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KARLSUHE/ Badisches Staatsballett: DER WIDERSPENSTIGEN ZÄHMUNG- Compagnie und Publikum in Feierlaune. Premiere

16.11.2014 | Allgemein, Ballett/Tanz

Badisches Staatsballett Karlsruhe: „DER WIDERSPENSTIGEN ZÄHMUNG“ 15.11.2014 (Premiere) – Compagnie und Publikum in Feierlaune

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Lyrisches Kontrast-Paar mit sauberer Linie: Rafaelle Queiroz (Bianca) und Zhi Le Xu (Lucentio). Copyright: Jochen Klenk

Erst vor wenigen Wochen wurde Ballettdirektorin Prof. Birgit Keil zu ihrem 70. Geburtstag mit einer Gala gefeiert, jetzt folgte noch ein ganz besonderes Geschenk: die Rechte für Aufführungen von John Crankos 1969 geschaffener Ballettkomödie nach dem gleichnamigen Bühnenstück von William Shakespeare. Eine überaus große Ehre für das seit 11 Jahren bestehende Ballettensemble und eine Auszeichnung für ihre tanzdarstellerischen Qualitäten, denn wie alle Handlungsklassiker dieses berühmten Choreographen und seiner Nachfolger sind hier außer einer erstklassigen Technik auch schauspielerisches Geschick und die Identifikation mit Charakteren gefragt. Im ohnehin viel zu schmalen Repertoire an heiteren Tanz-Abendfüllern haben wir es hier mit einem besonderen Juwel der Verschweißung von klassischem Ballett und Spielwitz zu tun. Crankos sprengkräftige Neuerungen des Ballettcodes entsprechen der ebenso bahnbrechenden literarischen Kunst des englischen Schriftstellers.

Das mit der Aufführungs-Überlassung verbundene Vertrauen des Cranko-Erben Dieter Gräfe wurde von der Karlsruher Compagnie in hohem Maße gerechtfertigt. Birgit Keils eigener Erfahrungsschatz mit Cranko sowie ihre im Zusammenwirken mit der von ihr geleiteten Mannheimer Tanz-Akademie erzielte Aufbauarbeit zeigen an diesem Premierenabend ihre Früchte. Die seit 40 Jahren u.a. Crankos Ballette aufzeichnende Choreologin Jane Bourne hat die TänzerInnen bestens vorbereitet, ihnen quasi die mit jedem Schritt und jeder Bewegung verbundene Bedeutung nahe gebracht und dabei auch die unzähligen kleinen Details berücksichtigt, die diesem Emanzipationsstück ihre besondere menschliche Tragweite verleihen.

Auf der weiten Bühne des Badischen Staatstheaters erhalten Elisabeth Daltons angepasste und mit Zwischenvorhang schnell verwandelbare Bühnenbild-Elemente eine neue Frische und auch ihre farblich teilweise geringfügig veränderten Renaissance-Kostüme entfalten zusammen mit der subtilen Lichtgestaltung von Steen Bjarke einen hohen visuellen Reiz. Die Hauptrolle der kratzbürstigen Edelmann-Tochter Katharina im Zusammenspiel mit einer bislang noch nicht erfahrenen höchste Kondition verlangenden Technik auf Anhieb in ihrer wesentlichen Essenz auszufüllen  – dazu gehört schon besonderes Talent. Die Erste Solistin Blythe Newman zeigt sich der immer wieder in Kampfstellung gehenden frustrierten älteren Tochter von Baptista von Anfang an gewachsen, verteilt mit Lust Ohrfeigen und Fußtritte und  wandelt sich ohne Effekthascherei von Aggression zu Friedfertigkeit. Besonders eindrücklich ist dies im zweiten Pas de deux nachzuvollziehen, wo ihr nach und nach brechender Widerstand in beständig willenloserem Gleiten in den Armen ihres Partners veranschaulicht wird, sie sich förmlich hängen lässt und auch in den risikofreudigsten Hebungsformen und Haltungen auf die ganzheitliche Unterstützung Petrucchios setzt. Diesen Teil des Erfolges hat sie Filip Barankiewicz zu verdanken, mit dessen Gast-Engagement ein besonderer Coup gelungen war, gilt der bis zum Ende der letzten Saison Erster Solist des Stuttgarter Balletts gewesene Pole doch als weltweit versiertester und gefeierter Interpret des nicht weniger als Katharina durchtriebenen Edelmannes. Seine rundum natürliche und in allen Belangen gereifte Gestaltung sowie seine immer noch formidabel zündende Drehperfektion, die von größer Animation getragene Sprung-Energie und das Wissen um die hier besonders ausgeprägten Kniffe der Partnerführung lösen beim Karlsruher Publikum auch ohne den finalen Überraschungs-Tripletour en l’air (dessen Gelingen sicher der jeweiligen Tagesverfassung entspringt) spontane Ovationen aus.

