Online Merker Logo

Die internationale Kulturplattform

KASSEL: IPHIGÉNIE EN TAURIDE von Chr. W. Gluck

15.01.2015 | Oper

KASSEL: IPHIGÉNIE EN TAURIDE von Gluck
am 14.1. 2015 (Werner Häußner)

 Das Gluck-Jahr 2014 ist vorüber. Der 300. Geburtstag dieses wahrhaft europäischen Komponisten wäre in Deutschland im Strauss-Wirbel untergegangen, gäbe es nicht die kleinen und mittleren Theater: Dort, nicht in den gemeinhin als Metropolen der Opernkunst geltenden Spielstätten, ereignete sich die Befragung Glucks auf Gegenwarts-Relevanz: In Gera-Altenburg mit Nicolas Briegers „Iphigenie auf Tauris“, in Kaiserslautern mit einer klug aktualisierten aulidischen Iphigenie Benjamin Schads, in Lübeck mit Michael Wallners „Armide“ und in Ulm, wo Igor Folwill noch einmal in die dramatischen Geschehnisse im Land der Taurer entführte. Aber auch in Stuttgart: Begleitet von umfangreichen Veranstaltungen zum Thema präsentierte die Oper zwei Wiederaufnahmen: „Orpheus und Eurydike“ und Andrea Moses‘ nach wie vor bewegende „Iphigenie en Aulide“ – eine der gelungensten Auseinandersetzungen mit Gluck in jüngerer Zeit.

Doch ein „Gedenkjahr“ bleibt eine schillernde Blase, wenn sich keine Impulse für die Zukunft daraus ergeben. So darf mit Befriedigung registriert werden, dass einige bedeutende deutsche Opernhäuser 2015 „nachziehen“: Karlsruhe etwa, wo Arila Siegert im Juni „Iphigenie auf Tauris“ neu inszeniert, Mannheim mit einer neuen „Alceste“ in der Regie von Dietrich Hilsdorf oder Wiesbaden, wo Ingo Kerkhof „Orpheus und Eurydike“ in einer neuen Façon vorstellen wird.

Gerade noch zum Ende des Gluck-Jahres hat das Staatstheater Kassel mit Reinhild Hoffmanns düster-erhabener „Iphigenie in Tauris“ einen bemerkenswerten Akzent gesetzt. Bemerkenswert, weil Hoffmann das Erhabene in Glucks Tonsprache nicht in szenischer Erstarrung missdeutet, aber auch nicht an modernistischen Aktivismus verraten hat. Und weil die einst in Bremen und Bochum erfolgreiche Choreographin, die sich seit zwanzig Jahren als Regisseurin im Musiktheater positioniert hat, mit dem Stuttgarter Spezialisten für historische Aufführungspraxis Jörg Halubek einen gleich gestimmten Partner im Orchestergraben gefunden hat.

Halubek schwört das Staatsorchester Kassel auf eine federnde, rhythmisch geschärfte Spielweise ein, die vergessen lässt, dass man es hier nicht mit einem spezialisierten Ensemble zu tun hat. Seine Phrasierungen sind wie mit dem Zeichenstift hinskizziert: frei und dennoch höchst präzise. Die Tempi kommen nicht überhastet daher, lassen zumal den Holzbläsern Zeit, einen schönen Ton zu zeigen. Wenn die Plastizität des Klangs zu wünschen übrig lässt, könnte das dem großen Raum des Hauses geschuldet sein, der auch eine etwas stärkere Bassbesetzung vertragen hätte: Manchmal wirkt das Klangbild zu höhenbetont und, weil die Basis fehlt, zu trocken.

Reinhild Hoffmanns Blick auf die „Iphigenie“ ist ein pessimistischer: Wenn Diana mit einer leuchtenden Mondsichel hereinschwebt und mit leichtem, mädchenhaftem Ton (Anna Nesyba) ihre Botschaft verkündet, scheint der Konflikt beigelegt. Doch die Geschlagenen im Dunkel regen sich wieder: Drohend erhebt sich Thoas und zückt den Opferdolch. Der „barbarische“ Taurerkönig – Hee Saup Yoon singt ihn charaktervoll, aber mit zunehmend abflachendem Bass – ist kein brutaler Gewaltmensch: Die Opfer sollen die Angst eines existenziell verunsicherten Menschen beruhigen. Im Innersten erschüttert von der Willkür der schicksalsbestimmenden Götter, versucht sich Thoas Sicherheit zu erkaufen und setzt gerade dadurch sein Leben aufs Spiel.

Die Iphigenie von Hulkar Sabirova ist auch in Schmach und Leid eine beherrschte Erscheinung – an die zerbrochene Schmerzensfrau eines Achim Freyer (München und Stuttgart 1979) darf man bei ihr nicht denken. Das dunkle Gold ihres Kostüms (Andrea Schmidt-Futterer) unterstützt die Haltung königlicher Contenance. Sabirova setzt auf die verhaltene Geste: Kopf-, Hand-, Körperhaltung verraten eben auch den Erfahrungsschatz der inszenierenden Choreographin. Ihr dramatisch fundierter Sopran macht die Rolle nicht zur Wagner-Heroine, kann aber die Gesangslinie – ungeachtet flachen Ansatzes und einer manchmal zu grellen Präsenz – mit expressivem Nachdruck durchtränken.

Mehr szenische Präsenz hätte man sich von dem Freundespaar Orest und Pylades gewünscht: Das betrifft weniger die Stimmen von Hansung Yoo und Tobias Hächler. Sondern eher die Charakterisierung von Person und Interaktion. Da bleibt Reinhild Hoffmann im Arrangement stecken, findet für Ratlosigkeit und Resignation, für Aufbegehren und Altruismus keine adäquate Körpersprache. Das idealistische Feuer, das Gluck in der großen Arie des Pylades entzündet – man hört, wo sich Beethoven, Salieri und auch Mozart inspirieren ließen –, bringt Hächler mit Verve, aber ohne sichere Höhe zum Ausdruck. In den kleineren Partien ergänzen Bernhard Modes (Ein Skythe), Michael Kuzma (Tempeldiener) und Ulrike Schneider (Oberpriesterin) das Ensemble mit szenischer und vokaler Aufmerksamkeit. Jörg Weinöhl zieht als dunkle Erscheinung die Linie des Blutes an der Wand, droht mit dem Messer, verkörpert die Existenz einer Macht, der Menschen wie Götter ausgeliefert scheinen. Der Chor (Marco Zeiser Celesti) singt klangschön und ausdrucksvoll.

Ihre dunklen Bühnenwelten eröffnet Reinhild Hoffmann mit einem Bild, das in seiner knappen, symbolträchtigen Art für ihren Stil typisch ist: Ein weiß beleuchteter Vorhang zerreißt das Dunkel von oben nach unten; Iphigenie steht auf einem klotzigen Tisch und verblasst zu einem Schatten. Der Tisch wird später, auf seiner Platte liegend, zum Gefängnis. Tintiges Schwarz, lastendes Grau, kaltes Stahlblau sind die Farben für den Raum. Das blasse Weiß der Wände im zweiten Teil, das selten kräftig leuchtende Licht hat keine Chance gegen die abgründig-erhabene Düsternis dieser Welt. Eine Bildsprache, die das Atmosphärische von Glucks Oper beklemmend genau eingefangen hat.

Werner Häußner

 

Diese Seite drucken