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KARLSRUHE: TANNHÄUSER – "Liebeslager und Altar". Premiere

08.10.2012 | Allgemein, KRITIKEN, Oper

Karlsruhe: „TANNHÄUSER“ 7.10. 2012 (Premiere) – Liebeslager und Altar


Phantastische Bildwelt – John Treleaven (Tannhäuser) mit Ensemble. Copyright: Monika Rittershaus, Badisches Staatstheater Karlsruhe

Sollte die beste der vielen Neuinszenierungen zum bevorstehenden Richard Wagner Jahr von einer Fach-Jury gekürt und mit einem Preis ausgezeichnet werden, hätte das Badische Staatstheater gute Chancen der Sieger zu sein. Denn eine Produktion, bei der sich Szene und musikalische Wiedergabe so glücklich vereinen wie hier ist in der heutigen Zeit, wo Regien oft rücksichtslos der Musik übergestülpt werden und egoistisch eigene Wege gehen, schon eine Seltenheit geworden. Vielleicht war es schlicht und einfach auch die daraus resultierende Dankbarkeit, aus der heraus das Publikum diese Premiere eine Viertelstunde lang euphorisch feierte. Bei den kraft ihrer allumfassenden Thematik und ihrer musikalischen Popularität erhöhten Angriffen ausgesetzten Werken Wagners wiegt solch eine einhellig positive Zustimmung umso höher. Und es gibt in der Tat auch nichts, was der Inszenierung von Aron Stiehl in Zusammenarbeit mit Rosalie als Raum- Kostüm- und Lichtskulpturgestalterin angekreidet werden könnte. Hier haben zwei Künstler ihres Fachs alles unternommen, um das Werk in seinem ideellen Zentrum und seiner reichhaltigen kompositorischen Substanz ohne Einschränkungen zur Geltung zu bringen.

Den Ausgangspunkt dazu bildet die Grundeinstellung, den beiden gegensätzlichen Welten des Stückes und ihrer Musik einen Raum zu schaffen, der beides im wahrsten Sinne des Wortes erhellt. Das Licht als spielerisches Mittel zwischen Abstraktion und Emotion, zwischen Traum und Wirklichkeit, aber auch zwischen zwei Welten, die Antipoden sind und doch untrennbar zu einem Ganzen gehören. Mit spiegelnden Boden- und Wandsegmenten sowie wenigen, aber dominierenden Requisiten schafft die für ihre außergewöhnlichen Installationen bekannte Kunstgestalterin Rosalie farblich fluoreszierende Sinnbilder (Licht: Stefan Woinke) zwischen rot, violett, grün, blau und gelb, die in ihrer Darstellungsweise phantasievoll sind und doch Konventionen bedienen. Durch die heutigen technischen Mittel ganz neue Klangräume zu ermöglichen und dennoch das Wesentliche und die Sinnhaftigkeit des Geschehens zu berücksichtigen – so lassen sich auch ungewohnte bildliche Eindrücke positiv verkaufen.

Im ersten und dritten Akt rücken zwei hohe schwarze baumartige Gebilde in den Mittelpunkt, die sich als das verführerische Reich der Venus entpuppen. In dessen verschiedenen Ebenen räkelt sich ein Teil des Ballettensembles, voran die geschmeidigen Solisten Flavio Salamanka und Rafaelle Queiroz, in einer passend zur Musik des Bacchanale fließenden, aber auch mit der passenden Prise Erotik aufgeladenen Choreographie von Davide Bombana. Ganz am Schluss, nach der Niederlage der Venus, verwandeln sich diese Aufbauten in zwei Altäre, deren Flügel Schmetterlingen gleichen und als Körper zwei Frauentorsi zeigen. Eben beide Seiten einer Frau, die angebetete Heilige und die sinnlich Verlangte. Riesige, wie unter dem Mikroskop vergrößerte, aus Stoff aufgeblähte und rot leuchtende Blumenkelche, deren Knospen kopfüberhängende Adame sind, schweben über der ersten Szene im Hörselberg. An deren Stelle rücken in der Jagdszene mit der Wiederbegegnung Tannhäusers und der Minnesänger Stilleben-Tableaus in Form von Naturidyllen mit Wildtieren.

Ein moderner Rittersaal mit großem Spiegel, silbernem Standbild und glitzernden Alu-Fässern, die sich beim Drehen als raffinierte Stühle entpuppen, bildet den Rahmen für den Sängerwettstreit des zweiten Aktes. Hier wurde wahrlich im Sinne des Komponisten Neues geschaffen, das aber letztlich dem Sinn und Flair des Stückes vollkommen gerecht wird. Dasselbe gilt für die Kostüm-Kreationen, die alte Formen und neue Verarbeitungen und Stoffe miteinander verbindet und dazu hin alle Beteiligten auch gut aussehen lässt. Rosalie beweist auch darin Geschmack, dass korpulente Menschen würdig eingekleidet werden können anstatt ihre Figur noch deutlicher bloß zu stellen. So tragen Venus und Elisabeth, die hier gemäß der Thematik wie auch des Regie-Ansatzes die zwei Seelen einer Frau und deshalb einer Sängerin überantwortet sind, geschickt geraffte lange Kleider.

Bei diesen Bildbeschreibungen könnte eine Einengung bzw. an den Rand Drängung der Personenregie nahe liegen. Doch das Gegenteil ist der Fall. Die Bühnenräume mit ihren sinnvolle Stimmungen schaffenden Durchleuchtungen weisen dem gesamten Ensemble genau den richtigen Weg, die Handlung in einfacher, aber bestimmter und stets nachvollziehbarer Interaktion verständlich zu machen. Dies betrifft besonders die Stellung Wolframs zwischen Tannhäuser und Elisabeth wie auch sein zunehmender Konflikt zwischen gesellschaftstreuer Tabuisierung und spürbar eigenem Verlangen nach dem verführenden Frauenbild.

