstaunliches zu berichten: ein von seinen Anfängen an (er war 21) fanatisch, unentwegt schreibender Mensch („Sieht er ein Tintenfass und eine Feder, so beginnt er zu schreiben“), der in Venedig quasi beim Schreiben gestorben ist, hat neben seinen Dichtungen und Dramen ununterbrochen theoretische Schriften verfasst, um sein Werk und sein Gedankengebäude näher zu erläutern – das ergibt 20.000 (!!!) eigenhändig beschriebene Seiten, die nicht nur ediert, sondern auch in den Kontext gebracht werden wollen.

Und da ist der Herausgeber vorbildlich um die „Historizität“ bemüht. Tatsache ist ja wohl, dass Wagners Aussagen – vor allem jene über das Judentum – immer nur stückweise zitiert werden (der Autor bezweifelt, dass Wagners theoretische Texte von allen, die sie im Mund führen, auch tatsächlich gelesen wurden). Und dass es Worte und Begriffe gibt, die zu Wagners Zeiten ganz andere Bedeutung und Schattierung hatten wie heute, wird gerne aus demagogischen Gründen übersehen. Wenn Wagner von „Vernichtung“ spricht (ein Begriff, der in seinem „Ring“ von gewaltiger Bedeutung ist), besteht der zeitgemäße Kurzschluß darin, hier „Auschwitz“ zu denken, obwohl Wagner dies völlig anders gemeint hat. Ulrich Konrad würde hier ein „Wagner-Wörterbuch“ postulieren (so wie es dieses für Goethe gibt), „um die spezifische Bedeutung von Wörtern, die in Wagners Briefen und Schriften vorkommen, zu erläutern“. (Konrad nennt das sehr richtig „Vorgänge semantischer Verschiebung“.)

Und wenn Wagner in „Das Judenthum in der Musik“ vom „Aufhören, Jude zu sein“ spricht, meinte er nicht die körperliche Vernichtung, sondern im Grunde das Aufgehen in die Gesellschaft rundum, also das, was viele Jude mit der Assimilation ja selbst geleistet haben. Nur dass es ihnen, exakt ein halbes Jahrhundert nach Wagners Tod, in Deutschland nichts mehr genützt hat…

Ulrich Konrad bedauert auch, dass das, was unsere Zeit an Wagner schätzen müsste, seine politische Radikalität, ja Radikalität in allen Belangen der Kunst und der Gesellschaft, untergeht in der verengten Betrachtung des Schriftstellers Wagner, der nur auf seinen Antisemitismus abgeklopft wird – ohne diesen auch in den Zeitzusammenhang zu stellen.

Ein besonders schöner Beitrag ist das Gespräch mit dem Komponisten Dieter Schnebel, Jahrgang 1930, der im Mai dieses Jahres gestorben ist und dessen Andenken man dieses Buch widmet. Schnebel, selbst ein Vertreter der experimentellen Musik, hat seine sicherlich nicht untypische Beziehung zu Wagner in einem Gespräch mit dem Germanisten Ernst Osterkamp geschildert: Ein Kriegskind, mit Wagner ausgewachsen, ein „nationalsozialistischer Wagnerianer“, der sich nach dem Krieg gänzlich einer anderen Musiksprache zuwandte, bis er zufällig Mitte der sechziger Jahre den „Tristan“ hörte und dem Komponisten verfiel, auch im Studium seiner Partituren, in denen er ungeheure Modernität, durchaus eine serielle Komponente fand und auch einen dreifachen Kontrapunkt am Schluß der „Götterdämmerung“…

Interessant auch Überlegungen, die nicht üblicherweise angestellt werden, etwa die Vereinnahmung Wagners durch amerikanische Populärkunst: Das reicht von Comic-Figur Bugs Bunny als Brünnhilde bis zum Flug der Kampfhubschrauber in Vietnam zum Walkürenritt in Coppolas Film „Apocalypse Now“. Auch das gespannte Verhältnis Israels zu Wagner wird behandelt, an dem selbst jüdische Dirigenten wie Barenboim oder Mehta nichts ändern können, und man erfährt interessante Details: Etwa, dass das Gewandhausorchester Leipzig mit einem Beethoven-Zyklus in Japan gastierte und höflichen Applaus bekam, Jubelstürme hingegen, als man als Draufgabe das „Meistersinger“-Vorspiel erklingen ließ…

Das Buch hat nur einen entscheidenden Fehler: Es gibt keine biographischen Verweise zu den einzelnen Teilnehmern, von denen mancher nicht unbedingt einer breiteren Öffentlichkeit bekannt ist. Man kann vom Leser nicht erwarten, die Autoren der Beiträge und die Diskutierenden auch noch zu „googeln“: Es wäre selbstverständliche Höflichkeit (auch ihnen gegenüber) gewesen, sie hier mit Kurzbiographie und ihrer Wagner-Kompetenz vorgestellt zu bekommen.

Renate Wagner

 

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