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KASSEL: UN RE IN ASCOLTO von Luciano Berio

06.06.2015 | Allgemein, Oper

Opernrarität in Kassel: „Un re in ascolto“ von Luciano Berio (Vorstellung: 5. 6. 2015)

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Bariton Marc-Olivier Oetterli als Prospero und die Gebärdensprachdozentin Christina Schönfeld als Mime (Foto: Nils Klinger)

 Im Staatstheater Kassel ist eine besondere Opernrarität zu erleben: „Un re in ascolto“ („Ein König horcht“) von Luciano Berio, die im Jahr 1984 in Salzburg als Auftragswerk der Salzburger Festspiele im Kleinen Festspielhaus mit Theo Adam in der Titelrolle uraufgeführt wurde.

 Luciano Berio (1925 – 2003) entstammte einer Organistenfamilie und erhielt von seinem Vater Musik- und Klavierunterricht. Nach dem Krieg studierte er an der Mailänder Universität Jura und am Konservatorium Komposition. Durch einen Studienaufenthalt bei Dallapiccola in Tanglewood erhielt er prägende Anregungen für sein Schaffen. Er beschäftigte sich auch mit elektronischer Musik und wandte sich nach Begegnungen mit Maderna, Pousseur und Stockhausen seriellen Techniken zu. Als Opern im traditionellen Sinn gelten „La vera storia“ (1982) und „Un re in ascolto“(1984), die nun am Staatstheater Kassel zur Wiederaufführung kam.

 Die Handlung des Werks (Berio nannte es Azione musicale), dessen Libretto Italo Calvino nach dem Essay „L’Écoute“ des französischen Philosophen Ronald Barthes verfasste, spielt in einer Stadt der Gegenwart: Ein König horcht in sich hinein, er horcht in die Körper der Menschen, horcht, wie die Welt atmet. Der horchende König Prospero ist ein „Theaterherrscher“, der in seinem Zimmer dem Traum nach einem besseren Theater nachhängt. In der Zwischenzeit bereiten sich der Regisseur, der Bühnenbildner, die Sänger, Tänzer und Clowns inmitten eines großen Durcheinanders auf eine Probe von Shakespeares Der Sturm vor. Es kommt zu Meinungsverschiedenheiten, die Prospero über sein Verständnis des Theaters sinnieren lässt, und er erleidet einen Schwächeanfall. – Eine große Schar von Menschen versammelt sich und will dem Schwerkranken helfen. Ein Königsthron wird gebracht und Prospero wird zum König der zu probenden Handlung erkoren. Die Realität vom Sterben des Theaterdirektors vermischt sich mit der Fiktion des Spiels. Nachdem die zweite Sopranistin ihre Arie vorgetragen hat, tritt die Protagonistin mit einer bewegenden Abschiedsarie auf. Die Schauspieler legen ihre Kostüme ab, Prospero stirbt.

 In „Un re in ascolto“ wird die Frage nach den Möglichkeiten des heutigen Musiktheaters gestellt. Dazu ein Zitat aus „Reclams Opernführer“: „Formal als Traum angelegt, ist die Handlung auch ein spielerischer Umgang mit Formen des Theaters. Wort, Musik und Aktion werden durch die Logik des Traums zusammengehalten.“ Die Bühne verwandelt sich zusehends in eine Art „Welttheater“ – die Geschichte einer Inszenierung wird zu einer Geschichte der Gefühle, an deren Ende Prospero zur tragischen Figur wird, weil er von allen verlassen wurde. 

 Paul Esterhazy brachte in seiner Inszenierung die oft rätselhafte, oft poesievolle Geschichte mit viel Humor auf die Bühne, die das Foyer eines Theaters im 1. Rang und Prosperos überladenes Arbeitszimmer als Spielstätte zeigt (Bühnengestaltung und Kostüme: Mathis Neidhardt). Für die Lichteffekte sorgte Albert Geisel. Bühnenbeherrschend war als Theaterprinzipal Prospero der Schweizer Bariton Marc-Olivier Oetterli, der meist im Bademantel und kettenrauchend seine Umgebung aushorcht und – von den Sängerinnen und Sängern oftmals enttäuscht – sich immer wieder an seinen Schreibtisch zurückzieht.

 Als Regisseur agierte der Tenor Markus Francke bei seiner Probenarbeit zu Shakespeares „Sturm“ ziemlich hektisch und dominant (offensichtlich sehr realitätsbezogen!). Das Sängertrio, das ein wenig blass blieb, wurde vom Tenor Paulo Paolillo, vom Bariton Hansung Yoo und vom Bass Hee Saup Yoon dargestellt, Sopran I war Lin Lin Fan,

Sopran II Bénédicte Tauran, der Mezzosopran Lona Culmer-Schallbach, wobei alle drei Sängerinnen stimmlich überzeugender als die Männer waren.  Weitere Pluspunkte der Aufführung, bei der eine große Anzahl von Schauspielern, Seiltänzern, ein Junge als Clown, ein Akkordeonspieler (Roman Komassa auf fast artistische Weise), zwei Pianisten und viele Statisten die Bühne bevölkerten, waren die Sopranistin Anna Nesyba in der Rolle der Protagonistin, die gegen Schluss ihren großen Auftritt hatte, als sie – eine Mauer durchbrechend – auf Prosperos Schreibtisch landete und ihre bewegende Abschiedsarie sang sowie die Gebärdensprachdozentin Christina Schönfeld, die – seit ihrer Geburt taub – als Mime eindrucksvoll und ausdrucksstark alle Szenen in der Gebärdensprache begleitete.

 Zu erwähnen wären noch die koreanische Sopranistin Nayeon Kim als Krankenschwester, der syrische Tenor Bassem Alkhouri als Doktor und die österreichische Mezzosopranistin Maren Engelhardt als Prosperos Gattin sowie der stimmkräftige Chor, der unterhalb der Bühne angesiedelt war (Einstudierung: Marco Zeiser Celesti).

 Das Staatsorchester Kassel unter der Leitung von Alexander Hannemann brachte die schwirrenden, oftmals grell klingenden Töne der mit kräftigen Farben gespickten Partitur von Luciano Berio sehr differenziert zum Klingen. Das nur spärlich erschienene Publikum – der Fenstertag zwischen Feiertag und Wochenende trug sicherlich dazu bei – zollte allen Mitwirkenden reichlich Beifall, ein paar Bravorufe gab es für Marc-Olivier Oetterli, den Darsteller des Prospero, und für den Dirigenten.

 Udo Pacolt

 

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