Gerade auch für die musikalischen Belange erweist sich die phantasievoll gestaltete Bühne als vorteilhafter akustischer Raum. Davon profitierte denn auch das gesamte Ensemble.

Mit John Treleaven hat sich das Badische Staatstheater einen der wenigen echten Helden des Wagner-Tenor-Faches geangelt, der zudem über viel Bühnenerfahrung verfügt, und in Anbetracht seines begonnenen siebten Lebensjahrzehnts neben einer erstaunlich jungen Physiognomie über eine Stimme gebietet, die sich die immens fordernde Tessitura dieser Partie in keinem Moment erkämpfen muss. Eine kluge ökonomische Einteilung der Kräfte sowie die trotz hie und da schwerfällig einschwingender Töne erstaunlich leicht erzielte Gesangslinie gestatten dem Briten, allen dynamischen Abstufungen gerecht zu werden und entsprechend heikle Momente (die Steigerung der Hymne im ersten Akt, das Flehen um Erbarmen nach der Verbannung, die erregten Ausbrüche der Rom-Erzählung) als packende Höhepunkte aufzubauen. Zu diesem noch üppig vorhandenen Klang-Reichtum, einem in keiner Lage grell werdenden Timbre und dem großen Atem für die Steigerungen gesellt sich noch eine Ausdrucks-Intensität, die sich mit seiner körperlich-mimischen Gestaltung deckt und z.B. seinen verklärten Sterbeblick zu einem glaubhaft berührenden Moment werden lässt. Im Gegenzug spielt er hier zuvor genüsslich einen Egoisten, der unfähig zur Diskussion und aus seiner Zerrissenheit zwischen den beiden Frauenwelten heraus ein fähiger Künstler ist. Genau dafür hat Treleaven die überzeugende charismatische Präsenz. Eine großartige Leistung!

Welchen Schatz sich die neue Direktion mit der Amerikanerin Heidi Melton ins Ensemble geholt hat, wurde nach ihrem Einstand als Dido und Elsa hier noch verstärkt bewusst. Eine Frau, die mit der ganzen Skala einer weiblichen Stimme zwischen satter Tiefe und strahlend klarer und durchsetzungsfähiger Höhe zu spielen vermag und mit dem wellenartig fließenden Part der Venus genauso mühelos zu Recht kommt wie mit dem innigen Jubelton der Elisabeth. Ein Mezzo und Sopran aus einem Guss mit beispielhafter Text-Transparenz und sauberster Linienführung und lockendem bzw. seelenvollem Ausdruck. Und dazu eine natürliche und trotz minimal veränderter Erscheinung (als Venus mit schwarzer, als Elisabeth mit blonder Pony-Frisur, zuerst rote, dann grüne Kleid-Applikationen) wandelbare Darstellungsgabe.

Zum dritten Publikums-Favoriten wurde rollengemäß Armin Kolarczyk, der vielseitige und sympathische, technisch allen Belangen Herr werdende, ansprechend timbrierte Bariton des Hauses, als Wolfram. Ausgewogen zwischen liedhafter Intimität und raumfüllend pastosem Tonfall überzeugte er mit aufrichtigem Spiel zwischen Zurückhaltung und lebhafter Beteiligung im Zwiespalt von Konvention und natürlichem Trieb.

Als Landgraf steuerte Konstantin Gorny seinen markant und gesättigt dräuenden Bass bei, gewürzt durch seine typisch russische Färbung und die passend bestimmende Ausstrahlung eines Landes-Vorstehers.

Im Ensemble von Klaus Schneiders tonschön und präzise gegebenem Walther von der Vogelweide über Lucas Harbour als schneidig artikulierendem Biterolf, den Ensemble ergänzenden Minnesängern von Max Friedrich Schäffer und Luiz Molz bis hin zum Jungen Hirt, den Tom Volz vom Knabenchor Cantus Juvenum mit leuchtend heller und sauber getragener Stimme erfrischend ausfüllte und Tannhäuser liebevoll führte, gibt es keinen Schwachpunkt zu verzeichnen.

Beim Badischen Staatsopern- u.Extrachor (Einstudierung: Ulrich Wagner) dominierten nur phasenweise die Tenöre, ansonsten formierten sich alle zum geschlossenen Ensemble, das den Pilgern und der Gesellschaft lebendigen Ausdruck und bannende Stimmkraft verlieh. Wenn sich alle zum Schlußchor zur Bühnenmitte formieren und ihre Hände nach dem erhobenen Buch, dem Werk Tannhäusers, ausstrecken, im Hintergrund flankiert von den beiden Frauen-Ältären, beweist die Inszenierung ein letztes Mal, wie es ihr bei aller eigenständigen Bildwelt um musikalisch-inhaltliche Optimierung geht.

Großes tat sich auch im Orchestergraben, wo GMD Justin Brown die Badische Staatskapelle mit Vehemenz, aber auch viel Umsicht durch die vielen Klippen der Partitur steuerte. Mit eher gemächlichen, aber an den entsprechenden Stellen wirkungsvoll anziehenden Tempi wurden die zahlreichen romantischen Schönheiten der Partitur vor allem seitens der Holzbläser hingebungsvoll ausgekostet. Über die nur manchmal zu dünnen Streicher spannte sich das gut austarierte und abschattierte Blech. Die Übereinstimmung mit der Bühne war bemerkenswert gelungen, ebenso der Aufbau der Ensembles und der Ausgleich mit den Solisten.

Wie gesagt, ein wahres Fest zur Saisoneröffnung und ein preiswürdiges Geschenk zum Wagner-Jahr!

Udo Klebes

 

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