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KARLSRUHE: LA VESTALE von G. Spontini. B-Premiere

14.02.2013 | Allgemein, KRITIKEN, Oper

Gelungene Opernausgrabung in Karlsruhe: „La vestale“ von Gaspare Spontini (B-Premiere: 13. 2. 2013)


Die Szenen mit dem Chor der Vestalinnen gehörten zu den optisch stärksten Eindrücken (Foto: Jürgen Frahm)

 Mit einer musikalisch bedeutsamen Opernausgrabung wartete im Jänner 2013 das Badische Staatstheater Karlsruhe auf. Als ideale Weiterführung der Spielplanlinie „Französische Oper“ kam „La vestale“ („Die Vestalin“) von Gaspare Spontini (1774 – 1851) zur Aufführung, die nach ihrer Uraufführung im Jahr 1807 in Paris zu den erfolgreichsten Opern ihrer Zeit gehörte. Ihr triumphaler Erfolg war so groß, dass sie in deutscher Übersetzung bereits 1810 in Wien und 1811 in Berlin aufgeführt wurde.

 Gaspare Spontini wurde über Nacht berühmt, erhielt von Kaiser Napoleon den Auftrag zu seiner Oper „Fernand Cortez“, leitete von 1810 bis 1812 das Théâtre Italien und erhielt 1817 von König Ludwig XVIII. eine Pension. 1820 wurde er nach Berlin berufen, wo König Friedrich Wilhelm III. sein Bewunderer wurde und wo er mit dem erstmals verliehenen Titel „Generalmusikdirektor“ ausgezeichnet wurde. Erst als Spontini in die Auseinandersetzungen um eine nationale deutsche Oper hineingezogen wurde, begann sein Stern zu sinken. Seine letzte große, historisch-romantische Oper „Agnes von Hohenstaufen“ konnte sich nicht mehr durchsetzen.

 Die Tragédie lyrique in drei Akten, deren Libretto von Victor-Joseph Étienne de Jouy stammt, spielt im antiken Rom und handelt von einer historisch belegten Begebenheit aus der Zeit um 300 v. Chr., die von Winckelmann überliefert wurde. Die zur Keuschheit gezwungene Priesterin Julia, die in den Dienst der Göttin Vesta getreten ist, und der römische Feldherr Licinius setzen für ihre verbotene Liebe gegenseitig ihr Leben aufs Spiel und müssen sich einer göttlichen Prüfung unterziehen. Schließlich verzeiht die Göttin Julia und Licinius kann seine Geliebte zum Altar führen.

 Aron Stiehl zeigte in seiner Inszenierung (in französischer Sprache mit deutschen Übertiteln) die fatale und unheilvolle Verquickung von Kirche und Staat auf, wobei er die Oper in einem faschistoiden Staat der Neuzeit spielen lässt, in dem der religiöse Glaube der Bevölkerung zur Machterhaltung missbraucht wird. Es stellt sich allerdings die Frage, ob es sinnvoll ist, ein historisches Ereignis in die heutige Zeit zu verlegen. Diese Unsitte greift in letzter Zeit leider immer wieder Platz. Aber vielleicht ist es den Regisseuren zu mühsam, über die Vergangenheit Recherchen anzustellen. Und dass der Text des Librettos des Öfteren nicht passt, schert die Damen und Herren der Regie ohnehin wenig!

 Darüber hinaus wartete der Regisseur der Spontini-Oper mit einigen geschmacklosen Ideen auf, die von einem Großteil des Publikums mit Kopfschütteln, aber auch sichtbarer Verärgerung registriert wurde. So nützte er die Drehbühne dazu, das Arbeitszimmer des Pontifex Maximus, des römischen Oberpriesters, einige Male zu zeigen, in dem dieser ein Sektgelage mit der Großvestalin veranstaltet, ehe die beiden sich berauscht der Lust hingeben. Das Zimmer war übrigens mit Telefon und Fernseher ausgestattet, auf dem die Bilder der Überwachungskameras zu sehen waren, die an den Bühnenwänden angebracht waren. Auch änderte der Regisseur den Schluss der Oper: Nach Absprache mit der Großvestalin entzündet der hämisch grinsende Oberpriester selbst die Schale des Vestafeuers und hebt danach das Todesurteil Julias auf, sodass Licinius seine Geliebte in die Arme schließen kann. Plötzlich erscheinen jedoch zwei Soldaten mit Gewehren und zielen auf das Paar. Vorhang!