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Herrlich aufeinander eingespielt: Blythe Newman (Katharina) und Filip Barankiewicz (Petrucchio). Copyright: Jochen Klenk

Wenn die weiteren Solo-Darsteller, mit Ausnahme der goldrichtig besetzten Rafaelle Queiroz als temperamentvoll launischer Schwester Bianca mit sicherer Spitze und klarer Linie, etwas im Schatten des Hauptpaares standen, so in erster Linie weil sie in ihrer Debut-Nervosität sichtbar noch mehr mit der korrekten Ausführung der spielintensiven Choreographie als mit der darüber hinaus gehenden charakteristischen Ausgestaltung beschäftigt waren. Umso größer ist dafür die Spannung, mit der sie in weiteren Vorstellungen in ihre Rollen hineinwachsen können. Aber bereits im zweiten Akt gewannen sie alle an Lockerheit: Reginaldo Oliveira als dezente komische Akzente setzender Gesangs-Imitator und verschnupfter Geck Gremio, Louis Bray als lässig eingebildeter Lautenist Hortensio und Zhi Le Xu als ausstrahlungsschwacher und solistisch mehr als im Pas de deux reussierender Biancas bevorzugter Freier Lucentio.

Bruna Andrade, ganz aktuell mit dem Faust-Preis als Tänzerin des Jahres ausgezeichnet und damit ein weiterer Grund zum Feiern an diesem Abend, verdingte sich im Vorfeld ihres Katharina-Debuts ebenso wie Helène Dion als pointensichere Dirne, die durch eine List mit den beiden ungeliebten Bianca-Anwärtern verkuppelt werden.

Eric Blanc als Baptista und Andrey Shatalin als Wirt und Priester füllten ihre dankbaren Spielrollen ebenso aus wie die zu köstlichen Blödeleien angesteckten Diener Petrucchios. Der recht anspruchsvolle Pas de six während der Hochzeitsfeier gelang mit teilweise solistischer Besetzung reibungsloser als in so mancher Stuttgarter Repertoire-Aufführung. Und das Corps de ballet wirkte in seinen diversen Aufgaben als genervte Nachbarn, Karnevalsmasken und Hochzeitsgästen schon sehr gut eingespielt. Bei der Badischen Staatskapelle unter der umsichtigen Leitung von Steven Moore dauerte es indes eine Weile, bis sie sich aus einer brav buchstabierten Umsetzung mit quasi noch angezogener Handbremse der von Kurt Heinz Stolze duftig für Orchester gesetzten Klaviersonaten Domenico Scarlattis frei gespielt hatte und vor allem auch den vielen quirligen Holzbläser-Floskeln die geforderte Wendigkeit und den sprühenden Kitzel zu entlocken vermochte.

Crankos Einzug beim Badischen Staatsballett schlug hohe Wellen mit lange anhaltender Begeisterung und bescherte auf seine Art wie damals den Stuttgartern ein Ballett-Wunder.

Udo Klebes  

 

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