 „So ein Blödsinn – dieser Schluss ist doch hanebüchen“, reagierte mein Sitznachbar empört. Schade, dass sich der Regisseur nach der B-Premiere nicht dem Publikum zeigte. Aber vielleicht wollte er sich nicht neuerlich einem Buh-Konzert aussetzen, wie es ihm bei der A-Premiere widerfuhr, wie mir zugetragen wurde.

 Dass der optische Gesamteindruck der Oper dennoch halbwegs zufriedenstellend war, konnte man Frank Philipp Schlößmann danken, der ein gelungenes Bühnenbild in blaugrauen Tönen schuf, das die Enge eines klösterlichen Kerkers widerspiegelte, aus dem es scheinbar kein Entrinnen gibt. Die Kostüme von Franziska Luise Jacobsen zeigten das Volk in heutigen Alltagsgewändern, Licinius und seinen Freund Cinna in eher zeitlosen Uniformen mit Stiefeln und die Vestalinnen in eleganten goldfarbenen Gewändern. Für die kreativen Lichteffekte, die oftmals überraschten, zeichnete Stefan Woinke verantwortlich.

 In der Titelrolle als Vestalin Julia ließ Daniela Köhler als Gast ihren dramatischen Sopran in ihrer großen Soloszene des zweiten Akts leuchtend erklingen und erntete für ihren anrührenden Gesang verdientermaßen Szenenapplaus und Bravo-Rufe. Als römischer General Licinius überzeugte der britische Tenor Steven Ebel sowohl stimmlich wie auch schauspielerisch in jeder Szene. Ihm ebenbürtig Klaus Schneider als sein treuer Freund Cinna. Der deutsche Tenor verstand es wunderbar, auch sein „sprechendes“ Mienenspiel einzusetzen.

 Den römischen Oberpriester Pontifex Maximus spielte der Bassist Renatus Meszar mit großem Selbstbewusstsein und höchster Verschlagenheit. Stimmlich und darstellerisch konnte er voll überzeugen. Seine ideale „Partnerin“ war die türkische Mezzosopranistin Hatice Zeliha Kökcek (Mitglied des Karlsruher Opernstudios), die als Großvestalin und Geliebte des Oberpriesters einerseits eine „herrische“ Machtbesessene spielte und andererseits ihre weiblichen Reize raffiniert einzusetzen verstand. In zwei kleineren Rollen waren die wohlklingenden Bässe Alexander Huck als Oberster Haruspex und Andreas Netzner als Konsul zu hören.

 Eine Hauptrolle hatte der Badische Staatsopernchor inne, dessen weibliche Mitglieder die Vestalinnen waren, während die Männer des Chors als Volk und Krieger im Einsatz waren. Gut einstudiert von Ulrich Wagner, meisterten sie den umfangreichen Gesangspart exzellent. Die immer wieder aufwallend dramatische Partitur war bei der Badischen Staatskapelle unter der engagierten Leitung von Johannes Willig, der seit der Spielzeit 2011 / 12 Erster Kapellmeister am Badischen Staatstheater ist, in besten Händen. Großartig die Vorspiele zu den Akten, die bereits Meyerbeer und Wagner erahnen ließen.

 Interessant dazu, dass sich Richard Wagner in seiner Autobiographie „Mein Leben“ wiederholte Male mit Spontini und seinem Werk befasste und er sogar einen Nachruf auf den Komponisten nach dessen Tod schrieb, wie der Einführung zu entnehmen war, aber auch im informativ gestalteten Programmheft nachzulesen ist.

 Nach dem Fallen des Vorhangs war nur verhaltenen Applaus des Publikums zu vernehmen, zu groß schien der Schock des (höflich formuliert) merkwürdigen Schlusses. Starker und anhaltender Beifall danach für alle Mitwirkenden, vor allem für die Sängerin der Titelrolle, Daniela Köhler, die auch viele Bravo-Rufe einheimste, sowie für das Orchester und seinen Dirigenten.

 Udo Pacolt, Wien – München

 

 

 

 

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